Elternkrankheiten

Pest und Cholera - die früheren Geißeln der Menschheit wirken fast harmlos gegen jene Krankheiten, die Nina Puri und Susanne Kaloff bei Eltern diagnostizieren. Zu welchen Persönlichkeitsänderungen der Neu-Mütter kommt es bei der Erstgeburt? Und woran erkennt man einen klaren Fall von Zurschaustillen?

Alle relevanten Krankheitsbilder des Eltern-Daseins werden im neu erschienenen Ratgeber "Elternkrankheiten" sachkundig beschrieben - inklusive hilfreicher Tipps für alle, die mit Eltern zu tun haben. Übrigens: Die Autorinnen sind selbst Mütter.

Hier lesen Sie zehn Auszüge aus dem Buch:

Abwehrschwäche (lat.: papitulation)

Beschreibung:Elterliche Unfähigkeit, konsequent nein zu sagen

Mögliche Auslöser: Das Baby möchte das dritte Eis des Tages. Das Kleinkind möchte "Star Wars, Episode III" sehen. Der Pubertierende möchte bis zum Morgengrauen im "Black Devil" tanzen gehen.

Verlauf:- Der elterliche Organismus bleibt vorerst stabil.- Auf das feste "Nein" folgt bei fortschreitender Diskussion allmähliches elterliches Schwächeln. - Die Abwehr gerät ins Wanken. Das Elternteil beugt sich schließlich ermattet und um Jahre gealtert mit einem gebrummelten "Okay, meinetwegen" der kindlichen Autorität. - Das Elternteil versucht, sein Gesicht zu wahren, indem es mit strenger Miene und erhobenem Zeigefinger ein rührend unglaubwürdiges "Aber: absolute Ausnahme!!!" nachschiebt.

Heilungschancen: Einfach sofort alles erlauben. Das Kind kann später mit seinem Psychiater darüber sprechen.

Blindtext (lat.: kisuaheli neumix)

Beschreibung: Junge Eltern, die in der Erwachsenensprache mit dem Baby sprechen

Mögliche Ursachen: - Akuter Mitteilungsstau - Einsamkeit

Mögliche Ausdrucksformen: - Auf dem Postamt: "Jetzt geben wir unsere Steuererklärung ab, Lina, und dann machen wir uns einen schönen Cappuccino!" - Im Drogeriemarkt an der Kasse: "Ach, Lennard, jetzt habe ich die Stilleinlagen vergessen!" - An der Ampel: "Mensch, wir müssen unbedingt dran denken, die Autowerkstatt anzurufen, Fritz!"

Kindliche Deutung: Blablablablablabla, Lina; Blablablablablabla, Lennard; Blablablablablabla, Fritz.

Behandlung: Auf Augenhöhe

Empfehlung: Ab 0 Jahre

Erstgeburt (lat.: very important mama)

Beschreibung: Mütter, die glauben, sie seien die ersten Frauen der Welt, die ein Kind haben

Typische Symptome: - Die betroffenen Jungmütter erzählen Müttern, die bereits zwei bis drei halbwüchsige Kinder haben, in epischer Breite über die Herausforderungen des neuen Lebens mit Baby. Der Bericht endet in der Regel mit einem gestöhnten: "Das kannst du dir nicht vorstellen!" - Die befallenen Mütter kommen zu jeder Verabredung ganz selbstverständlich mindestens eine halbe Stunde zu spät. Weil das Kind nicht einschlafen wollte, weil es sich nicht anziehen ließ, weil es noch spielen wollte. Das kannst du dir nicht vorstellen! - Die erkrankten Mütter kommen nicht mehr zum Arbeiten, nicht mehr zum Einkaufen, nicht mehr zum Kochen, nicht mehr dazu, Verabredungen zu treffen, nicht mehr dazu, Verabredungen abzusagen, nicht mehr zum Telefon, nicht mehr zur Haustüre, nicht mehr zum Zähneputzen, nicht mehr zum Atmen. Denn ein Baby zu haben ist so anstrengend, das kannst du dir nicht vorstellen!

Wie kann ich helfen? Gar nicht. Das kannst du dir nicht vorstellen.

Heilung: Das zweite, dritte, vierte Kind

Gewissensbisse (lat.: mama rabe)

Beschreibung: Bei der Befruchtung der weiblichen Eizelle wird nicht nur ein Baby, sondern auch das schlechte Gewissen gezeugt.

