Können Männer und Frauen Freunde sein?

Nun ist es also wissenschaftlich bewiesen: Freundschaften zwischen Männern und Frauen funktionieren nicht. Und das liegt an den Männern. BRIGITTE-Autor Till Raether findet diese Studienergebnisse schwachsinnig.

Vor 25 Jahren sah ich den Film "Harry und Sally" im Kino, ich weiß es noch genau. Mit meiner damaligen Liebsten, die vorher meine beste Freundin war. Jetzt saßen wir da vor der Leinwand, sonnten uns im romantischen Weltbild dieses Filmes, dessen zentrale These so rührend unsere Liebe widerspiegelte: Männer und Frauen können keine Freunde sein. Denn wenn sie sich gut verstehen, heißt das, dass sie offenbar füreinander bestimmt sind. Und dann landen sie im Bett und in der großen Liebe. Vor allem, wenn sie so sympathisch humorvolle Wuschelköpfchen sind wie damals Meg Ryan und Billy Crystal beziehungsweise ich und meine Mitschülerin Yvonne.

Die Zweifel sind seit "Harry und Sally" größer geworden

Zum 25. Jubiläum von "Harry und Sally" muss man feststellen: Die Zweifel daran, ob Männer und Frauen Freunde sein können, sind eher noch größer geworden - und das zentrale Thema mittlerweile Studienobjekt. Die Psychologie-Professorin April Bleske-Rechek von der University of Wisconsin-Eau Claire und ihr Team befragten Frauen und Männer, die einfach nur gute Freunde sind. Getrennt voneinander, vertraulich und anonym. Dabei kam raus, dass die große Mehrheit der Männer sich deutlich hingezogener zu ihrer Einfach-nur-Freundin fühlten als umgekehrt und dass die meisten Männer glaubten, eines Tages könnte mehr aus der Einfach-nur-Freundschaft werden. Die Frauen dagegen: gar nicht. Außerdem neigten die Männer dazu, ihre eigene Anziehungskraft komplett falsch einzuschätzen: Die meisten glaubten, es gebe eine gegenseitige Anziehung, und die Freundschaft könne irgendwann in Sex oder Liebe kippen. Die Frauen sahen das völlig anders. Fazit also: Männer geil, Frauen naiv, Freundschaft over? Oder waren die Studienergebnisse verzerrt, weil die Teilnehmer um die 20 und im Hormonrausch waren?

Um das auszuschließen, befragten die Wissenschaftler noch einmal Erwachsene zwischen 27 und 53, die meisten verheiratet oder in festen Beziehungen, aber eben auch gut befreundet mit Angehörigen des anderen Geschlechts. Diesmal sollten die Befragten spontan aufschreiben, was sie an ihrer gegengeschlechtlichen Freundschaft gut und was nicht so gut fanden. Vereinfacht gesagt: Frauen nannten den Punkt "Unsere Freundschaft könnte zu romantischen Gefühlen führen" überwiegend als schlecht, Männer hingegen fanden genau dieses Risiko spannend, also positiv. Mit anderen Worten: Männer und Frauen könnten Freunde sein, wenn nur die Männer nicht wären.

Viele meiner Freunde sind Frauen

Können Männer und Frauen nun Freunde sein?

Natürlich frage ich mich, wie ich als Teilnehmer dieser Studien geantwortet hätte. Ziemlich viele meiner Freunde sind Frauen, um das mal so zu formulieren, und wenn ich glauben würde, dass zwischen mir und vier, fünf Frauen eine geheime sexuelle Anziehung bestünde und wir möglicherweise zusammenkommen könnten, dann könnte ich mich, glaube ich, auf nichts anderes konzentrieren und würde verrückt werden. Also: nein. Denn: Muss alles zwischen Frauen und Männern auf Sex rauslaufen?

Klar, es gibt gegengeschlechtliche Sandkastenfreundschaften, die ein Leben lang halten. Da sagen Forscher: Die Flamme ist erloschen oder es gab sie nie, da spielen Erotik und Romantik keine Rolle, das geht also. Und es gibt Frauen und Männer, die Freunde bleiben, nachdem sie sich getrennt und neue Partner gefunden haben, aber auch da ist das Thema Erotik dann ja meist erledigt. Fazit: Es geht beim Nachdenken über Frauen-Männer-Freundschaften stets um Sex.

