Fremdgehen: Braucht jede lange Beziehung mal einen Seitensprung?

Kommt eine lange Beziehung wirklich nicht ohne Seitensprung aus? Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet diese Frage.

Kurz gesagt: Niemand braucht einen Seitensprung, so wie niemand eine Blinddarmentzündung oder einen SUV braucht. Aber: Viele Paare schaffen es nicht ohne.

Fremdgehen: Geht es in einer langen Beziehung nicht ohne?

Ich lebe in einer langjährigen Beziehung. Hatte ich einen Seitensprung? Ja. Hatte meine Frau einen Seitensprung? Ja. Hatten sie etwas mit der Länge unserer Beziehung zu tun? Nein. Waren sie damals nötig? Leider ja. Und musste ich das jetzt so persönlich schreiben? Ja. Denn ich möchte damit sagen, dass Seitensprünge zu unserem Leben gehören. Und jedem passieren können, auch sogenannten Beziehungsexperten. Seitensprünge sind etwas ungemein Banales. Nicht in ihrer schmerzhaften und Vertrauen zerstörenden Wirkung, die sie auf den Betrogenen und das Paar haben. Sondern, weil es Unsinn ist anzunehmen, dass wir in einer guten Beziehung niemals sexuelle Wünsche hätten, die nicht auch auf mögliche andere Sexualpartner gerichtet sind. Daher ist auch nicht jeder Seitensprung Ausdruck einer tiefen Krise. 

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Zu viel Promille, eine aufregende Gelegenheitsbekanntschaft auf einer öden Geschäftsreise, zu viel Pornokonsum, die kindliche Lust, Verbotenes zu tun, oder die Vorstellung, sich aus einem partnerschaftlichen Sexualstau befreien zu müssen – all das kann zum Seitensprung verführen. Aber wir steuern unsere Entscheidungen und sind nicht die Opfer unserer Bedürfnisse, die uns zwingen, fremdzugehen. Wenn wir es doch tun, dann machen wir es entweder, weil wir uns kurzfristig starken Affekten hingeben. Oder aber, weil wir uns tatsächlich jemand anderem emotional zugewandt haben. Häufig gleichen wir durch einen Seitensprung oder eine Affäre auch einen Mangel aus, den wir in unserer Beziehung erleben. Ein Seitensprung verrät dann eher etwas über eine gerade schwierige oder unbefriedigende Beziehung anstatt über die Länge gemeinsamen Zusammenlebens. Wenn wir dennoch vor allem langjährige Beziehungen mit unvermeidbaren Seitensprüngen verbinden, dann sitzen wir zwei Irrtümern auf: Dass Sex mit demselben Partner notwendigerweise öde wird und irgendwann nicht mehr stattfindet. Und dass es beim Seitensprung in erster Linie um Sex geht.

Natürlich, es geht auch um Sex.

Aber tatsächlich suchen wir im Seitensprung oft eher die Nähe zu jemand anderem. Oder aber die zu uns selbst: Unbewusst gehen wir fremd, um Anteile unseres Ichs wieder zu beleben. Wie Ödön von Horváth schrieb: "Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu." Aber auch das hat letztlich weniger mit den Jahren zu tun, die unsere Beziehung auf dem Buckel hat, als damit, wie wir unser Leben gestalten.

Braucht also jede lange Beziehung einen Seitensprung? Ist er unvermeidbar? Das sicher nicht. Aber häufig ist es der schmerzhafte Weg, der in einer (langen) Beziehung gegangen wird, um wieder zu der verloren gegangenen oder überhaupt zu einer befriedigenden emotionalen Intimität miteinander zu gelangen. Denn um einen Seitensprung zu verarbeiten, müssen wir uns wieder einander zuwenden und uns öffnen. Wir müssen – und das ist unsere Chance – eine neue Beziehung miteinander eingehen.

Brigitte 17/2018

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