Ehekrise: Mein Mann - seit gestern ein Fremder

Er ist der Mensch, mit dem wir alles teilen. Den wir in- und auswendig zu kennen glauben. Aber was, wenn plötzlich eine ganz andere Wahrheit ans Licht kommt?

Er kennt deine Geheimnisse. Er hat dir warme Worte ins Ohr gehaucht. Seine Hände waren überall an deinem Körper. Du hast an seinem Zeh gelutscht. An seinem Zeh? Wie eklig ist das denn? Er sitzt vor dir, hier, in eurem Wohnzimmer, die Zeitung vorm Gesicht. Es ist ein Abend wie jeder andere, seit zehn Jahren seid ihr ein Paar. Aber jetzt, in diesem Augenblick, fühlt es sich an, als wäre er in einer anderen Welt, tausende von Emotionen von dir entfernt. Er ist dahin zurückgekehrt, wo er herkam. Nein, er ist noch weiter weg gegangen. So fremd wie in diesem Augenblick war er dir nicht mal, als er mit diesem umwerfenden Grinsen und dem Weinglas in der Hand in dein Leben trat. Es fühlt sich nicht mal schrecklich an, nur erschreckend. Als würdest du von einem Drogentrip zurückkehren, in dem die Pflanzen sprechen konnten. Jetzt schweigen sie, und du kannst sie nicht wieder zum Reden bringen. Wenn er jetzt seine Socke auszöge, dann müsstest du dich vermutlich sofort übergeben.

Wenn die Liebe kriselt, bricht Fremdheit hervor. Denkt man. Dabei war die Fremdheit immer schon da. Fremdheit ist das Chilipulver in jeder Beziehungssoße. Weil es einfach wunderbar ist, wenn er dich überrascht. Weil es unsagbar langweilig wäre, wenn du jede Aktion, jede Geste seinerseits voraussagen könntest. Doch das Fremde macht auch Angst - weil nur das Vertraute Geborgenheit gibt. Wir sind schockiert, verwirrt, ja gelähmt, wenn wir uns plötzlich fremd in unserer Zweisamkeit fühlen.

Dann ist es unfassbar, dass derselbe Mund, der uns eben noch zärtlich küsste, jetzt "Du miese Schlampe" brüllt. Die Welt verliert ihre Bedeutung, wenn er von einer Affäre stammelt. Und es fühlt sich an, als habe jemand mitten im Film auf "Off" gedrückt, wenn er die ganze Beziehung bezweifelt, nur weil du dich weigerst, ihn in Latex-Strapsen zu verführen.

Die Liebe ist die Tochter der Vertrautheit. Schon frisch Verliebte starren deshalb durch ihre rosa Brillen und suchen hektisch nach Gemeinsamkeiten. Blind, wie sie sind, finden sie sie überall. Sie waren doch wirklich schon beide auf Bali! Beide bestellen bei Mario Pizza Hawaii! Und beide finden, Jan sei ein schöner Name. Du bist wie ich! Seelenverwandt. Die ultimative Vertrautheit. Im Gleichen, im Ähnlichen, über das Vertraute festigen wir unsere Partnerschaft. Dass Gleich und Gleich sich gern gesellt, wussten schließlich schon unsere Großeltern. Und die Wissenschaft hat es nachgewiesen: Selbst bei den Paaren, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, gibt es unbewusst wahrgenommene Gefühle, die vertraut sind: Die Sorge füreinander, die wir aus unserer Kindheit kennen. Die Suche nach Anerkennung, die wir aneinander erkennen. Ja, es kann sogar die Fremdheit selbst sein, die uns unbewusst vertraut ist: jene Fremdheit vielleicht, die wir mit unserem Vater nie auflösen konnten.

Doch auch wenn wir beide Bali und den Namen Jan lieben und auf einer Wellenlänge durch den gemeinsamen Alltag surfen: Mit dem Vertrauten zieht immer auch das Fremde in unsere Beziehung ein - das Fremde aus der Lebenswelt, den Erfahrungen und der Familienkultur des Partners. Er geht selbstverständlich davon aus, dass der Sohn beschnitten wird. Er feiert nie seinen Geburtstag. Seine Ferien verbringt er am liebsten im Zweimannzelt auf dem Campingplatz.

Fremd sind uns aber auch die Gefühle und Verhaltensweisen, die in unserer Familie und unserem Leben bislang verdrängt oder verboten waren. In unserer Familie herrschte die Diktatur der Harmonie. Widerworte gab es nicht, über Gefühle sprach man nicht. Und nun haben wir diesen Partner, der jeden Konflikt anpackt. Wir werden ihn erst dann nicht mehr als befremdlich ablehnen, wenn wir uns unseren eigenen Ängsten stellen.

Und natürlich trifft in jeder heterosexuellen Beziehung ein Männchen auf ein Weibchen. Doch wir leben auf dem gleichen Planeten, mögen wir psychisch, kulturell oder genetisch noch so unterschiedlich sein. Doch Unterschiedlichkeit trennt uns nicht voneinander. Einander fremd werden wir durch Entfremdung: Wenn er seiner Mutter all das erzählt, was unser Geheimnis bleiben sollte. Wenn er zuschlägt im Streit. Wenn wir herausfinden, dass er noch Nebenfrauen hat. 6000. Die nackt und lüstern auf seiner Festplatte warten. Entzweiende Fremdheit setzt ein, wenn Respekt, Würde und Loyalität nicht gewahrt bleiben. Wenn das Bild unserer Beziehung, die Vorstellung von unserem Geliebten zusammenbricht. Und manchmal weht uns schon ein starker Hauch von Entfremdung an, wenn wir erleben, dass die starke Schulter, an die wir uns so gern lehnen, im Heulkrampf zuckt. Weil er beim Doppelkopf verloren hat.

