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Durststrecke in der Beziehung Wir brauchen mehr romantischen Pessimismus

Durchstrecke in der Beziehung: Nachdenkliches Paar
© Benevolente82 / Shutterstock
In unserer schnelllebigen Zeit erscheint es so einfach wie nie, die angerostete gegen eine glänzende Liebe einzutauschen. Wir vergessen nur, dass Veränderung nicht zwangsläufig Verbesserung heißt.

Ein paar Monate nach meiner Hochzeit saß ich heulend im Wohnzimmer. Erster Ehekrach, ich wollte nur noch weg. Mein Blick fiel auf die Couch und den Fernseher. Das Sofa bestand aus sechs Modulen, da war die Aufteilung klar. Aber wie zum Teufel trennt man einen Fernseher? Ich schaute auf den Ehering: Abhauen, das geht jetzt nicht mehr so einfach. – Das war 1999. Wer weiß, wären wir technisch schon 20 Jahre weiter gewesen, hätte ich mein Smartphone in die Hand genommen und mein Leben mit ein paar Klicks neu sortiert. Stattdessen rief ich meinen Mann an: "Du, wir müssen reden ..."

Veränderung gleich Verbesserung?

Jedes Paar kennt Durststrecken, in denen es nicht gut läuft. Gerade jetzt, wo die verordnete "Paarantäne" wie ein Brennglas für die Beziehung ist. Momente, in denen man den Menschen, der da in Jogginghose 24/7 durch die Küche schlurft, betrachtet wie ein Insektenforscher einen Käfer und sich fragt: Will ich mit dem wirklich den Rest meines Lebens verbringen? Unsere Mütter aus der Generation "Muss ja" wischten solche Gedanken beiseite und machten weiter im Takt. Sich trennen? Kam nicht infrage – was würden die Nachbarn denken?

Aber uns stehen heute ganz andere Möglichkeiten offen. Wir verdienen unser eigenes Geld, seit "alleinerziehend" kein Stigma mehr ist, muss auch niemand mehr wegen der Kinder zusammenbleiben. Und der Traummann? Im Netz kann man sich doch alle elf Minuten neu verlieben, seit es Kontaktlockerungen gibt, wahrscheinlich noch schneller.

Veränderung wird heute automatisch mit Verbesserung gleichgesetzt. Oder warum sonst sind wir ständig damit beschäftigt, Dinge zu ändern – von der Badezimmer-Wandfarbe über die Frisur bis hin zum nächsten Traumjob? Stillstand irritiert uns. Gerade jetzt muss man aktiv sein, nachdem man wochenlang eingesperrt war, etwas tun, für jedes Problem gibt es das passende Tool oder Youtube-Tutorial. Kein Wunder, dass es uns so schwerfällt, eine Beziehungskrise auszuhalten. Dazu kommt noch ein anderer Aspekt. "Unsere heutige Gesellschaft funktioniert nach Regeln, die Flexibilität erfordern. Im Gegenzug erscheinen Festlegungen als Blockaden", erklärt der Philosoph Ralf Konersmann in seinem Buch "Die Unruhe der Welt" (Fischer Wissenschaft). "Wer flexibel sein will, muss bei der Wahl seines Arbeitsplatzes, seines Wohnortes und seines Lebenspartners beweglich und jederzeit bereit sein, die einmal getroffene Entscheidung zu überdenken." Nichts ist für immer? Traurige Vorstellung. "Die Unruhe ist nun einmal da. Wir können nicht mehr zurück", sagt Konersmann. "Aber wir können uns fragen: Was hatten wir mal? Was haben wir jetzt? Und haben wir das wirklich so gewollt?"

