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Emotionale Abhängigkeit lösen 3 Tipps, mit denen du die Sucht nach einem Menschen beenden kannst

Emotionale Abhängigkeit lösen: Frau und Mann sitzen mit trauriger Miene auf einem Bett und halten sich an den Händen
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Eine emotionale Abhängigkeit zu lösen, gelingt nicht von einem Tag auf den anderen. Wir erklären dir diesen Zustand und wie du ihn durchbrechen kannst.

Inhaltsverzeichnis

Sind wir in einer Beziehung nicht alle emotional abhängig von unserem/r Partner:in, den/die wir lieben? Die Vorstellung, verlassen zu werden, sorgt nicht gerade für Freudensprünge. Doch eine emotionale Abhängigkeit von einem anderen Menschen geht weit über diese natürliche Verlustangst hinaus und beschreibt ein krankhaftes Verhalten mit selbstvernachlässigenden Komponenten, bei dem bedingungslose Liebe nur eine nebensächliche Rolle spielt.

Definition: Emotionale Abhängigkeit

In der Psychologie beschreibt die emotionale Abhängigkeit eine einseitige, extreme Abhängigkeit von einer anderen Person, meist in einer Beziehung. Sie zeigt sich in übertriebener Angst vor dem Verlassenwerden, Selbstaufgabe und dem Vernachlässigen der eigenen Interessen. Eine emotional abhängige Person hat in den meisten Fällen keinen oder einen sehr kleinen eigenen Freundeskreis. Sie gibt ihre Autonomie fast vollständig auf und ordnet sich in allen Bereichen des Lebens einer anderen Person unter.

Anzeichen: Woran erkenne ich eine emotionale Abhängigkeit?

Eine emotionale Abhängigkeit entsteht häufig aus einer normalen und gesunden Beziehung. Eine Person fühlt sich nur mit ihrem/r Partner:in vollkommen, wiegt ihre möglichen Schwächen durch das Idealisieren des anderen Menschen aus. Dieser übernimmt beispielsweise unangenehme Aufgaben. Zusammen mit dem/der Partner:in fühlt sich die emotional abhängige Person sicher, stark und für das Leben gewappnet.

Schleicht sich das Gefühl ein, nicht mehr ohne den/die Partner:in existieren zu können, spricht man von einer emotionalen Abhängigkeit. Die eigene Freiheit und Autonomie werden extrem eingeschränkt und untergraben. Aus dieser Erkenntnis entsteht ein Zwang, der nur sehr schwer abgelegt werden kann.

Emotionale Abhängigkeit lösen: Frau Dr. med. Christa Roth-Sackenheim
Dr. med. Christa Roth-Sackenheim, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater
© privat

Frau Dr. med. Roth-Sackenheim, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater, betont ebenfalls: "Erste Warnzeichen, die oft nicht wahrgenommen werden, sind zum Beispiel eine zunehmende soziale Isolierung, dass der Partner/die Partnerin die bisherigen Freunde schlecht macht, deren Meinungen abwertet, mit dem Ziel, die Betroffenen aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld herauszulösen. Das kann auch Eltern, Familie und langjährige Freunde betreffen."

Erkennst du dich in diesen Beschreibungen wieder? Es bedeutet nicht automatisch, dass du dich in einer emotionalen Abhängigkeit befindest, wenn dein/e Partner:in beispielsweise den großen Wochenendeinkauf für euch übernimmt oder unangenehme Telefonate für dich führt. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie und wie sehr dich das abhängige Verhalten im Alltag einschränkt und was es in dir auslöst.

Die folgenden Anzeichen deuten auf eine mögliche emotionale Abhängigkeit hin:

  • Extreme einseitige Bindung an den/die Partner:in
  • Hilflosigkeits- und Entzugssymptome bei Abwesenheit der anderen Person (körperliche Schmerzen, Schlafstörungen)
  • Handlungsunfähigkeit
  • Negative Glaubenssätze
  • Selbstzweifel
  • Unsicherheit
  • Unterwerfung
  • Untergraben der eigenen Bedürfnisse
  • Starke Eifersucht
  • Panische Angst vor dem Ende der Beziehung
  • Handeln im eigenen Interesse ist nicht möglich

Wie entwickelt sich eine emotionale Abhängigkeit?

Eine emotionale Abhängigkeit schleicht sich nach und nach in den Alltag ein oder besteht schon im Vorhinein, indem sich eine emotional abhängige Person aktiv auf die Suche nach einem/r potenziellen Partner:in geht. Durch ein mangelndes Selbstbewusstsein oder ein niedriges Selbstwertgefühl werden Aufgaben an den oder die Partner:in abgegeben, die selbst unüberwindbar scheinen. Betroffene Personen klammern sich extrem an einen Menschen, der für sie sorgt, Schwächen ausbügelt und der abhängigen Person so zu einem stärkeren, oder überhaupt einem Selbstbewusstsein verhilft – allerdings nur in Gegenwart diesem/r Partner:in.

