Frauenversteher: Frauen und Fußball

Warum Frauen den Männern den Fußball wegnehmen. BRIGITTE.de-Autor und Frauenversteher Dirk Brichzi beklagt sich.

Dirk Brichzi versucht, Frauen zu verstehen

Verzeihung, aber ich muss diesen Text mit dem Wort "früher" beginnen. Also, früher, da war die Welt für uns Kerle alle zwei Jahre für ein paar Wochen im Sommer noch in Ordnung. Dann lief die WM oder EM, wir suhlten uns in unserem Expertentum, schauten alle Spiele, bis der Arzt kam und kannten auch noch die Nummer 23 des bulgarischen Kaders mit Vor- und Zunamen sowie Geburtsdatum.

Frauen waren geduldet, nicht erwünscht, sie durften höchstens über den hübschesten Spieler und dessen Frisur diskutieren. Wir Kerle dagegen wussten, was Abseits ist, allein das machte den kleinen Unterschied aus, den Alice Schwarzer damals beschrieben hatte.

Vorbei, alles vorbei. Und Schuld ist Jürgen Klinsmann. Der trat 2004 als neuer Bundestrainer an und verfügte auf ewig folgende Sachen: 1. Die deutsche Nationalelf soll nicht nur erfolgreich, sondern auch schön spielen; 2. Alle Bundestrainer tragen ab sofort körpernah geschnittene Designerhemden; 3. Der DFB-Teamchef muss nicht mehr aussehen wie Berti Vogts oder Jupp Derwall, er darf deshalb auch mit Attributen wie "smart", "elegant" oder "weltmännisch" versehen werden.

So begann die friedliche Revolution, die in der WM 2006 ihren Höhepunkt fand, als Männer und Frauen vier Wochen lang gemeinsam schunkelten. Seitdem gibt es im Prinzip keine Frau mehr, die sich nicht zumindest rudimentär für Fußball interessiert.

Das lässt sich mit folgenden Punkten belegen:

  • Lieblingsvereine: Frauen ohne Handtasche sind mittlerweile zahlreicher als welche ohne Lieblingsverein. Und gibt es Frauen ohne Handtasche? Eben. Weibliche Wesen aus der Gutmenschen-Schublade wählen gerne solch alternativ angehauchte Clubs wie den SC Freiburg (Solardach auf dem Stadion), FSV Mainz (Jürgen Klopp, jedenfalls bis vor kurzem) oder den FC St. Pauli (Astra-Bier). Wer tatsächlich auch gerne ins Stadion geht, sucht sich das lokale Team aus und muss dann unter Umständen dem VfL Bochum oder Eintracht Frankfurt die Daumen Drücken. Der letzte Schrei unter den Fan-Frauen: Lieblingsvereine im Ausland, aber nicht Real Madrid oder Manchester United. Stattdessen AC Florenz, "wegen diesem tollen rumänischen Torjäger Adrian Mutu". Oder Helsingborg IF, "weil Henrik Larsson immer noch der Größte ist" Aber Vorsicht: Solche Bekenntnisse in der Öffentlichkeit führen oft zu spontanen Heiratsanträgen der männlichen Zuhörer.
  • Taktikwissen: Die neue Generation der Frauen ist mit Viererkette, Raumdeckung und der Doppelsechs vor der Abwehr groß geworden. Eine Diskussion über Vor- und Nachteile des 4-3-2-1 gegenüber dem 4-3-1-2 treibt die weibliche Anhängerschaft nicht mehr fluchtartig aus dem Wohnzimmer, sondern kann böse ins Auge gehen. Vor allem, wenn hinterher die Sprache aus den "besten Keilstürmer" der spanischen Liga kommt und wir immer nur die italienische geschaut haben.
  • Gleichgültigkeit: Was veranstalten wir Kerle nicht immer ein Ballihoo um unser vermeintlich exklusives Wissen. Diese evolutionär bedingte Prahlerei ist den Frauen fremd. Sie müssen der Welt nicht mitteilen, dass sie das EM-Sonderheft des "kicker" neben der "BRIGITTE" liegen haben. Laut werden sie nur, wenn pikierte Kerle im Zuge der Revierverteidigung das Gespräch auf die Frisur von David Beckham lenken wollen. "England ist doch gar nicht qualifiziert", fauchen sie dann. Außerdem sei Cristiano Ronaldo jünger und schnuckeliger.

Was bleibt uns Kerlen, nachdem auch diese Bastion gefallen ist? Aus Protest "Feuchtgebiete" lesen oder gar Alice Schwarzer toll finden? Das entlockt der neuen Konkurrenz nur ein müdes Gähnen. Bleibt die altbewährte Flucht ins Außenseitertum. Wie wäre es mit Russland als EM-Tipp? Wird völlig unterschätzt und trumpft seit jeher mit latent unaussprechlichen Spielernamen auf.

Doch der vermeintliche Ausweg entpuppt sich als Sackgasse. "Na, ohne den tollen Stürmer Pogrebnyak wird das wohl nix mit deinen Russen", piesackte mich eine Kollegin gestern. So ganz nebenbei führt sie auch noch im Tippspiel.

Will denn keine Frau mehr wissen, was Abseits ist?

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat Dirk Brichzi "Frauenversteher" noch als Schimpfwort benutzt. Mit dem Alter kam die Einsicht, dass es doch manchmal ganz nützlich ist, die Eigenarten des weiblichen Wesens zu entschlüsseln. Das gelingt ihm nicht immer - aber er strengt sich jedes Mal an.

Text: Dirk Brichzi Foto: Modrow/laif
Themen in diesem Artikel