Sehnsucht nach Sicherheit 

Tatsächlich träumen 74 Prozent aller Deutschen von der einen großen Liebe. Aber: Fast jede dritte Ehe geht in die Brüche. Was ist das Problem? Sind unsere Ansprüche zu hoch? Früher konnten wir unseren Nachbarn nur bis vor die Haustür gucken und gingen davon aus, dass die sich mit dem gleichen Quatsch herumschlagen wie wir auch. Heute klicken wir uns durch deren hübsch kuratierte Postkartenwelt und kommen ins Grübeln: Besteht das Leben aller anderen Paare nur aus Best-of-Momenten?

Sobald die erste wilde Verliebtheit keine Rolle mehr spielt, verschiebt sich etwas, so der Psychologe Norman Späth: "Was die Beziehung dann trägt, ist die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit, Nähe und Vertrautheit." Paare, die diesen Übergang nicht schaffen, trennen sich in der Regel nach einem halben Jahr.

Aber selbst wer diese Hürde überwindet, begibt sich direkt in den nächsten Kampf – gegen den Alltag: Stress, Schlafmangel oder Geldsorgen, ständig muss man sich arrangieren. Natürlich ist es da verlockend, sich abends, wenn der Partner mal wieder vor der Glotze eingeschlafen ist, bei Facebook einzuloggen. Um zu gucken, was der Ex-Freund heute treibt. Und zu überlegen: "Was wäre, wenn …"

Streben nach Perfektion 

Dabei sind soziale Medien nur bedingt schuld an unserer Unzufriedenheit. "Die Sehnsucht nach der perfekten Romanze gab es schon immer", sagt Norman Späth. "Was heute Instagram ist, war früher Hollywood: eine Möglichkeit, aus dem Alltag zu fliehen." Ein anderer Aspekt sei jedoch viel relevanter: "Die Option, dass sich vielleicht doch noch etwas Besseres findet, ist plötzlich real geworden. Einen George Clooney darf ich nur auf der Leinwand anhimmeln. Aber den Typen auf Tinder kann ich direkt kontaktieren." Bedeutet: Wer sich in seiner Beziehung nicht mehr wohlfühlt, findet schneller einen Weg nach etwas Neuem.

Was aber passiert, wenn man selbst betrogen wird? "Verlass den Blödmann", raten die anderen. Wer sich dennoch entscheidet, beim Partner zu bleiben, wird von seiner Umwelt entgeistert angeschaut: "Ernsthaft? Das musst du nicht, das ist sooo letztes Jahrhundert!" Dabei ist eine Krise keineswegs ein Zeichen, dass der Mensch an unserer Seite nicht der Richtige ist. Es liegt in der natürlichen Dynamik einer Partnerschaft, dass sich Interessen verschieben und sich zwischen die zerwühlten Laken Netflix und dicke Socken schleichen. Der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton plädiert für einen romantischen Pessimismus. "Die Neurose unseres Zeitalters ist das Streben nach Perfektion. Es macht uns intolerant und wütend, wenn Menschen nicht so sind, wie wir sie haben möchten", schreibt er in einem Essay für die "New York Times". "Je eher wir begreifen, dass wir alle unperfekt sind, desto glücklicher werden wir."

Was bleibt auch anderes übrig? Wer zu schnell aufgibt, läuft Gefahr, zwei Jahre später mit dem nächsten Partner in der gleichen Situation zu landen. Die "Austauschtheorie" ist ein Begriff aus der Psychologie. Ihr zufolge prüfen Partner laufend die Kosten-Nutzen-Bilanz ihrer aktuellen Beziehung und gleichen sie mit den möglichen Alternativen ab. Könnte man im Zweifel also nicht einfach eine Liste mit Pros ("Er kümmert sich um die Steuer") und Contras ("Er macht nie die Wäsche") erstellen? "So eine Rechnung setzt ja voraus, dass sich Menschen rational verhalten", sagt der Psychologe Norman Späth. "Aber das tun sie nicht."

