Eltern sind Egoisten

Ständig wird uns weisgemacht, dass Kinderlose Egoisten sind, während Familien sich für die Allgemeinheit aufopfern. Komisch nur, dass frisch gebackene Elternpaare so verdammt glücklich sind. Ein Standpunkt von Susanne Arndt.

Da war es wieder: Die ZEIT untertitelte kürzlich ihren Leitartikel "Wo sind die Kinder?" mit dem viel sagenden Satz: "Im Land der Egoisten: Kein Nachwuchs, keine Rente". In dem Artikel wurde zum etwa hundertsten Mal behauptet, die 30- bis 45-Jährigen lebten heute lieber als Singles oder Dinks (Double Income No Kids), um ja nicht ihre kostbaren Tauchurlaube aufgeben zu müssen. Sie hielten "Konsum für angenehmer als nervtötende Stunden mit Holzbauklötzen". Aha. Leute ohne Kinder sind also Egoisten, die "aus dem Generationenvertrag ausgestiegen" und daher selber schuld sind, wenn sie keine Rente kriegen. Fast zeitgleich weiß die "Welt" dagegen zu berichten, dass Kinder kriegen wieder angesagt sei - es gäbe nämlich immer weniger Leute, die "viel Zeit für sich haben wollen, ohne an andere denken zu müssen". Also was nun? Geht der Trend zum "egoistischen Single" oder zum "Ex-Egoisten", der am Ende doch noch sein soziales Gewissen entdeckt hat? Man weiß es nicht ...

Alles was ich weiß, ist, dass mir in meinem ganzen Leben noch niemand begegnet ist, der Kinder bekommt, um der Gesellschaft einen Gefallen zu tun. Ganz im Gegenteil - es geht um das eigene Wohlbefinden, wenn Kinder ins Spiel kommen, um die Befriedigung aller lang gehegten Sehnsüchte: nach bedingungsloser Liebe, die man sich - pardon - mit Alete-Brei erkaufen kann, nach einer unauflöslichen Beziehung, die einen das ganze Leben begleiten wird, nach einem warmen Nest und nach jemandem, der das Leben ausfüllt, das man selbst nicht mehr so richtig spannend findet. Denn die Neugier, die uns durch unsere Jugendjahre begleitet hat, kommt früher oder später jedem abhanden. Was bleibt dann noch außer einem endlosen Arbeitsleben (30 Jahre oder mehr) und dem vermaledeiten Tauchurlaub, der im zehnten Jahr zwangläufig auch seine Faszination verliert?

Welch unfassbares Glück ist es dagegen, den eigenen Kindern dabei zuzuschauen, wie sie die Welt (für die Eltern) neu entdecken? Ganz zu schweigen von der Geburt - die war ja das allergrößte Erlebnis im Leben der Mutter. Und dann ist da noch das Sterbebett - Eltern müssen sich keine Sorgen mehr machen, dort eventuell ohne familiären Beistand liegen zu müssen ...

Wenn ich dann noch von Glück beseelte Mütter im Park für ihre Kleinen "Heidschi Bumbeidschi" singen höre, kann ich das Opfer, das sie bringen, nur schwer erkennen. Spätestens dann muss ich mich fragen: Sind Eltern nicht genauso egoistisch?

Überhaupt: Kinder für die Rente - wird das wirklich hinhauen? Die ZEIT hat errechnet, dass zum Großziehen dreier Kinder mindestens eine halbe Million Euro notwendig ist. Vielleicht eine Fehlinvestition, wenn man an die Perspektiven unseres Nachwuchses denkt. Denn ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer Kinder wird womöglich vom Arbeitslosengeld II - sprich, von der Allgemeinheit - leben müssen, weil sie keine Lehrstelle, geschweige denn einen richtigen Job finden werden. Schon heute ist fast jeder Zehnte arbeitslos. Traurig, aber wahr: Auch die Eltern selbst riskieren in die Sozialhilfe abzurutschen, denn Kinder sind immer noch das größte Armutsrisiko. Anstatt also freundlicherweise die Rentenbeitragszahler der Zukunft großzuziehen, liegen Mama und Papa am Ende womöglich selbst dem Staat auf der Tasche. Und das alles nur, damit das eigene Leben nicht so öde und einsam ist?

Vielleicht ist ja doch sozialer, die halbe Million unterm Kopfkissen zu verstecken und sie im Rentenalter mit Bedürftigen zu teilen - zum Beispiel mit Eltern, die anstatt fürs Alter zu sparen im Park lieber "Heidschi Bumbeidschi" gesungen haben.

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