Erotikseiten: Gefahr für die Partnerschaft?

Er guckt sich abends Sexseiten online an, sie liegt nebenan im Bett. Gefährden Rivalinnen von Erotikseiten aus dem Internet die Partnerschaft?

"Schaust du dir auch manchmal Erotikseiten im Internet an?" Irritierter Blick, ein genuscheltes "Kommtschonmalvor". Und was genau? "Na, so Magazine wie 'Max' und 'Playboy'." Harmloses Zeug, will er damit sagen. Schöne nackte Frauen in lasziven Posen. Dabei ist das digitale Rotlichtmilieu nur ein paar Mausklicks entfernt. Man muss bloß das Wort "hardcore" googeln, und schon lässt sich die ganze Palette der universalen Sexfantasien auf den Bildschirm holen. Zig Millionen Pornowebseiten, ein globales Gerammel, übersichtlich geordnet in einem Alphabet der Spezialwünsche: von Anal- über Teenie- bis Voyeursex, mit "sofortigem Zugriff auf 600 Girls".

Als Anheizer für eine der Bezahlseiten wackelt ein briefmarkengroßer Hintern hoch und runter und gibt den Blick auf den Anus und die rasierte Scham frei. Die meisten Frauen schließen spätestens jetzt das Fenster - und nehmen dasselbe von ihrem Partner an. Vielleicht täuschen sie sich: In den USA geben 60 Prozent der Männer an, Sexseiten im Internet zu besuchen. Ohne näher zu beschreiben, was sie sich anschauen. Verlässliche Zahlen aus Deutschland gibt es bislang nicht.

Aber in der Praxis des Heidelberger Psychologen Ulrich Clement sitzen immer mehr Paare mit diesem Problem: Er guckt Pornos im Internet, sie ist schockiert. "Frauen entdecken plötzlich die speziellen Vorlieben ihrer Partner, die vorher nur im Kopf existierten", hat Clement beobachtet. "Die Frauen sagen: 'Das ist also seine wahre Seite', sie bekommen die Trennung zwischen Realität und Fantasie nicht mehr hin." Und es tröstet sie auch nicht, dass neben dem eigenen Partner jeden Abend zigtausend andere Männer auf den Erotikseiten im Netz unterwegs sind. Ulrich Clement sieht darin nicht nur ein Problem, sondern vor allem eine Chance für die Paare, mit der eigenen Sexualität offener umzugehen. Tatsächlich sieht es aber heute in vielen Partnerschaften so aus: "Ich fühle mich betrogen, wenn er sich nachts Filme anschaut, wo sich Frauen alles Mögliche in alle nur denkbaren Öffnungen schieben, während ich nach einem langen Tag mit Baby und Haushalt todmüde ins Bett falle", schreibt eine junge Frau in einem der vielen Internetforen zu diesem Thema. Gibt es den virtuellen Seitensprung? Und: Ist die Partnerschaft in Gefahr?

"Wenn Frauen entdecken, dass sich ihre Männer Erotikfilme anschauen, fühlen sie sich oft genauso verraten wie bei einer heimlichen Geliebten", sagt die Aachener Sexualwissenschaftlerin Ulrike Brandenburg. "Viele geben sich dafür die Schuld: ihrem Körper, ihrem Alter, ihren sexuellen Praktiken." Sie fragen sich: Warum erregt er sich nicht an mir, warum braucht er plötzlich diese Riesenbrüste? Eine sagt verzweifelt: "Ich kann es mit diesen Bildern nicht aufnehmen." Nun könnte man einwenden: Warum auch? Es bringt sowieso nichts, sich mit den Darstellerinnen im Kopfkino des anderen zu messen. Und schließlich sind es nur Bilder, die die Begierde beflügeln.

Zwar sind viele dieser Bilder geschmacklos und auf eine plumpe Art obszön, doch es bleiben nun mal Inszenierungen. Der Wunsch, sexuelle Fantasien abzubilden, und die Lust, sie anzuschauen, gehören offenbar zum Menschsein dazu. Schon die Höhlenmalerei der Jungsteinzeit präsentierte Frauen mit großen Brüsten, die Griechen bemalten Vasen mit kopulierenden Paaren und riesigen erigierten Penissen, und die Inder waren nicht weniger eindeutig in ihrem berühmten Liebeslehrbuch "Kamasutra".