Es muss Hoffnung geben 

Im Job oder bei Freundschaften funktioniere dieses Modell vielleicht, so Späth, doch die Liebe lasse sich nicht aufrechnen. "Am Ende ist es eine hochemotionale Entscheidung, die nur jeder für sich treffen kann." Manchmal braucht es Zeit, bis die Erkenntnis kommt, manchmal muss man die Perspektive wechseln und ganz tief in sich hineinhören: Vertraue ich darauf, dass ich wieder glücklich werde? Ist da noch Liebe? "Es muss nicht alles toll sein, aber es muss Hoffnung geben: dass es sich lohnt, in die Beziehung zu investieren", erklärt Norman Späth. Wer sich jedoch sicher ist, dass der andere sich nicht ändern wird und man mit dessen Art nicht klarkommt, habe die Entscheidung wohl schon getroffen.

Vor einiger Zeit saß ich im Bus, mir gegenüber ein älteres, gut gekleidetes Pärchen auf dem Weg ins Theater. Sie waren spät dran und gaben sich gegenseitig die Schuld. Während sie sich anzickten, griff die Frau in ihre Tasche, holte eine Handcreme heraus, drehte den Verschluss ab und reichte sie an ihren Mann weiter, der sich die Hände eincremte und sie zurückgab. So, wie sie es wahrscheinlich schon hundertmal gemacht hatten. Das ist, was eine gute Beziehung ausmacht, dachte ich: Auch in Momenten, in denen man den anderen an die Wand klatschen möchte, bleibt man ein Team.

Hätte mir damals vor 20 Jahren jemand erzählt, was noch alles auf mich zukommt, hätte ich vielleicht doch die Koffer gepackt. Eine lange Beziehung zu führen bedeutet Arbeit. Immer wieder das Gespräch suchen, obwohl schon alles zigmal durchgekaut wurde. Wenn nichts mehr geht, eine Therapie machen und eine Doppelstunde lang darüber diskutieren, warum er nie die Wäsche aufhängt. Lernen, richtig zu streiten. Vor allem: Phasen aushalten, in denen die Beziehung, die mal wie ein Jetski gestartet ist, vor sich hindümpelt wie ein Gummiboot. Ist jetzt eben so! Wird wieder besser.

Die echten #couplegoals

Auf Instagram finden sich unter #couplegoals über zwölf Millionen Beiträge. Glaubt man diesen Bildern, sieht das oberste Pärchen-Ziel so aus: KnutschSelfie vor dem Eiffelturm. Zusammen ins Fitnessstudio. Oder: in den gleichen Jacken rumlaufen (auf seiner steht "King", auf ihrer "Queen"). Dabei gibt es viel coolere Ziele, man kann sie jedoch nicht fotografieren. Wenn etwa auf einer Party irgendjemand Blödsinn redet, müssen mein Mann und ich uns nur angucken und unser Bluetooth springt an: Sofort wissen wir, was der andere denkt ("Boah, was für ein Angeber"). Oder wenn ein bestimmter Song im Radio läuft – und wir uns beide an diesen legendär peinlichen Abend in der spanischen Karaoke Bar erinnern und grinsen müssen. Das sind die echten #couplegoals. Und die fühlen sich ganz schön großartig an.

Natürlich blitzt trotzdem mal der Gedanke auf, den Partner gegen ein anderes Modell auszutauschen. Wie den alten selbst gestrickten Pulli gegen den schicken Sweater aus dem Schaufenster. Aber, hey, auch wenn der alte ein, zwei Löcher hat, wärmt er doch wie kein zweiter. Man ist stolz auf ihn, weil er ein Unikat ist und in jeder Masche Geschichten stecken. Und würde ihn, wäre er einmal in der Altkleidertonne gelandet, schrecklich vermissen.

Iris Soltau ist Paartherapeutin und riet ihr und ihrem Mann: Verallgemeinerungen und Du-Botschaften vermeiden. Sie brüllt leider immer noch: "Nie hängst du die Wäsche auf!"

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BRIGITTE 15/2020

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