Möglicherweise ist es gut, dass wir aus unrealistischen Beziehungsträumen aufwachen. Denn nur wenn wir uns mit dem echten Mann an unserer Seite auseinandersetzen, können wir ihm wirklich nahekommen. Aber können wir die dunklen Schatten aushalten, die da plötzlich auf die Lichtgestalt an unserer Seite fallen? Das hängt davon ab, wie wir als Paar mit unserer Entfremdung umgehen. Ob unser Partner erkennt, was er zerstört. Ob er unser Entsetzen ernst nimmt, sich selbst in Frage stellt. Und ob wir unser Befremden deutlich genug äußern.

Und es hängt davon ab, wie stark die Entfremdung tatsächlich ist. Es gibt Menschen, die müssen entdecken, dass ihr Liebster einen Mord begangen, das Familienvermögen in der Spielbank versenkt oder für die Staatssicherheit gespitzelt hat. Ein Schrecken ohne Ende. Und das Ende der Illusion, wir könnten einen Menschen ganz und gar kennen. Denn der gläserne Partner ist nichts weiter als eine romantische Vorstellung. Wir können niemandem auf den Grund seiner Seele schauen. Und vor allem können wir niemanden kennen, der sich uns nicht zu erkennen gibt.

Unser Wissen vom anderen ist eine Landkarte, die wir ständig aktualisieren müssen. Einen Menschen verändert jede Situation. Wir wechseln Karrieren, wir ziehen um, wir treffen neue Freunde, wir werden älter, wir entwickeln uns. Wir wachsen über uns hinaus. Wirklich vertraut werden wir deshalb nur, wenn wir akzeptieren, wie fremd wir uns immer bleiben werden. Die Frage ist, ob wir dem Fremden seinen Platz geben können. Ob wir Brücken zwischen den Welten bauen können. Und ob wir es riskieren, einander immer wieder mit unserem Anderssein zu konfrontieren.

Und das ist die Herausforderung. Denn als Paar möchten wir unsere Liebe sichern. Und verwandeln deshalb unsere Beziehung in eine Komfortzone, einen Bereich des Einvernehmens, der Harmonie - mit einem Soundtrack endlos plätschernder Lovesongs. Um die Geborgenheit unserer Bindung nicht zu gefährden, schließen wir das Fremde einfach aus. Wir lassen ihn endlos mit seinem besten Kumpel um die Häuser ziehen. Wir schlucken seine dümmliche Erklärung, als das Tütchen Koks aus seiner Jacke purzelt. Und sein Schweigen über das Knöllchen aus dem Rotlichtbezirk.

Er hat diese ätzende Art, sich über uns lustig zu machen. Ja. Aber wir können entscheiden, ob wir das seinem Charakter zuschreiben oder den Umständen. Ob wir das kalte Herz des Mr. Uneinfühlsam darin entdecken oder nur ein Stresssymptom, eine Unbeherrschtheit, weil wir zu fordernd sind oder ihn an seine blöde Mutter erinnern. Dann ist er uns ja eigentlich gar nicht fremd. Dann bleibt er unser verständnisvoller Loverboy. Nur kommt er leider gerade in diesem Augenblick nicht dazu, es zu sein.

Unbewusst arbeiten wir in unserer Zweisamkeit ständig an Harmonie erhaltenden Maßnahmen. Ich tue nichts, was dich befremdet. Und du tust nichts, was mich befremdet. So polstern wir unsere Beziehung wie ein Himmelbett. Auch im Bett. Und erleben dann betroffen, wie unsere Sexualität darin unsanft entschlummert. Licht an? Nö, mag ich nicht. Beißen wollen? Nö, ich glaube, das mag er nicht. Dreimal bis zum Orgasmus gestreichelt werden wollen? Das kann ich ihm wirklich nicht zumuten. Fesselspiele? Nein, das ist nur meine Fantasie. So ein Paar sind wir nicht. Das Licht bleibt aus. Sex ist bald Geschichte. Und irgendwann die ganze Beziehung. Denn wenn wir nichts wagen, uns nur auf den kleinsten gemeinsamen Gefühlsnenner einigen, enden wir in lähmender Enge. Statt uns ein Gegenüber zu sein, hängen wir resigniert aufeinander. Statt miteinander zu uns zu finden, geben wir uns beide auf.

Dabei wissen wir doch: Ich bin nicht du. Und dass wir für immer auch Fremde bleiben, ist gut so. Denn es hält uns wach. Es macht uns achtsam. Und es fordert uns auf, uns immer wieder füreinander zu öffnen, uns immer wieder zu hinterfragen. Ohne das Fremde erstickt die Liebe an einer benebelten Überdosis Vertrautheit.

Die gute Nachricht zuletzt. Wir wissen, wann es geschieht. Wann wir die liebesnotwendige Fremdheit vermeiden. Wann wir einander nicht mehr damit konfrontieren. Es geschieht immer dann, wenn wir uns selbst verleugnen, wenn wir uns selbst untreu werden, wenn wir entgegen unserer Gefühle und Bedürfnisse leben.

Fest steht: Das Fremde bleibt der Liebe nur erhalten, wenn wir uns selbst in der Liebe treu bleiben.

BRIGITTE Heft 17/2007 Text: BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg Fotos: Peter Hertel
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen