Die Wahrheit über meine Ehe: Gudrun erzählt

Gudrun, 37, Goldschmiedin, neun Jahre verheiratet, keine Kinder: "Den hast du nicht alleine."

Mit großem Abstand sieht man immer klarer - aber diesen Abstand hat Gudrun nicht, als ihr Mann zu ihrer besten Freundin zieht. Was tun? Auf die Mutter hören, die vor "so einem Mann" von Anfang warnte?

In meinem Kopf kreiste ein einziger Satz: Ich bring dich um. Ihn, meinen Mann. Der hatte uns gerade eben einen guten Bordeaux aufgemacht. Dann sagte er diesen Satz, der neun Jahre Ehe einfach weggewischt hat: "Gudrun, ich kann so nicht mehr mit dir leben. Ich ziehe aus."

Mir war sofort alles klar, ich hatte das Gefühl, ich krieg keine Luft mehr. Ich hab dann nach der Rotweinflasche gegriffen und die Flasche mit voller Wucht gegen die Wand geschmissen, unser schöner weißer Kalkputz saugte den Rotwein auf wie ein Schwamm. Im Nachhinein finde ich mich obercool, ich hab gesagt: "Ich gehe jetzt eine Runde um den Block, wenn ich zurück bin, bist du weg. Und sag deiner Katharina: Sie ist das allerletzte."

Als ich wiederkam, war die Wohnung leer. Ich hatte es schon länger geahnt, aber nicht wahrhaben wollen: Meine Freundin hatte sich an meinen Mann rangemacht. Seit einer Woche hatte ich diese Gewissheit,aber ich wusste einfach nicht, wie ich reagieren sollte. Nun war er mir zuvorgekommen.

Schon als ich Jonas vor zehn Jahren auf einem Stadtteilfest kennengelernt hatte, sagte meine Mutter: "So einen Mann hat man nie für sich alleine." Ich hab sie gefragt, wie sie das meint, sie sagte nur: "Na, so eben." So eben.

Was war denn mit Jonas? Er sah gut aus, ja, aber mein voriger Freund hatte auch gut ausgesehen. Jonas hatte volle braune Haare, sehr lockig, rehbraune Samtaugen, dazu ein dunkelrote, feine Lippen, groß, trainiert , Tennisspieler eben. Er sah gut aus, aber das tat ich auch, ich musste mich wirklich nicht neben ihm verstecken. Was meine Mutter meinte, ging mir in den nächsten Monaten auf: Kaum betrat ich mit Jonas einen Raum, kamen schon Frauen anscharwenzelt, wenn ich ihn auf einer Party finden wollte, musste ich nur nach einem Mädels-Pulk suchen. Sie hingen an seinen Lippen, alle fanden ihn amüsant und charmant und das war und ist er ja auch. Ich fand es großartig, nicht eine von denen aus dem Pulk zu sein, sondern die, mit der er nach Hause ging. Ich liebte ihn und er liebte mich, da gab es keine Zweifel. Nach zwei Monaten zog er bei mir ein...

Auf der nächsten Seite: Doch eine andere Frau?

Das lag nun bald zehn Jahre zurück. Nur im vergangenen halben Jahr - war da was? Nein. Er war lieb zu mir, wie immer. Wir schliefen miteinander, wie immer. Weniger als früher, aber immer noch innig, eingespielt, vertraut, mein Orgasmus war mir sicher, Jonas schnurrte hinterher wie ein großer Löwe. Trotzdem war da so eine Gereiztheit.

Irgendwann kam ich auf die Idee: eine andere Frau? So etwas hatte es schon gegeben in unserer Ehe. Immer mal wieder, wenn er nicht widerstehen konnte, dass ihn Frauen so unwiderstehlich fanden. Für mich war das entsetzlich, aber ich dachte an meine Mutter: So einen Mann hast du nie für dich alleine.

Am zweiten Tag nach Jonas' Abgang hatte ich Katharina auf dem Anrufbeantworter: "Gudrun, lass uns bitte reden." Ich dachte. Soll sie reden, mit wem sie will - mit mir nicht. Ich hatte ja nicht gelitten mit Jonas, das Leben mit ihm fand ich immer schön, leicht und unbeschwert. Etwas anderes waren da schon seine Eskapaden, die er sich ab und zu genehmigte. Einmal, und das knapp drei Jahre nach unserer Hochzeit, kam er abends spät nach einer Weinverkostung mit schief zugeknöpftem Hemd, er sagt: "Ich muss den ganzen Tag so rumgelaufen sein." Abendessen, Rosenstrauß, Versöhnung im Bett.

Drei Monate nachdem Jonas seine Sachen aus unserer Wohnung geholt hatte, hörte ich: Bei Katharina ist er auch wieder raus. Sie sei schwanger - aber nicht von ihm.

Worüber ich mich kolossal freute: Dass ich meiner Freundin Katharina nie die ganze Wahrheit über Jonas erzählt hatte. Dass er eben schon öfter fremdgegangen ist, dass er diese depressiven Schübe hatte... Letzteres hatte sie ja nun vielleicht selbst rausgefunden. Was genau war, mit Katharina und Jonas, ob sie ihn vielleicht gewollt hatte als Ersatz für Robert, als potentiellen Erzeuger ihrer Kinder, obwohl sie ja schon schwanger war - ich denke, ich werde es bald erfahren. Als ich letzten Sonntag nach Hause kam, war Jonas auf meinem Anrufbeantworter... "Gudrun, meinst du nicht, dass wir nach einem halben Jahr mal wieder reden sollten?" Meiner Mutter werde ich das erstmal nicht erzählen...

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