Die Wahrheit über meine Ehe: Gisela erzählt

Gisela, 71, Rentnerin, 30 Jahre verheiratet, zwei Kinder aus erster Ehe

In meiner ersten Ehe war es fantastisch. Wenn Volker und ich im Wohnzimmer saßen, jeder las in einem Buch, einer entdeckte eine interessante Stelle, dann konnten wir das zu jeder Zeit vorlesen: "Hör doch mal, Volker ..." Mein heutiger Mann, Günter, sagt: "Jetzt nicht, ich bin am Computer", wahlweise auch einfach nur: "Psst, psst." Oder: Konzertante Musik. Volker und ich lauschten gemeinsam, aufs Sofa gekuschelt. Mein jetziger Mann hört auch klassische Musik, so ist das nicht - aber über Kopfhörer, nur für sich. Das ist vielleicht bei anderen Paaren genauso und wäre zu ertragen, wenn wir ansonsten eine gute Ehe hätten. Aber mein Mann ist gnatzig, unverträglich, und das schon lange, es hat noch zugenommen, seit Günter vor vierzehn Jahren mit einem Rückenleiden Invalide wurde. Er entschuldigt sich zwar bei mir, wenn er wieder aufbrausend war, aber an mir perlt das nicht einfach so ab.

Aus unserem Freundeskreis sind fast nur noch Witwen geblieben. Sie sagen: "Dass du dir das gefallen lässt." Sie sagen, ich sei zu gutmütig. Was soll ich denn machen? Soll ich zurückbrüllen? Soll ich ihn verlassen? Das allerschlimmste ist: Ich habe selbst Schuld an meinem Unglück, ich habe Fehler gemacht, die ich mir nie verzeihen werde.

Ich selbst, ich höchstpersönlich, habe meine Scheidung betrieben, weil ich mich in Günter, meinen Arbeitskollegen, verliebt hatte. Und ich habe zugestimmt, dass meine Tochter bei meinem ersten Mann Volker bleibt, mein Sohn zog mit mir zu Günter. glücklich hat mich das alles nicht gemacht. Wie schön wäre es, wenn ich sagen könnte: Ich habe meinen Scheidungsgrund geheiratet, und es ist immer noch die große Liebe. Aber so ist es nicht, und diese Gewissheit zu haben und trotzdem noch mit diesem Mann zusammenzuleben, fällt mir immer schwerer.

Leider zeichnete sich sehr schnell ab, dass mein neuer Mann, also Günter, Charakterzüge hatte, die ich in meiner Verliebtheit nicht hatte erkennen können. Wegen Kleinigkeiten fing Günter an zu schreien. Ich kannte so etwas bis dahin nicht von einem Mann, weder von meinem Vater, noch von meinem ersten Ehemann, mit dem hatte es noch nicht mal Streitereien gegeben, als wir die Scheidung einreichten.

Ich empfand Günters Verhalten als erniedrigend. Hätte ich untertänigst immer alles so gesehen wie er, hätte es keinen Streit gegeben. Dass ich alles so ruhig wie möglich ertragen habe, lag an meinem Sohn, ich wollte, dass er möglichst unbelastet bleibt und nicht Tag für Tag die Streitereien der Erwachsenen erlebt. Natürlich habe ich niemandem von unseren Auseinandersetzungen erzählt.

Zwei Jahre nach der Hochzeit zogen wir um in Günters Geburtsstadt H., er konnte endlich eine seit langem ersehnte Stelle in einem kleinen Museum antreten. Es wurde für mich jetzt noch schwerer, damit zu leben, dass ich die Kinder getrennt hatte. Obwohl ich das doch aus Liebe zu ihm getan hatte. Wenn ich das Gespräch darauf lenkte, wie schwer es mir fiel, auf Ute zu verzichten, wurde Günter völlig ungehalten. Er hatte kein Verständnis. Man kann im Leben alles überwinden, sagt man. Aber das stimmt nicht. Ich wusste schon damals, dass ich niemals mehr glücklich sein würde.

Bei der letzten Geburtstagsfeier eines Enkels fing neulich abends der allgemeine Aufbruch an. Wenn man sich verabschiedet, umarmt man sich doch noch mal, drückt sich, küsst sich. Volker, mein Ex-Mann hat sich so fest an mich gedrückt, so innig, dass ich empfunden habe: Für ihn ist es auch noch nicht vorbei.

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