Eheprobleme: Tipps von der Psychologin

16 Leserinnen haben uns "Die Wahrheit über meine Ehe" erzählt. Warum lassen sich Frauen in Beziehungen so viel gefallen? Ein Gespräch mit Psychologin Dr. Eva Wlodarek.

Die Ehe-Geschichten unserer Userinnen werfen viele Fragen auf: Wie kann es soweit kommen, dass Ehepartner jahrelang ohne Körperkontakt nebeneinander her leben? Dass Frauen sich von ihren Männern demütigen lassen? Und wie schafft man es, sich von einem zerstörerischen Partner zu lösen? Wir haben die Psychologin Dr. Eva Wlodarek dazu befragt.

Eva Wlodarek

Brigitte.de: Wieso bleiben viele Frauen in Beziehungen, die ihnen nicht gut tun?

Eva Wlodarek: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Frauen sind erstens sehr selbstkritisch; sie neigen dazu zu glauben, die Probleme in der Beziehung lägen vor allem an ihnen. Sie denken, sie müssten liebevoller sein, kompromissbereiter sein, mehr an sich arbeiten, dann ginge es schon. Ein weiterer Grund: Harmoniebedürfnis. Häufig werden Probleme unter den Tisch gekehrt, um Streit zu vermeiden. Außerdem haben Frauen zu viel Verständnis, reden sich das Fehlverhalten ihres Partners schön.

Brigitte.de: Haben Sie ein Beispiel?

Eva Wlodarek: "Er hat zu viel Stress", oder "Er hatte eine schwierige Kindheit" sind typische Erklärungen. Weitere Gründe für Frauen, in Beziehungen auszuharren: Angst vor etwas Neuem oder Angst vorm Alleinsein. Außerdem bedeutet Trennung Scheitern. Frauen sind aber hartnäckig, geben nicht gern schnell auf. Sie empfinden Beziehungen als ihre Domäne, in der sie sich gut auskennen, und die sie in den Griff bekommen wollen. Häufig spielen natürlich die Verflechtungen eine Rolle, die mit einer Ehe einhergehen: die gemeinsamen Kinder, das Haus mit Garten. Das wollen die Frauen nicht aufgeben.

Brigitte.de: Viele der Geschichten zeigen, wie wichtig es den Frauen ist, nach außen zu funktionieren. Wie gelingt es, den Schein so gut zu wahren - und was macht das mit einem?

Eva Wlodarek: Frauen sind gute Schauspielerinnen. Und: Wenn man etwas will, dann kriegt man das hin. Sie müssen ja nur Sozialverhalten spielen, also lächeln, sich gut unterhalten, etwas nachspielen, was man eigentlich kennt und kann. Für die Schauspielerin bedeutet dieses Verhalten allerdings nichts weniger als eine Verletzung der Seele, die zur Depression führen kann. Wer sich nach außen immer anders verhält, als er sich innerlich fühlt, wird seelisch krank.

Brigitte.de: Die Frauen leiden und spielen trotzdem glückliche Ehe - warum?

Eva Wlodarek: Das liegt auch an dem hohen Wert, die die Gesellschaft einer gut funktionierenden Beziehung beimisst. Außerdem leben Frauen in einer Beziehungswelt. Darin wollen sie Erfolg haben, das ist den meisten noch immer viel wichtiger als die berufliche Karriere.

Brigitte.de: Was spricht aus Selbstbeschreibungen wie diesen? Inzwischen habe ich resigniert. (aus "Er ist immer müde") Ich leide still vor mich hin und versuche, irgendwie durchzuhalten. (aus "Er hat mich verbal schlimm betrogen") Man gewöhnt sich an alles... (aus "Bin ich zu anspruchsvoll?")

Eva Wlodarek: Mangelndes Selbstwertgefühl. Und - das ist ein wenig spekulativ, denn die Einzelfälle kenne ich nicht - eine Erziehung, die sehr auf Dulden hingearbeitet hat, oder das Vorbild einer Mutter, die selbst sehr duldsam war.

Brigitte.de: Kann man überhaupt aus einer derart tief verwurzelten inneren Starre ausbrechen?

