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Einseitige Liebe Wie man damit umgehen kann

Einseitige Liebe: Mädchen schaut ihren Freund an
© EugeneShchegolsky / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

"Ich kann mein Gedankenkarussell einfach nicht anhalten. Es dreht sich pausenlos. Und immer wieder ist es die gleiche Frage: Warum, warum, warum?" Vera schüttelt fassungslos den Kopf. "Warum hat sich Wolfgang nur zurückgezogen? Unsere Treffen waren doch harmonisch. Wir hatten Spaß. Wir haben schon gemeinsame Urlaubspläne gemacht. War ich zu direkt, zu forsch? Wieso hat er plötzlich gar kein Interesse an mir? Warum hat er nichts gesagt?"

Innen und Außen passen nicht mehr zueinander

Wenn Vera über ihre Beziehung zu Wolfgang spricht, merkt man, dass diese längst nicht so intensiv war wie die Verlustgefühle, die sie jetzt erlebt. Dabei ist Vera keine 18 mehr. Vera ist 81. Sie weiß sehr wohl, dass sie einem Mann begegnet ist, der große Angst vor verbindlichen Beziehungen hat. Aber trotzdem kann sie sich von ihm nicht lösen. Sie hofft immer noch, dass gleich das Handy klingelt und Wolfgang sich wieder meldet.

Wenn wir uns jemandem nah und verbunden fühlen, der sich uns entzieht, sind wir verwirrt. Innen und Außen passen nicht mehr zueinander. Als würden wir unseren Lieblingspullover anziehen, der plötzlich so riesig ist, dass er von unseren Schultern gleitet und sich als Wollhaufen zu unseren Füßen wiederfindet. Als befänden wir uns in einem Albtraum. Wir fühlen doch, wie wichtig der andere für uns ist. Wir fühlen doch unsere Liebe, unsere Sehnsucht, diese intensive Verbindung zwischen uns. Das bilden wir uns doch nicht ein. Es kann doch gar nicht sein, dass wir die intensivsten Gefühle zu jemandem haben, und er erwidert sie einfach nicht (mehr). Wir können nicht verstehen, was wir fühlen. Und wir fühlen nicht, was wir verstehen.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

Wenige andere Gefühle sind so stark wie unsere Bindungsgefühle. Die Verliebtheit, wenn wir uns binden, der Trennungsschmerz und Liebeskummer, wenn wir eine Bindung verlieren. Die Natur möchte nicht, dass wir eine Liebesbindung wieder verlieren. Und die Natur, das sind wir. Trennung tut schon weh, wenn wir nur daran denken. Deshalb hoffen wir weiter, obwohl wir längst die Einzige sind, der die Beziehung noch wichtig ist. Wir sind schon allein, aber wir wollen nicht wahrhaben, dass der Abschied schon begonnen hat.

Hoffen und sich lösen 

Wir hoffen, um nicht trauern zu müssen. Jeder Trauerprozess beginnt typischerweise so. Wir leugnen, was geschieht, und hoffen stattdessen weiter. Erst danach werden wir wütend, wälzen die Vergangenheit, als wenn wir sie noch einmal neu gestalten dürften, lassen dann die Trauer zu und erkennen endlich an, dass es vorbei ist. Wir können die Phasen eines Trauerprozesses nicht einfach überspringen. Aber wir können uns bewusst machen, dass wir uns in diesem Prozess befinden.

Trauern und sich lösen, das geschieht nicht einfach so. Es ist ein aktiver Prozess. Wir können uns in allem, was wir fantasieren, denken und tun, daran orientieren, ob es uns wirklich in unserem Trennungsprozess weiterbringt. Die Hoffnung nicht aufgeben zu können, verrät uns doch im Grunde, dass wir sie schon verloren haben.

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BRIGITTE 15/2020

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