Ehewahrheit: "Was bleibt für mich?"

Petras Mann ist Alkoholiker, und doch liebt sie ihn, die beiden haben drei Kinder. Sie hält die Familie zusammen, organisiert den Alltag. Bricht eines Tages zusammen - und keiner merkt es.

Der Anfang war spannend, schön, kribbelnd. So viel Begeisterung so viel Anziehung. Dann kam sein körperlicher Zusammenbruch - warum? Niemand wusste es. Heiratest du mich trotzdem - aber ja! Wie kann ich zurück, ich hab' doch ja gesagt? Am Tag vor der Hochzeit die Frage eines Freundes: "Wie kann man ihn nur heiraten?"

Was sollte ich antworten - was wusste ich schon? Schließlich war ich verliebt. Drei Monate danach: Klinik-Einweisung - Leberversagen - Ihr Mann ist Alkoholiker. Ja, wir schaffen das! Ich schaffe das!

Fehlgeburt - "Scheiße" war sein einziges Wort dazu

Unser erstes Kind kam - ich war 23 Stunden allein im Krankenhaus - er konnte den Geruch nicht ab - ich kam nach drei Wochen nach Hause zurück - keine Wäsche gewaschen, kein Bett gemacht, keine Blumen gegossen, kein Klo geputzt, nichts eingekauft. NICHTS.

Das Leben lief weiter. Fehlgeburt - "Scheiße" war sein einziges Wort dazu. Ich fing mit Kind wieder an zu arbeiten.

Die Zeit verrann, man liebte sich, hatte wirklich guten Sex, baute eine Zukunft auf. Doch was ist Zukunft? Das zweite Kind war unterwegs - aber von ihm keine Freude, nur: "Nicht schon wieder. Und wenn überhaupt, dann nicht von mir!" Schmerz - unendlicher Schmerz.

Umzug, Karriere, Arbeitslosigkeit, Existenzangst - der Alkohol war steter Begleiter. Was fehlte ihm, was tat ich zu wenig? Haushalt, Kinder, Job, die gesamte Verwaltung - "Mach du, ich kann das nicht, sonst gibt's 'nen Steuerberater." - "Doch wie den bezahlen?" - "Ach, das findet sich."

Er ging allem aus dem Weg

Die zweite Arbeitslosigkeit kam, er lebte weiter wie immer, nahm sich, was er wollte. Konto überzogen - dennoch stets das Lebensmotto: "Das steht mir zu." Hartz 4 schlug zu wie ein Hammer, man verlor so viel, immer die Fassade erhalten, Lügen, um das Gesicht nicht zu verlieren. Er ging allem aus dem Weg, schob weg, hörte nicht zu, ignorierte. Eine bewundernswerte Fähigkeit: abends ins Bett, morgens raus, alles vorbei, ein neuer Tag, ein neues Leben. Doch was hatte ich?

Die Post kam, Rechnungen, Mahnungen, "Lass liegen, das regeln wir später" - doch wie? Also noch mehr arbeiten, noch mehr organisieren. Wieder schwanger, Tränen, von ihm kam: "Wir haben keinen Platz mehr im Leben für ein Kind." Dann wurde es der ersehnte Sohn - alles neu, alles bestens, das tollste Kind. Das musste begossen werden.

Der neue Job, 600 Kilometer weit entfernt. Luft, endlich, Luft für mich. Endlich Ruhe, doch trügerisch, die Wochenenden verbrauchten mehr Kraft, als ich in der Woche sammeln konnte. Zuviel blieb auf der Strecke - sein Satz: "Wir hatten eine klare Trennung, ich bringe das Geld nach Hause, du kümmerst dich um den Rest."

Doch wie viel das ist... wer weiß das? Die Freundin, die Nachbarin, die Oma mit Alzheimer, die zusätzlich zwei Jahre ins Haus kam - wo anfangen, wo aufhören, wem sich anvertrauen, wem das gesamte Chaos erklären? Freunde auf Distanz, sie merken, wie viel Ballast, wie viel Frust, wie viel Belastung das alles ist. Sie wollen helfen, so weit sie können - nur was sollen sie tun?

"Bleib! Wir haben Papa lieb."

Einer, der mit ihm spricht, ihn fordert, ihn aufzurütteln versucht - wird abgehakt, Kritik ist nicht drin. Der Standardsatz, wenn doch etwas zu ihm durchdringt: "Ich bemühe mich ja."

Ja, ich kritisiere, ich melde meine eigenen Ansprüche an, vielleicht zu viel, vielleicht zu wenig, wer vermag das zu sagen? Versuche zu gehen, die Kinder bitten: "Bleib! Wir haben Papa lieb." Doch was wissen sie wirklich? Kinder sind nicht blind und taub. Auch hier: der Kraftaufwand, nicht aus der Rolle zu fallen.

Die Quittung kommt. Infarkt - stumm - nicht hart. Warnung, nur wer hört die außer mir? Alles geht weiter seinen Gang. Abspringen bei 180 Kilometern in der Stunde - wer kann das?

Wie schön war der Leitsatz, unter dem alles begann: "Einen Menschen zu lieben heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat", von Victor Dostojewski. Kann man einen Menschen wirklich so lieben? Und was bleibt für einen selbst? Der Begleiter ist stets das schlechte Gewissen, sehe ich ihn falsch? Bilde ich mir das alles nur ein, habe ich überzogene Ansprüche? Aber was bleibt für mich?

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