Andererseits kann ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis auch einen bestehenden Selbstwert verringern: "Schließlich kommt es anfangs oft noch vor, dass man sich nach Streitereien oder Auseinandersetzungen mit dem emotional abhängig machenden Partner wertlos, schlecht, dumm, hässlich fühlt oder einfach peinlich, während man sonst ein normales Selbstbewusstsein hatte", erklärt Dr. med. Roth-Sackenheim.

Der eigene Wert wird durch die toxische Beziehung nach und nach abgesprochen, das Selbstbewusstsein verringert sich und die emotionale Abhängigkeit kann sich vertiefen.

Persönlichkeitsstörung

Die Ursachen für dieses klammernde Verhalten liegen möglicherweise in einer Persönlichkeitsstörung. Das ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems; 10. Ausgabe), ein weltweiter Katalog, der Krankheitsbilder und Diagnosekriterien bestimmt und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird, benennt eine abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung. Diese Persönlichkeitsstörung wird unter dem Code F60.7 wie folgt definiert:

"Personen mit dieser Persönlichkeitsstörung verlassen sich bei kleineren oder größeren Lebensentscheidungen passiv auf andere Menschen. Die Störung ist ferner durch große Trennungsangst, Gefühle von Hilflosigkeit und Inkompetenz, durch eine Neigung, sich den Wünschen älterer und anderer unterzuordnen sowie durch ein Versagen gegenüber den Anforderungen des täglichen Lebens gekennzeichnet. Die Kraftlosigkeit kann sich im intellektuellen emotionalen Bereich zeigen; bei Schwierigkeiten besteht die Tendenz, die Verantwortung anderen zuzuschieben."

Erziehung

Auch die kindliche Erziehung kann eine emotionale Abhängigkeit begünstigen, die im Unterbewusstsein einer Person wirkt. Als Neugeborene sind wir auf die Zuneigung einer Person, in den meisten Fällen der Mutter oder des Vaters, angewiesen. Diese Personen sichern unser Überleben. Die Art und Weise, wie wir als Säugling oder auch im Kindesalter Zuneigung und Sicherheit erfahren, hat einen großen Einfluss darauf, wie wir im Erwachsenenleben Liebesbeziehungen eingehen. Fehlende Fürsorge oder auch zu viel Fürsorge legen den Grundstein für unsere Selbstständigkeit.

Erleben wir wenig oder gar keine Fürsorge, könnte im Erwachsenenalter eine emotionale Abhängigkeit zu unserem/r Partner:in entstehen. Ebenso kann auch ständige Zuneigung der Eltern, beispielsweise über den Auszug aus dem Elternhaus hinaus, zu einem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis unserer Liebschaften führen, indem wir nie gelernt haben, für uns selbst zu sorgen und in uns zu vertrauen, wenn wir nicht von Bezugspersonen umgeben sind.

Wie du siehst, kann eine große Bandbreite an Ursachen für ein klammerndes Verhalten und eine emotionale Abhängigkeit sorgen. Niemals wird dir die Schuld zugeschrieben und das solltest du auch selbst nicht tun. So kann der Grundstein bereits durch deine kindliche Erziehung gelegt worden sein, auf die du keinen Einfluss hast. Dadurch kann sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln, die dich in deinem täglichen Leben oder deiner Partner:innen-Wahl extrem einschränkt.

Auch wenn du dich immer mehr in den Beschreibungen wiederfindest, gib dir nicht die Schuld für dein Verhalten oder denke, dass du nicht normal bist. Dein Verhalten ist eine normale Reaktion auf vorausgegangene Ereignisse. Wichtig ist, dich mit dem Thema zu beschäftigen und gegebenenfalls Lösungsansätze zu finden, sobald du dafür bereit bist.

Liebe: Welchen Einfluss hat eine emotionale Abhängigkeit auf die Partnerschaft?

Emotional abhängige Menschen flüchten sich in die Obhut einer liebenden Person. Sie wägen sich in Sicherheit und werden beschützt, Schwächen durch die andere Person ausgeglichen. Diese Konstellation klingt erst einmal nicht gefährlich.

Das wird sie aber, wenn diese Abhängigkeit einseitig ausgenutzt wird. Beispielsweise, wenn es zu psychischer oder physischer Gewalt kommt, fällt es emotional abhängigen Personen extrem schwer, sich von diesem Umfeld zu distanzieren. Meist ignorieren sie sogar körperliche Beschwerden. "Auch bisher unbekannte psychosomatische Symptome, Schlaflosigkeit, Magenbeschwerden, Zähneknirschen, Gewichtsabnahme können darauf hindeuten, dass "etwas nicht stimmt", der Körper sendet dann Warnsignale", so Dr. med. Roth-Sackenheim.

Andererseits kann auch der/die Partner:in in einer Beziehung sehr unter der Abhängigkeit leiden. Er/sie wünscht sich eine/n selbstständige/n Partner:in, empfindet die Freiheit jedoch als sehr eingeschränkt und muss Rücksicht auf die Bedürfnisse des/der anderen nehmen und die eigenen zurückstellen. Das kann körperliche Folgen haben.

