Gehen oder bleiben? Wann es sich lohnt, für die Beziehung zu kämpfen

Jede Beziehung hat ihre Phasen, in denen es nicht rundläuft. Doch in Zeiten von Tinder & Co. erscheint es so einfach wie nie, die angerostete gegen eine glänzende, neue Liebe einzutauschen. Warum es sich trotzdem lohnt, zum Poliertuch zu greifen ...

Ein paar Monate nach meiner Hochzeit saß ich heulend im Wohnzimmer. Erster Ehekrach, ich wollte nur noch weg. Mein Blick fiel auf die Couch und den Fernseher, unsere neuen gemeinsamen Anschaffungen. Das Sofa bestand aus sechs Modulen, da war die Aufteilung klar. Aber wie zum Teufel, überlegte ich schniefend, trennt man einen Fernseher? Und wo genau sollten das halbe Sofa und ich hin? Ich schaute auf meinen Ehering und erkannte: Abhauen, das geht jetzt nicht mehr so einfach. Das war 1999.

Wer weiß, wären wir technisch schon 20 Jahre weiter gewesen, hätte ich mein Smartphone in die Hand genommen und mein Leben mit ein paar Klicks neu sortiert - in der gleichen Zeit, die Boris Becker damals brauchte, um ins Internet zu kommen ("äh, bin ich schon drin?"). Aber ich besaß ja nur ein stinknormales Telefon, also rief ich meinen Mann an: "Du, wir müssen reden ..." Jedes Paar kennt Durststrecken, in denen es nicht gut läuft. In denen man den Menschen, der da in Jogginghose durch die Küche schlurft, betrachtet wie ein Insektenforscher einen Käfer und sich fragt: Will ich mit dem wirklich den Rest meines Lebens verbringen? Unsere Mütter aus der Generation "Muss ja" wischten solche Gedanken beiseite und machten weiter im Takt. Sich trennen? Kam nicht infrage - was würden die Nachbarn denken?

Stillstand irritiert, obwohl wir von Ruhe träumen

Aber uns stehen heute ganz andere Möglichkeiten offen. Wir verdienen unser eigenes Geld und brauchen keinen Mann, der die Miete und den Mallorca-Urlaub bezahlt. Seit "alleinerziehend" kein Stigma mehr ist, muss auch niemand mehr wegen der Kinder zusammenbleiben. Und der Traummann? Im Netz kann man sich doch alle elf Minuten neu verlieben, worauf also noch warten?

Veränderung wird heute automatisch mit Verbesserung gleichgesetzt. Oder warum sonst sind wir ständig damit beschäftigt, Dinge zu ändern - von der Badezimmer-Wandfarbe über die Frisur bis hin zum Urlaubsziel? Obwohl wir von Ruhe träumen, von einem Glas Wein auf der Terrasse, Beine hoch und Telefon aus, irritiert uns Stillstand. Heute muss man aktiv sein, etwas tun, für jedes Problem gibt es das passende Tool oder Youtube-Tutorial. Kein Wunder, dass es uns so schwerfällt, eine Beziehungskrise auszuhalten.

Sind unsere Ansprüche einfach zu hoch?

Dazu kommt noch ein anderer Aspekt. "Unsere heutige Gesellschaft funktioniert nach Regeln, die Flexibilität erfordern. Im Gegenzug erscheinen Festlegungen als Blockaden", erklärt der Philosoph Ralf Konersmann in seinem Buch "Die Unruhe der Welt" (Fischer Wissenschaft). "Wer flexibel sein will, muss bei der Wahl seines Arbeitsplatzes, seines Wohnortes und seines Lebenspartners beweglich und jederzeit bereit sein, die einmal getroffene Entscheidung zu überdenken."

Nichts ist für immer? Traurige Vorstellung. "Die Unruhe ist nun einmal da. Wir können nicht mehr zurück", sagt Konersmann, "Aber wir können uns fragen: Was hatten wir mal? Was haben wir jetzt? Und haben wir das wirklich so gewollt?" Tatsächlich träumen 74 Prozent aller Deutschen von der einen großen Liebe, die ewig hält. Auf der anderen Seite geht fast jede dritte Ehe in die Brüche. Was genau ist das Problem? Sind unsere Ansprüche zu hoch? Früher konnten wir unseren Nachbarn nur bis vor die Haustür gucken und gingen davon aus, dass die sich mit dem gleichen Quatsch herumschlagen wie wir auch. Heute klicken wir im Netz durch deren hübsch kuratierte Postkartenwelt und kommen ins Grübeln: Besteht das Leben aller anderen Paare nur aus Best-of-Momenten?

