Ehewahrheit: "Fast täglich kam der Paketbote"

Katharinas Mann ist liebevoll, unkompliziert - und kaufsüchtig. Seine rauschhaften Einkäufe ruinieren nicht nur die Finanzen des Paares, sondern auch die Ehe.

Auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit brach ich aus meiner ersten Ehe aus und heiratete einige Jahre später einen Mann, der mich abgöttisch liebte und mir ewige Liebe und ein Leben in Wohlstand versprach. Er war freier Unternehmer und legte mir die Welt zu Füßen. Reisen, eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung, schöne Kleidung - aber vor allem liebevolle Zuneigung, unkompliziertes Miteinander und reichlich Freiraum für meine persönlichen Bedürfnisse, das alles bot er mir.

Ich hatte auch ihm viel zu geben. Ich tat alles, um ihm sein bisher einsames Leben heimelig zu machen, verwöhnte ihn, wo ich nur konnte, und war immer bemüht, ihm eine gute Ehefrau zu sein. Alle meine Freundinnen beneideten mich um diese scheinbar ideale Beziehung.

Seine Bestellsucht war beinah rauschhaft

Vor lauter Glück und Verliebtheit übersah ich die immer auffälliger werdenden Handlungen meines Mannes. Die häufigen Besuche bei einem Buchmacher, die extremen Käufe, die von völlig unnützen Dingen bis hin zum Erwerb eines Mehrfamilienhauses in einer weit entfernten Stadt reichten. Dann der Missbrauch von Medikamenten, die beinah rauschhafte Bestellsucht, sei es über Verkaufssender im Fernsehen oder Ebay. Es gab eine Zeit, in der fast täglich der Paketbote zu uns kam und ich allmählich immer ungehaltener wurde über die Kartonagenflut in Kellerräumen und Abstellkammern.

Stutzig machte mich schließlich, dass wir nie ein gemeinsames Konto hatten und ich selbst als seine Ehefrau niemals eine Mitverfügung über sein Konto bekam. Er hatte immer andere Ausreden diesbezüglich. Als er nach dem Verkauf seines Geschäftes eine riesige Summe Geld erhielt, war diese im Handumdrehen aufgezehrt.

Zwar floss ein nicht unbeträchtlicher Teil in unsere Eigentumswohnung, aber mehr als die Hälfte, die ich mir als Rücklage für unser Alter gedacht hatte, verschwand in den Kanälen alter Schulden und Verpflichtungen oder ging in sinnlosen Käufen den Bach runter. Schließlich waren wir finanziell so in der Klemme, dass sogar unsere Lebensversicherungen vorzeitig aufgelöst werden mussten.

Er versuchte alles schön zu reden

Es kam zu immer häufigerem Streit, da ich seine Medikamentensucht und seinen Kaufrausch nicht länger schweigend hinnehmen wollte. Von niemandem auch nur erahnt, spielten sich fürchterliche Szenen zwischen uns ab. Alles, was ich ihm vorhielt, schmetterte er als Einbildung von mir ab, aus allem redete er sich heraus, und ganz gleich, wie negativ sich die Dinge auch entwickelten, er beschwichtigte mich und versuchte, alles schön zu reden.

Einer Eheberatung stimmte er immerhin schließlich zu. Aber nach der Meinung des Therapeuten hätte ich, um meine Haut und Seele zu retten, eigentlich schon längst meinen Mann verlassen müssen. Stattdessen harre ich aus, obwohl ich mittlerweile meinen Lebenskahn auf den todbringenden Wasserfall zurasen sehe.

Habe ich noch genug Schlaftabletten?

Weder meine Söhne noch meine alte Mutter oder meine Freundinnen wissen um diese Probleme, die mir fast die Luft zum Atmen nehmen. Außer mit all dem fertig zu werden und immer wieder um Lösungen zu kämpfen, war und ist das noch am schwersten: Die Fassade unserer Ehe zu erhalten und alle in dem Glauben zu lassen, es ginge mir gut, obwohl ich nervlich ein Wrack bin.

Da ich mich mittlerweile an jeden Strohhalm klammere, habe ich eine Arbeitsstelle angenommen, die mir körperlich enorm viel abverlangt, aber immerhin dazu beiträgt, dass unser finanzielles Desaster ein wenig gemildert wird. Ab und zu schaue ich in meine geheime Schublade, in der ich ausreichend Schlaftabletten gehortet habe, für den Fall, dass ich keinen anderen Ausweg mehr weiß. Ich fühle mich wie eine Brücke, die sich unter einer übermäßigen Belastung durchbiegt und zu brechen droht. Aber davon weiß keiner etwas, weil ich aus Scham über alles, was war und ist, schweige.

Foto: dreamstime.com
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