Frauenversteher: Guter Frauengeschmack?

Intelligenz, Humor, Aussehen, Ausstrahlung? Ach was. BRIGITTE.de-Autor Dirk Brichzi ertappt sich in letzter Zeit immer öfter dabei: Seine Sympathie für eine Frau hängt von deren Essensvorlieben ab!

Dirk Brichzi versucht, Frauen zu verstehen

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat unser neuer Kolumnist Dirk Brichzi "Frauenversteher" noch als Schimpfwort benutzt. Mit dem Alter kam die Einsicht, dass es doch manchmal ganz nützlich ist, die Eigenarten des weiblichen Wesens zu entschlüsseln. Das gelingt ihm nicht immer - aber er strengt sich jedes Mal an.

Nach der letzten Kolumne schrieb eine Leserin, es sei Frauen egal, welche Filme ein Typ im Schrank stehen hat, viel wichtiger seien doch andere Sachen. Keine Panik: Ich halte Frauen ja nicht gleich einen Stapel DVDs vor die Nase, um Sympathien zu sammeln, und umgekehrt fälle ich Urteile über Frauen nicht danach, ob sie Auto fährt wie Diane Keaton oder Filme von Wong Kar-Wai im Original mitsprechen kann.

Ich fürchte allerdings, nur auf Intelligenz, Humor, Ausstrahlung und ein paar optische Gesichtspunkte werde ich mich bei meiner Sympathievergabe nicht mehr verlassen. Neuerdings ist eine Kategorie dazugekommen: Essensvorlieben. Ich führe das ganz klassisch auf mein Alter zurück. Ich meine, ich mag ja plötzlich auch Schafskäse und halte Balsamico nicht mehr für ein Pflegemittel für rissige Pferdehufe oder Jamie Oliver für den Mittelstürmer der Tottenham Hotspurs. Aber nun dies: Sitze ich einer Frau beim Essen gegenüber, schaue ich ihr nicht in die Augen oder sonst wo hin, sondern auf ihren Teller. Es ist schon fast zwanghaft.

Zeig mir, was du isst, und dann fälle ich ein Urteil über dich. Schnell, subjektiv, kein Einspruch, keine Berufung.

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Ich will den Frauen ja jetzt nicht die Schuld dafür in die Schuhe oder auf den Teller schieben, aber wenn ich mir die von mir betitelten "Rucola-Rhabarber-Genossinnen" anschaue, dann sage ich mir: Ihr wolltet es nicht anders! Das sind meistens Gutmenschen, die überall ein wenig die Welt verbessern wollen und dabei mit ihrem eigenen Ernährungsplan anfangen. Dagegen ist nichts einzuwenden, ein Schuss Naivität und ein paar Träumereien haben noch keiner Frau geschadet.

Aber dieses ernährungstechnische Gutfrauentum hat sich mittlerweile auf fast alle Speisekarten eingeschlichen. Rucola ist die Quittung für die Angewohnheit, alles auf den Teller zu legen, was grün ist und nicht mit dicken Dornen besetzt. Dabei kriegen selbst Hasen dieses Zeug nur runter, wenn sie hinterher zwei Liter Wasser nachspülen. Viele Gutfrauen kauen dieses Zeug im trockenen Zustand, höchstens benetzt mit ein paar Tropfen Olivenöl aus dem Sprühflakon.

Das Hinterhältige an Rucola: Mittlerweile gibt es kaum noch ein Gericht ohne, sodass es meistens gar nicht mehr auf der Karte erwähnt wird und der arglose Esser (ich) oft plötzlich einen ganzen Haufen dieses Hasenfutters vorgesetzt bekommt. Ich warte noch auf den ersten Vanillepudding, aus dem ich erst ein paar Zweige Rucola herausfischen muss. Manchmal wird auch der Tarnname "Rauke" verwendet, da schrillen beim Lesen des Menüs nicht gleich alle Alarmglocken.

Während ich der Gutfrau nach dem Rucola-Desaster noch eine Chance geben will, bestellt sie eine Rhabarbersaftschorle. Klar, Cola macht dick, Cola light ist out, Bier passt nicht, Wasser ist zu langweilig und wer wirklich hip sein will, bestellt halt Rhabarbersaftschorle. Auch wenn bis vor ein paar Jahren nicht bekannt war, dass man so was trinken kann. Aber das war ja bei der Bionade genauso. Ich warte noch auf die Geschmacksrichtung Rucola-Rhabarber. Solche Frauen können den freien Fall auf meiner Sympathieskala nur noch abbremsen, wenn sie genauso tolles Englisch sprechen wie Emma Thompson in "Was vom Tage übrig blieb".

Auf der nächsten Seite: "Preiselbeer-Gurken-Frauen"

Womit ich gleich beim nächsten Frauen-Essens-Typ bin, der "Preiselbeer-Gurken-Frau". Als solche hat sich letztens eine gute Bekannte geoutet, die ich immer nur Harriott nenne, weil sie so tolle Jacken im englischen Landhausstil trägt, mit denen sie in jedem Merchant-Ivory-Film eine gute Figur machen würde. Dieser Typ Frau will beim Essen nicht gleich die Welt verbessern, aber doch schon aus der Masse herausstechen, wenn auch nur unbewusst. Die Masse bestellt halt zum Beispiel beim Frühstück fast immer das größte, weil Frau sich eben erst ganz kurzfristig entscheidet, ob sie jetzt lieber ein Croissant mit Marmelade oder ein Körnerbrötchen mit Frischkäse isst. Die Entscheidungsfindung kommt da meistens nach der Bestellung.

Die Preiselbeer-Gurken-Frau bestellt dann der Unabhängigkeit wegen ein Preiselbeer-Gurken-Sandwich. Macht ja sonst keiner. Zum Glück, möchte ich sagen. Steht auf der Speisekarte wahrscheinlich gleich unter der Rucola-Rhabarber-Torte. Nun, als sie die ersten Bissen ihres außergewöhnlichen Sandwiches hinunterschluckte, war ihr anzusehen, dass sie vielleicht auch nicht mehr hundertprozentig von ihrer Wahl überzeugt war. Zwei Tage später schickte sie eine SMS, sie hätte danach schwere Magenverstimmung gehabt und komplett flachgelegen. Und was macht sie beim nächsten Besuch dieses Lokals? Bestellt einen exotisch klingenden "Toastini". Wer könnte eine solche Frau schon aufgrund ihrer Sturheit nicht sympathisch finden?

Aber die volle Punktzahl verteile ich nur an andere Frauen. Die "Ja, gerne, wann?“ sagen, wenn man fragt, ob sie mit zum Burger-und-Pommes-Essen kommen wollen. Die beim Inder Chicken Curry bestellen. Beim Italiener Pizza Salami. Oder beim Dönermann Döner. Die pikiert das Gesicht verziehen, wenn sie einen Zweig Rucola aufgabeln. Und hinterher alles mit Cola herunterspülen.

Text: Dirk Brichzi Foto: Theresa Rundel
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