Alltag zerstört das unbeschwerte Glück einer Beziehung

Sobald der Rausch und die erste wilde Verliebtheit keine Rolle mehr spielen, verschiebt sich etwas, so der Psychologe Norman Späth: "Was die Beziehung dann trägt, ist die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit, Nähe und Vertrautheit." Paare, die diesen Übergang nicht schaffen, trennen sich in der Regel nach einem halben Jahr. Aber selbst wer diese Hürde überwindet, begibt sich direkt in den nächsten Kampf – gegen den Alltag, diesen miesen Spielverderber.

Egal, wie schön sich ein junges Paar die Zukunft ausmalt – das Baby, den Golden Retriever, das Häuschen am Stadtrand –, der Alltag lässt mehr Träume zerplatzen als Dieter Bohlen in einer Staffel "DSDS". Stress, Schlafmangel oder Geldsorgen stellen die Beziehung auf die Probe, ständig muss man sich arrangieren. Anstrengend. Natürlich ist es da verlockend, sich abends, wenn der Partner mal wieder vor der Glotze eingeschlafen ist, bei Facebook einzuloggen. Um zu gucken, was der Ex-Freund wohl heute treibt. Und zu überlegen: "Was wäre, wenn ..."

Die Option, dass sich vielleicht doch noch etwas Besseres findet, ist plötzlich real geworden

Dabei sind die sozialen Medien nur bedingt schuld an unserer Unzufriedenheit. "Diese Sehnsucht nach der perfekten Romanze gab es schon immer", erklärt Norman Späth. "Was heute Instagram ist, war früher Hollywood und davor vielleicht der Bastei-Lübbe-Roman: eine Möglichkeit, aus dem Alltag zu fliehen." Ein anderer Aspekt sei jedoch viel relevanter, so der Psychologe: "Die Option, dass sich vielleicht doch noch etwas Besseres findet, ist plötzlich real geworden. Einen George Clooney darf ich nur auf der Leinwand anhimmeln. Aber den Typen auf Tinder kann ich direkt kontaktieren." Bedeutet: Wer sich in seiner Beziehung nicht mehr wohlfühlt, findet schneller einen Weg nach draußen - und wenn es nur für einen Seitensprung ist.

Wer schnell aufgibt, wird auch schnell unglücklich

Was aber passiert, wenn man selbst betrogen wird? "Verlass den Blödmann", raten die anderen. Wer sich dennoch entscheidet, beim Partner zu bleiben, wird von seiner Umwelt völlig entgeistert angeschaut: "Ernsthaft? Das musst du nicht, das ist sooo letztes Jahrhundert!" Dabei ist eine Krise keineswegs ein Zeichen, dass der Mensch an unserer Seite nicht der richtige ist. Es liegt in der natürlichen Dynamik einer Partnerschaft, dass sich Interessen verschieben und sich zwischen die zerwühlten Laken Netflix und dicke Socken schleichen.

Der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton plädiert für einen romantischen Pessimismus. "Die Neurose unseres Zeitalters ist doch das Streben nach Perfektion. Es macht uns intolerant und wütend, wenn Menschen nicht so sind, wie wir sie haben möchten", schreibt er in einem Essay für die "New York Times". "Je eher wir begreifen, dass wir alle unperfekt sind, desto glücklicher werden wir." Was bleibt auch anderes übrig? Wer zu schnell aufgibt, läuft Gefahr, zwei Jahre später mit dem nächsten Partner in der gleichen Situation zu landen.

Die "Austauschtheorie" ist ein Begriff aus der Psychologie. Ihr zufolge prüfen Partner laufend die Kosten-Nutzen-Bilanz ihrer aktuellen Beziehung und gleichen sie mit den möglichen Alternativen ab. Könnte man im Zweifel also nicht einfach eine Liste mit Pros ("Er kümmert sich um die Steuer") und Contras ("Er bringt keine Blumen mit") erstellen? "So eine Rechnung setzt ja voraus, dass sich Menschen rational verhalten", sagt der Psychologe Norman Späth. "Aber das tun sie nicht."