Eva Wlodarek: Wenn man Glück hat, gibt es einen "point of no return": Das heißt, es passiert etwas, das einem die Augen öffnet, das unmissverständlich klarmacht: Schluss, aus, vorbei.

Brigitte.de: Wie zum Beispiel bei Petra, deren Mann sie frühmorgens zum Zug bringt und weggeht, ohne gemeinsam mit ihr zu warten; in der Geschichte heißt es dann: "In diesem Moment wusste ich: Ich lasse mich nie wieder irgendwo abstellen. Wenn ich aus Irland zurückkomme, verändere ich mein Leben."

Eva Wlodarek: Genau, ein gutes Beispiel. Ein anderer Mechanismus: Es sammeln sich immer mehr Dinge an, bis das sprichwörtliche Fass überläuft, und der Frau klar wird: Ich muss etwas ändern. Auch ein Wendepunkt im Leben kann ein Auslöser sein, etwa wenn die Frau krank wird. Meist ist es für Frauen, die über einen langen Zeitraum unter ihrer Ehe leiden, aber sehr schwierig, sich aus eigener Kraft aus ihrer Situation zu befreien, denn sie verlieren über die Jahre einfach ihre Energie. Es hilft in so einem Fall, sich Unterstützung von außen zu suchen, zum Beispiel bei einer Therapeutin; so ein Schritt muss ja nicht gleich bedeuten, dass eine Trennung unausweichlich ist.

Brigitte.de: Kein Sex, oder gar kein Körperkontakt zwischen zwei Partnern, ist in mehreren Geschichten ein Thema, zwei Beispiele: Seit Jahren haben wir keinen Körperkontakt mehr, nicht einmal Handgeben bei der Begrüßung oder eine Umarmung. (aus "Allein zu zweit") ... kein Sex, seit Jahren nicht; sich unter der Dusche selbst zu befriedigen reicht ihm anscheinend. (aus "Bin ich zu anspruchsvoll?") Welche Bedeutung hat das für eine Beziehung?

Eva Wlodarek: Sex ist eine Form von Kommunikation. Wenn man sich auf dieser Ebene nicht mehr austauscht, liegt oft eine Störung der Partnerschaft vor, die immer einen Hintergrund hat. Entweder war es von Anfang an der falsche Mann, das heißt, man hat nicht aufgepasst, sich einen schwierigen Mann genommen, der eigentlich gar keinen Körperkontakt will, nur in der Verliebtheitsphase körperliche Nähe zulassen konnte. Fragen wie "Isst der Mann gern? Streichelt er die Katze? Berührt er einen gern, auch wenn es gerade nicht um Sex geht?" können helfen, so eine Störung zu erkennen. Wenn die sinnliche Komponente bei einem Mann vollkommen fehlt, ist Vorsicht angesagt.

Brigitte.de: Dann ist wohl nicht viel zu retten?

Eva Wlodarek: Richtig, aber es kann auch sein, dass etwas passiert ist, was die Partner einander entfremdet hat - und da gibt es durchaus Chancen, wieder zusammen zu finden! Man hat sich auseinander gelebt, einer lässt sich gehen, man findet einander nicht mehr attraktiv, zieht sich zurück, spricht es nicht aus - hier kann eine Paarberatung gute Hilfe leisten. Und wenn der Mann nicht mitkommt, kann es auch helfen, sich alleine beraten zu lassen.

Brigitte.de: Viele Frauen berichten, sie sprächen mit ihren Partnern, aber diese weigerten sich, Problembewusstsein zu zeigen, wie hier zum Beispiel: Wir konnten und können nicht über unsere Probleme reden. Ich hab's schon so oft versucht, doch er meint, es wäre alles in Ordnung. (aus "Ich bin froh, dass ich fremdgegangen bin") ... mittlerweile fehlt mir die Energie, diese Sprach- und Tatenlosigkeit seinerseits zu überwinden... (aus "Bin ich zu anspruchsvoll?") Ich habe sehr oft versucht, ihm zu erklären, dass ich so nicht glücklich bin und dass ich gehen werde, wenn sich nichts ändert. Es hat sich nichts geändert. Schweigen! Keine Reaktion! (aus "Glücklich - nach vielen Jahren Einsamkeit") Was sind das für Männer?

