Die Wahrheit über meine Ehe

Jede Ehe hat ihre eigene Wahrheit - eine Wahrheit, die oft nicht mal die beste Freundin kennt. Weil wir nur das erzählen, was wir selber sehen wollen. Weil wir Angst haben vor dem Urteil der anderen. Aber was für Geheimnisse sind es, die Frauen hinter einer Heile-Welt-Fassade verbergen?

"Ben und Katrin haben sich getrennt", sagt meine Freundin Tine und rührt im Milchkaffee. "Wieso das denn? Die waren doch so glücklich!" Ich bin fassungslos. Ben und Katrin - das Traumpaar. Ben ist einer, der seiner Frau das Weinglas nachfüllt. Der auf einer Party nicht fluchtartig die Terrasse verlässt, wenn der Gastgeber die Musik zum Tanzen aufdreht. Der zuhört, wenn man sich mit ihm unterhält, und nicht nur von sich selbst erzählt. Klar dachte ich manchmal: Wenn meiner doch auch...

Dabei sollte ich es besser wissen, frei nach dem Lieblingssatz meiner Großmutter: Man kann eben nicht reingucken. In andere Familien, in andere Ehen. Denn jede Ehe hat ihre eigene Wahrheit. Und manchmal kennt die nicht einmal der Ehepartner: Wenn der Mann jeden Dienstag zu Anja fährt und nicht mit Tom zum Squash. Wenn die Frau vor Freude strahlt, wenn Freunde die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter loben, und niemand nach den grünbraunen Augen fragt.

Die Wahrheit einer Ehe ist nach außen oft nicht sichtbar, und sie soll es auch gar nicht sein. Weil wir uns und unseren Partner schützen wollen. Weil wir uns diese Wahrheit oft selbst noch nicht eingestehen wollen oder können. Und weil wir Erfahrungen gemacht haben mit Entscheiden Reaktionen der anderen. Fängt eine Freundin an, von Problemen zu erzählen, und galt der Ehemann bislang im Freundinnenkreis als verträglicher oder sogar toller Mann, dann kommt: "Bei uns lief es auch eine Weile nicht so gut", "Das wird schon wieder" oder "Das ist doch wirklich nicht so schlimm". Und die eigene Mutter kann sich als Kommentar zur Ehekrise der Tochter ein "Denk dran, du bist auch nicht ohne" kaum verkneifen.

Die meisten Klageführerinnen stellen ihre Gesprächsoffensive bald ein, weil sie merken: Die anderen wollen an dieses Thema nicht ran. Sie möchten nicht eingeladen werden, in die "Tabuzone Ehe" einzubrechen. Und warum? Weil sie ihre eigene Tabuzone auch nicht zur Besichtigung freigeben möchten. Unausgesprochen akzeptieren alle diesen Diskretionsabstand. Ihn zu durchbrechen hieße: Schwächen einzugestehen, sich von anderen beim möglichen Scheitern beobachten zu lassen - das möchten wir gegenüber Verwandten und Kollegen noch weniger als gegenüber der besten Freundin. Außerdem: Wer steht schon gern als Anschwärzer da, wenn alle anderen ihre weißen Westen präsentieren? Oder wir zumindest denken, dass sie eine weiße Weste haben? Denn komischerweise vermuten wir bei den anderen meist nur Gutes. Das ist zwar freundlich von uns und bei vielen Paaren auch berechtigt, aber trotzdem wenig realistisch. Immerhin wird mittlerweile jede zweite bis dritte Ehe in Deutschland geschieden, in Großstädten ist es schon jede zweite, in Berlin kommt auf eine Hochzeit eine Scheidung. Ehen zerbrechen, weil sie lauwarm, lieblos und lähmend geworden sind. Funktionstüchtige Kleinunternehmen, in denen Liebe und Leidenschaft nicht mehr vorkommen.

Wenn für ein Paar heute das Scheidungsverfahren läuft, haben dabei in 56 Prozent der Fälle die Frauen die Scheidung eingereicht, in 36,5 Prozent die Männer, 7,5 Prozent tun dies gemeinsam. Frauen treiben Trennungen maßgeblich voran, obwohl sie wissen, dass Streit ums Sorgerecht für die Kinder droht und alte Verletzungen hochkommen werden. Das Leiden an der Ehe ist für Frauen also augenscheinlich deutlich höher als für Männer. Und sie sind bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Tatsache ist, dass geschiedene Frauen in der Regel mit 30 Prozent weniger Einkommen auskommen müssen, und sie wissen das vorher. Die geschiedenen Männer büßen dagegen nur 10 Prozent ein (Sozioökonomisches Panel von 1984 bis 1999).

Trotzdem versteht der abgemeldete Ehemann oft die Welt nicht mehr. Laut einer Studie der Universität Siegen sind es vor allem spät geschiedene Männer, die aus allen Wolken fallen. Männer, die länger als 25 Jahre verheiratet waren und konfrontiert mit dem Scheidungswunsch fassungslos fragen: "Wieso? Es ist doch alles in Ordnung."

Eben nicht. Denn die Wahrheit hinter der glücklichen Fassade heißt häufig: Mangel an Gesprächen und Aufmerksamkeit. Mangel an Zärtlichkeit und Sex. Fehlende Achtung und kein Respekt vor den Leistungen in der Familie, im Haushalt, im Beruf. Träume, die sich nicht erfüllt haben. Ein hochexplosives Sprengstoffdepot - und die Ehemänner sitzen oft jahrelang auf den Pulverfässern, ohne es zu ahnen. Die Frauen arbeiten meist hart daran, die harmonische Kulisse aufrecht zu halten und das Bild von der eigenen Ehe auf Hochglanz zu polieren, so wie wir es aus der Werbung, Fernsehfilmen und unseren rosaroten Mädchenträumen kennen.

Was fühlt eine Frau, die am Valentinstag einen Blumenstrauß auf dem Tisch stehen hat und von der besten Freundin fast neidisch darauf angesprochen wird? Soll sie zugeben, dass ihr Mann morgens dem Sohn die Tasche mit den Pfandflaschen hinstellte und sagte: "Bring zurück, und vom Pfand kannste deiner Mutter Blumen kaufen"? Soll sie das erzählen? Soll sie lieber schweigen, sich vielleicht sogar am Lob der Freundin freuen - immerhin hat sie ja Blumen bekommen?

Wahrheiten belasten nicht nur uns selbst, sie können auch unsere Gesprächspartner belasten. Weil wir ihnen den Spiegel vorhalten und mit Fragen konfrontieren, denen sie sonst ausweichen.

Dabei kann es tröstlich sein, die Wahrheiten der anderen zu kennen. Zu merken: Ich messe meine eigene Beziehung nicht an der Realität, sondern an einer Utopie, an einer Traumbeziehung, die es so nur in meiner Fantasie gibt. Das eigene Leben zu schützen ist gut. Es ist aber auch gut zu wissen, dass auch das Leben der Freundinnen nur selten ein Hollywoodfilm ist.

BRIGITTE Heft: 21/07 Foto: Knut GärtnerText: Martina Rellin

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