Laut einer Studie der University of Padova, der University of Manchester und dem University College London können intensive, negative Beziehungen das Risiko für koronare Herzerkrankungen erhöhen. Dafür wurden 6.114 Männer und 2.897 Frauen über drei Jahre und einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 12,2 Jahren begleitet.

Daraus lässt sich schließen, dass eine emotionale Abhängigkeit für beide Partner:innen in der Beziehung äußerst belastend ist und gesundheitliche Folgen haben kann.

Wende dich bei Gewalt, egal welcher Art, an eine Bezugsperson, vielleicht dein/e beste/n Freund:in, deine Eltern oder ein/e nahe/n Arbeitskolleg:in und sprich über deine Erfahrungen. Dieser Schritt ist schwer, nimmt dir aber etwas Last von den Schultern, indem du das Erlebte mit einer Person teilst. Indem du dich einem Menschen anvertraust, baust du dir ein Sicherheitsnetz auf, in das du dich flüchten kannst, wenn du bereit dazu bist. Kein Mensch muss psychische oder physische Gewalt ertragen.

Emotionale Abhängigkeit lösen: 3 Tipps

Du kannst versuchen, die emotionale Abhängigkeit im ersten Schritt mit eigenen Mitteln zu lösen. Besonders hilfreich sind dabei Techniken, die du in das alltägliche Leben integrieren kannst.

  1. Führe ein Beziehungstagebuch: Es kann schwierig sein, alle Gefühle, Ängste und Ereignisse im Kopf zu behalten. Greife zu einem Notizheft und beginne mit dem Schreiben eines Beziehungstagebuchs. Dabei solltest du so ehrlich wie möglich mit dir und seinem/r Partner:in sein. Der Sinn eines Beziehungstagebuchs liegt darin, rückblickend Muster zu erkennen und diese im zweiten Schritt aufzubrechen.
  2. Beschäftige dich mit deinen persönlichen Bedürfnissen: In einem Abhängigkeitsverhältnis gehen die eigenen Wünsche schnell unter. Die Fixierung auf eine andere Person sorgt für einen Identitätsverlust. Dieser Verlust kann durch eine regelmäßige Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen abgefangen werden. Stelle dir ein Leben ohne Abhängigkeit vor, was würdest du gerne tun? Welche Aufgaben würdest du gerne wieder selbst übernehmen, wie sieht für dich ein selbstständiges Leben aus? Im nächsten Schritt kannst du überlegen, wie du deine Wünsche und Bedürfnisse umsetzen kannst.
  3. Denke über die Möglichkeit einer Psychotherapie nach: Eine emotionale Abhängigkeit, die sich aus einer psychischen Störung entwickelt hat, lässt sich am sichersten und effektivsten durch eine Psychotherapie lösen. Dabei werden zugrunde liegende Ursachen behandelt, die die emotionale Abhängigkeit auslösen.

Wie eine Therapie bei emotionaler Abhängigkeit hilft

Eine emotionale Abhängigkeit lässt sich mit einer Psychotherapie lösen. Dabei werden während der Therapie allgemein der Selbstwert und das Selbstbewusstsein der Patient:innen gestärkt. Auch die eigene Unabhängigkeit steht im Vordergrund und wird stark thematisiert. Das Therapieziel soll es sein, die Patientin oder den Patienten gestärkt, selbstbewusst und ohne Selbstzweifel in ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie sollen sich als gleichwertige Person in einer Beziehung sehen und sich wohl in dieser Rolle fühlen.

Welche Therapieform speziell infrage kommt, kann nur ein/e Psychotherapeut:in beantworten. Wenn du dir nicht sicher bist, ob du eine Therapie benötigst, kannst du ein Erstgespräch vereinbaren. Dieses ist kostenlos und kann bei jeder psychologischen Einrichtung vereinbart werden. Frau Dr. med. Roth-Sackenheim fügt hinzu: "Es kommen letztlich alle Therapieformen grundsätzlich in Betracht, also Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie, auch systemische Therapie, die die Krankenkassen bezahlen. Wichtig ist, dass ein eigener geschützter Reflektionsraum da ist, die Betroffenen wieder beginnen Zeit für sich selbst aufzuwenden und ihre Situation zu reflektieren. Es ist zu erwarten, dass die Partner der Betroffenen auch die Therapie schlecht machen oder dagegen agieren."

Nach dem Lösen der emotionalen Abhängigkeit

Du konntest die emotionale Abhängigkeit lösen und bist nun ein ganz anderer Mensch als noch vor einigen Monaten oder Jahren. Jetzt ist es wichtig, deine Autonomie zu bewahren und nicht in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Damit das nicht geschieht, solltest du dein Verhalten in den ersten Jahren, beispielsweise nach dem Therapieende, beobachten. Nur so kannst du mögliche Schwachstellen erkennen und weiter an diesen arbeiten. Es macht dich nicht zu einem schlechten Menschen, ganz im Gegenteil. Du kannst stolz auf das sein, was du bisher erreicht hast. Eine weiterführende Therapie kann dir helfen, Erlerntes zu vertiefen und dein Selbstwert und dein Selbstbewusstsein zu stärken.

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Verwendete Quellen:

Brigitte

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