Eva Wlodarek: In ihrer Kindheit oder Jugend haben diese Männer irgendwann dicht gemacht, und keine Kompetenz entwickelt, sich mitzuteilen, Gefühle auszudrücken, Liebe zu zeigen. Sie sind innerlich starr. Leider können Sie keinen Mann ändern, der das nicht selbst will. So etwas aushalten - warum? Dann lieber weg. Und das haben einige der Frauen in den Ehe-Geschichten ja auch getan.

Brigitte.de: Was sind untrügliche Anzeichen, die einer Frau zeigen, dass sie gehen muss?

Eva Wlodarek: Körperliche und seelische Gewalt. Mit seelischer Gewalt meine ich vor allem Respektlosigkeit, ständiges Erniedrigen. Sagt die Frau dem Partner klar, wie weh ihr das tut, und er macht dennoch weiter, darf es kein Pardon geben.

Brigitte.de: Christina sagt in ihrer Geschichte: "Ich blieb, aus Angst, es allein nicht zu schaffen mit zwei Kindern."

Eva Wlodarek: Angst sollte einen nicht davon abhalten, sich gut zu informieren: Ein Mann ist unterhaltspflichtig für seine Kinder. Und wer Angst vor einer Trennung hat, sollte sich klarmachen: Noch schlimmer als das Alleinsein ist Einsamkeit zu zweit.

Brigitte.de: Warum?

Eva Wlodarek: Weil man jeden Tag sieht, dass man nicht das bekommt, was man möchte - man führt eine Beziehung, die einem Liebe und Geborgenheit geben sollte. Aber man spürt nichts davon, sondern wird zurückgestoßen.

Brigitte.de: Wer unzufrieden mit seiner Beziehung ist, sollte sich wohl auch selbst ein paar kritische Fragen stellen. Welche sollten das sein?

Eva Wlodarek: Erstens: Habe ich zu romantische Vorstellungen? Die halten der Realität meist nicht stand. Kein Mensch kann nach einem vollen Arbeitstag auch noch täglich das volle Romantikprogramm liefern. Zweitens: Was tue ich, um das Problem zu lösen? Meckere ich vielleicht nur, anstatt konstruktive Vorschläge zu machen? Und drittens: Wo lasse ich mir zu viel bieten, wo setze ich keine Grenzen? Lässt mein Partner mich auf der Party stehen oder ist ständig unpünktlich, muss ich ihm zeigen, dass ich mir das nicht mehr gefallen lassen will.

<frage name=Brigitte.de> Was raten Sie ganz konkret? </frage> <antwort name="Eva Wlodarek">Nehmen Sie sich einen Zettel, und beschreiben Sie die aktuelle Situation so sachlich und unemotional wie möglich: Was tut er, wie geht es Ihnen? Als nächstes schreiben Sie sich konkret und detailliert auf, was Sie gerne möchten, zum Beispiel: "Ich möchte nicht, dass er in Gegenwart anderer über meinen Job lästert", oder: "Ich wünsche mir regelmäßige Fußmassagen." Dann überlegen Sie sich, was Sie selbst machen können, um die Situation zu ändern, so dass Sie sich besser fühlen - ohne die Beziehung bei diesen Überlegungen in den Mittelpunkt zu stellen. Das heißt, bei der nächsten Party unterbrechen Sie Ihren Partner, bitten ihn, mit dem Lästern aufzuhören, weil Sie das verletzt, und wechseln einfach das Thema. Und Sie gönnen sich einen Massagetermin bei der Fußpflegerin. Der Trick bei diesem Dreierschritt: Sie drehen selbst am Rad, und kommen aus der Opferrolle heraus. Mit oder am Ende vielleicht auch ohne Ihren Partner.</antwort>

Buchtipp

Eva Wlodarek: "Hilf dir selbst. Die besten Rezepte gegen Frust und Krise" Der Ratgeber ist 2006 bei Fischer erschienen und kostet 8,95 Euro.

Die Website von Eva Wlodarek finden Sie unter www.wlodarek.de.

Interview: Wiebke Peters Foto: plainpicture
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