Kann man seinen Partner in der Fantasie betrügen? Die Frage ist uralt. Dennoch hat sich seit dem Erotik-Boom im Internet einiges grundlegend verändert: Das ganze Spektrum sexueller Fantasien ist plötzlich sichtbar. Und in einem Punkt tatsächlich unschlagbar: Im Netz gibt es keinen Stress, keinen Alltag, keine fest gefügten Rollen - und keinen Grund zum Reden. Das reale Sexleben, das Begehren zwischen den Laken ist einfach viel komplizierter als bezahlte Sexbilder aus dem Internet. Wer Pornos passiv konsumiert, wird erregt, ohne sich regen zu müssen. "Das Schwierige beim Sex ist die Beziehung. Allein vor dem Bildschirm ist es einfach, aber gemeinsam mit der Partnerin und mit allem, was dazugehört, das ist die hohe Kunst", sagt Ulrike Brandenburg.

Irgendwann kann es passieren, dass Männer nur noch durch Pornos erregt werden und die Partnerin dies spürt. Wenn Männer Angst haben, mit ihr darüber zu reden, besteht die Gefahr, dass sie süchtig werden. "Doch wenn er sich zwei- oder dreimal in der Woche Hardcore-Pornos anschaut, kann man noch nicht von einer Krankheit sprechen", sagt die Sexualwissenschaftlerin. In funktionierenden Beziehungen verringert sich der Sex in der Partnerschaft durch die virtuellen Streifzüge auch nicht - aber er verändert sich wahrscheinlich.

Oft wissen Frauen ja gar nicht, wovon ihre Männer träumen. "Die materialisierten Fantasien sind ein Anstoß zum Gespräch, wenngleich ein ungemütlicher." Beispiel: Er sieht sich gern S/M-Szenen an, sie entdeckt das durch Zufall und findet es total eklig. "Wenn sie nur Igitt sagt und ihn dafür verurteilt, kommen die beiden nicht weiter", sagt auch Ulrike Brandenburg. Aber bei einem Paar, das nicht starr sei, setze das vielleicht eine Weiterentwicklung von Intimität in Gang. Sie können sich gegenseitig zugestehen: Du bist anders. "Sexualität beruht nicht nur auf Sicherheit, sondern auch auf dem Anderssein, dem Fremdsein des Partners."

Das heißt nicht, dass Pornogucken inzwischen selbstverständlich wäre. Pornografie hat immer noch einen schlechten Ruf- auch ein Ergebnis jahrzehntelanger feministischer Kritik. Die Antiporno-Kampagnen der 70er und 80er Jahre haben zwar längst nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatten. Doch nach einer Untersuchung der Universität Freiburg von 2004 beurteilen Männer und Frauen aller Altersgruppen auch heute die Hardcore-Streifen als "grottenschlecht" und "frauenfeindlich". Der durchschnittliche Pornokonsument hat außerdem immer noch das Image eines masturbierenden Autisten: offenbar rettungslos einsam und chancenlos auf dem Beziehungsmarkt. Die Konsequenz: Man guckt halt lieber heimlich.

Brigitte M. kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Die 39-jährige Betriebswirtin hat kein Problem damit, wenn ihr Mann sich abends Pornos im Internet ansieht. Sie selbst macht das auch hin und wieder, allerdings gucken sie nie zusammen. "Das ist Privatsache. Ich lese ja auch nicht seine Post." Außerdem gefallen ihr ganz andere Bilder. Allerdings sind die schwer zu finden, da es nur wenige gute Erotikseiten für Frauen gibt. "Natürlich ist der Sex zwischen uns weniger geworden", sagt sie, aber das wäre er nach zehn Jahren Beziehung sowieso. "Im Notfall schiebe ich mich einfach zwischen ihn und den Bildschirm." Viel schlimmer fände sie es, wenn ihr Mann tatsächlich zu einer Prostituierten ginge. "Wenn er vor dem Computer sitzt, ist er ja körperlich anwesend, nur nebenan in einem anderen Raum, in den ich einfach reinplatzen kann."

Wer virtuell fremdgeht, bleibt zwar zu Hause - aber bleibt er auch seiner alten Liebe treu? Seiner Partnerin? "Bei einem wirklichen Seitensprung ist das Risiko, sich zu verlieben, viel höher als beim Internetsex. Doch die Gefahr, einander richtig fremd zu werden, ist trotzdem nicht zuunterschätzen", sagt Ulrike Brandenburg. Das Thema also ruhig mal ansprechen: "Sag mal, was guckst du so abends im Netz ... ?"

Text: Ariane Heimbach BRIGITTE Heft 17/2006
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