Evolutionspsychologen bestätigen einem das natürlich gern: Aus ihrer Sicht können Männer gar nicht anders, als überall ihren Samen verteilen zu wollen, weil das Verbreiten der eigenen Gene ein Erfolg im Sinne der biologischen Bestimmung des Mannes sei. Möglichst viele Kinder zeugen, um seine Gene zu verbreiten: yippie, Evolution gewonnen, Level geschafft! Man findet sogar Evolutionsbiologen, die erklären, dass es gut für die Samenqualität von Männern in festen Beziehungen ist, wenn ihre Partnerin einen guten Freund hat, weil die Samen sich offenbar denken: Verdammt, wer weiß, ob dieser Freund (an dieser Stelle bitte Samen visualisieren, die in der Luft um dieses Wort Anführungszeichen machen und sarkastisch mit den Augen rollen) nicht doch nur sein Sperma verteilen will, rüsten wir also lieber mal auf, um nicht plötzlich vom scheinbar so platonischen Fremdsperma niedergewalzt beziehungsweise weggeschwemmt zu werden.

Man tut so, als würden wir noch in Höhlen leben

Allerdings werde ich immer misstrauisch, wenn es a) beim Analysieren emotionaler Zustände in jedem Satz um Sperma geht, und wenn mir b) die Welt und mein Verhalten so erklärt werden, als würden wir alle noch in Höhlen wohnen und mit benachbarten Horden um Mammutfleisch und die Verbreitung unserer Gene konkurrieren. Der Blick durch diese Brille schließt jeden Fortschritt von vornherein aus. Und ich empfinde es absolut als Fortschritt, mit Frauen fast genauso zwanglos befreundet sein zu können wie mit Männern.

Ähnlich sieht das der Autor Martin Hecht, der ein differenziertes Buch über Freundschaft geschrieben hat ("Wahre Freunde", Goldmann): "Natürlich gibt es Freundschaften zwischen Frauen und Männern, die gelingen und die schön sind. Wenn es um Freundschaften geht, gibt es erst mal nichts, was es nicht gibt. Und wenn solche Freundschaften problematisch sind, dann am ehesten durch Druck von außen, durch Eifersucht oder falsche Vorstellungen." Hecht ist der Meinung, dass eine Frauen-Männer-Freundschaft so viel grundsätzliche Ähnlichkeit mit einer Freundschaft zwischen zwei Frauen oder zwei Männern hat, dass die scheinbaren Risiken am Ende zweitrangig sind: "Jede Freundschaft ist in gewisser Weise eine Liebesbeziehung, und für das Gelingen einer jeden Freundschaft braucht man Beziehungsmündigkeit."

Und ob Frauen einen Orgasmus vortäuschen können!

Das heißt: Man muss in der Lage sein zu kommunizieren, was einen an der Freundschaft interessiert. Und kommunizieren, würde ich hinzufügen, heißt ja nicht, dass man sich hinsetzt und ausdiskutiert, was die Grundregeln der Freundschaft sind. Wir kommunizieren auch durch das, was wir tun und nicht tun. Man kann als Erwachsener also davon ausgehen, dass alle gegengeschlechtlichen Freunde, die bisher keine Anstalten gemacht haben, Sex mit einem zu haben, auch keinen wollen. Wo ist das Problem? Freundschaften haben alle möglichen Komponenten, Neid, Verklärung, Eifersucht, Unter- oder Überlegenheitsgefühle, lauter potenzielle Risiken, die man ständig umschiffen oder entschärfen muss. Oder mit denen man zu leben lernt, wenn einem die Freundschaft trotzdem wichtig ist. Warum sollte eine Freundschaft zwischen verantwortungsbewussten Erwachsenen also nicht auch eine gewisse sexuelle Spannung aushalten?

Eher glaube ich, es ist ein Mangel an Fantasie, der Menschen daran hindert, sich vorzustellen, dass es emotionale und soziale Nähe zwischen Frauen und Männern gibt, in der Sex keine Rolle spielt. Obwohl die Teilnehmer von außen so aussehen, als könnten sie genauso gut was mit ihren Geschlechtsteilen machen, statt Kaffee zu trinken und über Filme und Erziehung zu diskutieren! Aber, ganz ehrlich: Wen interessiert das fleischfarbene Weltbild von Fantasielosen?

Womit am Ende nur noch das "Harry und Sally"-Syndrom als Feind der guten Freundschaft zwischen Frau und Mann bliebe, nämlich der Wahn, hinter jeder tiefen Freundschaft die große Liebe zwischen Seelenverwandten zu vermuten. Dazu ist nur zu sagen: Sie sind herzlich dazu eingeladen, ja aufgefordert, dies bis in alle Ewigkeit zu glauben. Unter einer Voraussetzung: Sie sind noch Teenager.

Text: Till Raether BRIGITTE 07/2014
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