Jesper Juul: Die sechs größten Erziehungsirrtümer

Perfekte Eltern sind ein Albtraum, sagt der renommierte Familientherapeut Jesper Juul. Lest hier die sechs größten Erziehungsirrtümer - und wie man sie in den Griff bekommt.

Irrtum 1: Eltern müssen konsequent sein

Richtig ist: Eltern müssen glaubwürdig sein. Dafür muss man nicht unbedingt konsequent sein. Entscheidend ist vielmehr, dass die Eltern so konsistent sind wie möglich. Das heißt, dass das, was sie tun, mit ihren eigenen Wertvorstellungen übereinstimmt. Heute ist Konsequenz sehr oft einfach nur ein Synonym für Bestrafung.

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Irrtum 2: Belohnen ist besser als bestrafen

Sowohl Belohnen als auch Bestrafen untergraben die Autorität der Eltern, indem sie eine neue Instanz an deren Stelle setzen: Tu das nicht mir zuliebe, sondern wegen der Belohnung/Bestrafung. So kriegt man Kinder, die funktionieren, aber nicht eigenständig denken.

Irrtum 3: Höflichkeit ist wichtig

Bitte, danke, gern geschehen. Nettsein und Höflichkeit helfen wunderbar im Umgang mit fremden Menschen: im Bus, beim Bäcker, im Hotel. Zwischen Eltern und Kindern aber funktioniert das nicht: Es entpersonalisiert die Beziehung, es schafft Distanz, wo Nähe herrschen soll. Doch die Alternative zu nettem und höflichem Verhalten ist nicht unbedingt die Unhöflichkeit. In der Eltern-Kind-Beziehung geht es vielmehr darum, eine eigene, persönliche Sprache zu entwickeln.

Irrtum 4: Eltern müssen gute Vorbilder sein

Eltern sind Vorbilder. Punkt. Kinder können sehr gut mit den Fehlern der Eltern umgehen, solange diese die Verantwortung dafür übernehmen. Verwirrt werden Kinder, wenn ihre Eltern beginnen, Rollen zu spielen, und nicht mehr authentisch sind.

Irrtum 5: Kinder brauchen Grenzen

Kinder brauchen Beziehungen zu Menschen, die Grenzen haben. Die sagen: Das will ich nicht. Oder: Ich will jetzt auch mal eine halbe Stunde allein sein. Dass Kinder Grenzen für ihre Entwicklung brauchen, ist falsch.

Irrtum 6: Vater und Mutter dürfen sich den Kindern gegenüber nicht widersprechen

Es gibt kein Paar, das immer einer Meinung ist. Theoretisch vielleicht oder abends bei einer Flasche Wein, wenn man über grundsätzliche Erziehungsfragen redet. Aber im Erziehungsalltag sieht das ganz anders aus. Trotzdem belasten sich viele Eltern damit, immer einig sein zu müssen, um die Kinder nicht zu verwirren. Doch damit unterschätzen sie ihre Kinder gewaltig: Kinder lernen sehr schnell, dass verschiedene Menschen verschiedene Wertvorstellungen und Grenzen haben. Und es ist wichtig, dass sie das lernen.

Text: Georg Cadeggianini Ein Artikel aus der BRIGITTE, Heft 15/2011
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