Mögliche Symptome: - Angst, eine schlechte Mutter zu sein - Das Gefühl, tadelnde Blicke von anderen Eltern, Lehrern, Erziehern, Ärzten, Bäckerinnen, Kassiererinnen, alten Frauen auf der Straße, Hunden, Laternen auf sich zu ziehen

Mögliche Auslöser: - Das eigene Kind hat als einziges Kind in der Klasse Ausflugsrucksack/ Schwimmtasche/ Turnbeutel nicht dabei. - Die häusliche Obstschale ist nicht ausgewogen gefüllt. - Das eigene Kind kann noch nicht krabbeln/Fahrrad fahren/schwimmen/ seiltanzen/eine Operation am offenen Herzen durchführen. - Das Kind weint als einziges beim Abschied in Kita/Schule/Universität/ Arbeitsstätte.

Diagnose: Sie sind wahrscheinlich eine unbeschreiblich schlechte Mutter.

Vorbeugung: Machen Sie einfach alles richtig.

Hochbegabungszwang (lat.: filius einsteinus)

Beschreibung: Der unerschütterliche Glaube der Eltern, dass das eigene Kind zu Höherem berufen ist

Symptome: - Die betroffenen Eltern begründen jegliche Verfehlung oder Doofheit des Kindes mit seiner Hochbegabung. - Sie füllen ihre Bücherregale bis zur Decke mit Literatur wie "Was ist Was", "Kinder-Brockhaus", "Kinder-Uni" und "Kluge Kinder". - Sie melden ihr Dreijähriges in Chinesisch-, Archäologie- und Programmierungskursen an. - Sie nehmen eine Halbtagsstelle an, um genug Zeit für die persönliche Begleitung der Hausaufgaben und der Förderkurse ihres Nachwuchses zu haben.

Heilung: Wenn das Kind mit 42 Jahren nach 37 Semestern Deutsch auf Lehramt eine Stelle als Hausmeister gefunden und ein uneheliches Kind mit der Serviererin vom Café Kaktus gezeugt hat, legt sich die elterliche Euphorie oder entlädt sich im Anzeigen von Parksündern und Beschimpfen ihres Zivildienstleistenden.

Kloß im Hals (lat.: baby blues)

Beschreibung: Beim Anblick des eigenen Kindes von übermächtig starker Rührung übermannt werden

Mögliche Auslöser: - Das Kind hat seinen ersten Kindergartentag/Schultag/Universitätstag. - Das Kind überquert die Straße im Gänsemarsch mit seiner Kindergartengruppe. - Das Kind steigt mit seinem kleinen Rucksack in den riesigen Klassenfahrtbus. - Das Kind trägt dem Weihnachtsmann mit stockender Stimme und roten Bäckchen ein Gedicht vor. - Das Kind absolviert ein Triangelsolo auf der wackeligen Bühne des Jugendmusikschul-Weihnachtskonzerts.

Symptome: - Schluckbeschwerden - Herzbrennen - Geschwollenes Herz - Verschwommene Sicht - Heiße Ohren - Wackelige Stimme, die im völligen Stimmversagen des Elternteils gipfelt

Auftreten: Nah am Wasser

Vermeiden: Angesprochen werden

Läuseschock (lat.: apokalypse now)

Beschreibung: Spontan auftretender mütterlicher Wasch- und Desinfektionszwang

Symptome: In der heimischen Wohnung herrscht Alarmstufe 3. Kleidungsstücke, Decken, Kissen, Stofftiere, Teppiche und Menschen werden in die Gefriertruhe gesteckt, in Mülltüten verpackt, bei 570 Grad gekocht und tagelang in ätzenden Flüssigkeiten eingeweicht.

Weitere Symptome: - Stundenlanges Wühlen, Durchkämmen und Mikroskopieren der Kopfhaut des Vaters, der Kinder, der Babysitterin, des Briefträgers, des Klempners und aller Haustiere - Unerträgliche Gereiztheit der Mutter, die bei kleinstem Anlass zu tödlichen Wutausbrüchen führen kann

Auslöser: Eine befreundete Mutter hat gehört, dass eine andere Mutter gesagt habe, dass ein Schüler in der Parallelklasse vor zwei Tagen schwarze kleine Punkte im Haaransatz gehabt habe.

Behandlung: Ruhe bewahren, der Mutter aus dem Weg gehen. Niemals vor ihren Augen am Kopf kratzen!

Verlauf: Wenn die Mutter das Haus bis auf die Grundmauern auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt hat, kehrt sie im Allgemeinen zu ihrem normalen Verhalten zurück.

Weiterer Verlauf: Nach zwei Wochen tritt in der Regel erneuter Läusealarm auf.