Die entscheidende Frage

Im Job oder bei Freundschaften funktioniere dieses Modell vielleicht, so Späth, doch die Liebe lasse sich nicht aufrechnen. "Am Ende ist es eine hochemotionale Entscheidung, die nur jeder für sich treffen kann." Manchmal braucht es Zeit, bis die Erkenntnis kommt, manchmal muss man an einen anderen Ort fahren, um die Perspektive zu wechseln und ganz tief in sich hineinzuhören: Vertraue ich darauf, dass ich wieder glücklich werde? Ist da noch Liebe? "Es muss nicht alles toll sein, aber es muss Hoffnung geben: dass es sich lohnt, in die Beziehung zu investieren", erklärt Norman Späth. Wer sich jedoch sicher ist, dass der andere sich sowieso nicht ändern wird und man mit dessen Art nun mal nicht klarkommt, habe die Entscheidung wohl schon getroffen.

Darauf kommt es an

Vor einiger Zeit saß ich in der Straßenbahn, mir gegenüber ein älteres, gut gekleidetes Pärchen auf dem Weg ins Theater. Sie waren spät dran und gaben sich gegenseitig die Schuld. Während sie sich anzickten, griff die Frau in ihre Tasche, holte eine Handcreme heraus, drehte den Verschluss ab und reichte sie an ihren Mann weiter, der sich die Hände eincremte und sie zurückgab. So, wie sie es wahrscheinlich schon hundertmal gemacht hatten. Das ist, was eine gute Beziehung ausmacht, dachte ich: Auch in Momenten, in denen man den anderen an die Wand klatschen möchte, bleibt man doch ein Team.

Wahre #couplegoals

Hätte mir damals vor 20 Jahren jemand erzählt, was noch alles auf mich zukommt, hätte ich vielleicht doch die Koffer gepackt. Eine lange Beziehung zu führen bedeutet Arbeit. Immer wieder das Gespräch suchen, obwohl schon alles zigmal durchgekaut wurde. Wenn nichts mehr geht, eine Paartherapie machen und eine Doppelstunde lang darüber diskutieren, warum er nie die Wäsche aufhängt. Lernen, richtig zu streiten. (Unsere Paartherapeutin riet: Verallgemeinerungen und Du-Botschaften vermeiden. Ich brülle leider immer noch: "Nie hängst du die Wäsche auf!") Vor allem: Phasen aushalten, in denen die Beziehung, die mal wie ein Jetski gestartet ist, vor sich hin dümpelt wie ein schlappes Gummiboot. Ist jetzt eben so! Aber wird auch wieder besser.

Auf Instagram finden sich unter #couplegoals über zwölf Millionen Beiträge. Glaubt man diesen Bildern, sieht das oberste Pärchen-Ziel so aus: Knutsch-Selfie vor dem Eiffelturm. Zusammen ins Fitness-Studio. Oder: in den gleichen Jacken rumlaufen (auf seiner steht "King", auf ihrer "Queen"). Dabei gibt es viel coolere Ziele, man kann sie jedoch nicht fotografieren. Wenn etwa auf einer Party irgendjemand Blödsinn redet, müssen mein Mann und ich uns nur angucken und unser Bluetooth springt an: Sofort wissen wir, was der andere denkt ("Boah, was für ein Angeber"). Oder wenn ein bestimmter Song im Radio läuft - und wir uns beide an diesen legendär peinlichen Abend in der spanischen Karaoke-Bar erinnern und grinsen müssen. Das sind die echten #couplegoals. Und die fühlen sich ganz schön großartig an.

Natürlich blitzt trotzdem mal der Gedanke auf, den Partner gegen ein anderes Modell auszutauschen. Wie den alten selbst gestrickten Pulli gegen den schicken Sweater aus dem Schaufenster. Aber, hey, auch wenn der alte ein, zwei Löcher hat, wärmt er doch wie kein zweiter. Man ist stolz auf ihn, weil er ein Unikat ist und in jeder Masche Geschichten stecken. Und würde ihn, wäre er einmal in der Altkleidertonne gelandet, schrecklich vermissen.

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BRIGITTE WOMAN 03/2019

Wer hier schreibt:

Iris Soltau
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