Münchhausen-Syndrom (lat.: parens pinocchio)

Beschreibung: Dem eigenen Kind Lügen auftischen, dass sich die Balken biegen

Mögliche Ausdrucksformen: - Von rohem Teig bekommt man Bauchweh. - Zu viel Fernsehen macht viereckige Augen. - Nase hochziehen verklebt das Gehirn. - Butschi ist jetzt im Tierhimmel. - Wenn du die Schuhe falsch rum anziehst, kriegst du Bananenfüße. Von zu viel Süßigkeiten kriegst du Würmer im Bauch. - Wenn du so viele Grimassen schneidest, bleibt dein Gesicht irgendwann so stehen. - Der Klügere gibt nach. - Beim Essen Zappeln gibt Darmverschlingung. - Wenn du nicht lieb bist, gehen wir gleich wieder nach Hause. - Du lernst für das Leben, nicht für die Schule. - Iss auf, dann scheint morgen die Sonne. - Wirst sehen, das tut auch gar nicht weh. - Wenn du deine Lego-Kiste nicht aufräumst, gibt's nachher kein Fernsehen. - Nach Kirschen darf man nichts trinken. - Der liebe Gott sieht alles. Cola löst den Magen auf. - Wer nicht an den Weihnachtsmann glaubt, dem bringt er auch nichts. - Mama und Papa haben doch gar nicht gestritten.

Folgen: Den Eltern wächst eine lange Nase.

Oralbefriedigung (lat.: mjam mjam)

Beschreibung: Elterliche Erregung beim seltenen Genuss von Junkfood

Auslöser: - Eltern und Kind sitzen vorbildlich mit Kohlrabischnitzen, hefe freien Dinkelgrünkernschnitten mit Paprikagesichtern vor dem Fernseher, da erscheint eine riesige Werbe-BiFi auf dem Bildschirm. - Eltern und Kind sitzen vorbildlich mit einem Bund Radieschen, Vollkornknäckebrot und hartgekochten Eiern auf dem Badetuch im Freibad, da zieht die pommesgeschwängerte Duftfahne des Schwimmbadbüdchens herüber. - Eltern und Kind sitzen vorbildlich mit Möhrensticks und Frischkäse im Kino, da ertönt das laute Chipstüten-Knistern der Sitznachbarn.

Reaktion: Nach einer fundierten, mit mahnender Stimme vorgetragenen Rede über die Grundpfeiler gesunder Ernährung (13 Sekunden) geben die Eltern sich hemmungslos einer Cheezy-Crust-Salami-Party-Bestellpizza, dreimal XXL-Pommes rot-weiß mit Cola-Vanille oder der Packung King-Size-Double-Hot-Nacho hin.

Höhepunkt: Oh Gott, jaaaaaaaaaa!

Zurschaustillen (lat.: mopsus bohei)

Beschreibung: Tamtam ums Stillen

Verlauf: - Die Mutter schaut beim Abendessen im Bekanntenkreis wichtigtuerisch auf ihre Armbanduhr und wundert sich: "Komisch, Mark- Oliver müsste eigentlich längst mal wieder andocken." - Die Mutter macht alle Umstehenden darauf aufmerksam, dass in diesem Augenblick die Milch einschießt, und unterstreicht diesen großen Moment durch das Vorzeigen zweier feuchter Flecken. - Die Mutter packt unter großem Getöse ihre im Still-BH eingelegten Riesenbrüste aus und sagt: "Tja. Drei Nummern größer. Doppel-D." - Die Mutter zerrt das verblüffte Kind aus dem Tiefschlaf und legt es an die linke Brust: "Gell, Mark-Oliver, hmmm, das schmeckt dir!" - Die Mutter legt das wieder eingeschlafene und nicht die Bohne hungrige Kind nun an die rechte Brust: "Jaha, du kleiner Nimmersatt, du weißt, was gut ist! Also, der saugt mich noch mal leer, der kleine Feinschmecker!" - Nachdem das Kind bis unter die Halskrause abgefüllt ist, kommentiert die Mutter die nun aufgetragenen Speisen: "Zwiebeln? Geh mir weg damit! Davon müssen wir die ganze Nacht pupsen, gell, Mark-Oliver? Erdbeeren? Davon kriegt Mark-Oliver einen total wunden Popo. Ooooh, nee, Tomaten! Geht gar nicht. Habt ihr zufällig Kümmel-Fenchel-Anis-Tee da?" - Nach beendeter Vorführung packt die Mutter Brust und Kind ein, legt ihren Kopf lauschend an den zum Bersten gefüllten Mark-Oliver und ruft freudig in die Runde: "Na, da knattert aber jetzt ganz schön was! Ich glaub, wir gehen mal nach Hause!"

Chance: Abstillen

Buchhinweis

"Elternkrankheiten. Der große Ratgeber" von Nina Puri und Susanne Kaloff erscheint im November 2007 bei Knaur und kostet 12,95 Euro. ISBN: 978-3-426-78033-6.

Mehr Zum Buch auch unter www.elternkrankheiten.de

Text/ Abb.: © Knaur Verlag
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