Gemeinsamer Freundeskreis: Notwendig oder nicht?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg klärt diesmal, ob ein gemeinsamer Freundeskreis notwendig ist

Zweisamkeit oder doch zusammen in einer Gruppe?

Als Maren und Jens ihre gemeinsame Wohnung bezogen hatten, gaben sie eine Einweihungsparty für ihre Freunde. Eigentlich waren es zwei Feste in einem. Denn obwohl Maren und Jens schon fast ein Jahr zusammen waren, sahen die meisten von Marens Freunden jetzt Jens zum ersten Mal, und nur ein einziger von Jens’ Freunden kannte Maren. Auch an diesem Abend vermischten sich die Freundeskreise kaum. Später passierte dies ebenfalls nicht. Und noch später erst recht nicht, denn da hatten sich Maren und Jens schon wieder getrennt.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Ich will nicht behaupten, dass es daran lag, dass sie keine gemeinsamen guten Freunde hatten. Aber es war schon auffällig, wie isoliert die beiden als Paar waren. Und im Grunde spiegelte ihr streng geteilter Freundeskreis auch etwas aus ihrer Beziehung wider: dass sie nie die Auseinandersetzungen ge­führt hatten, die jedes Paar führen muss, um nicht nur zwei zu bleiben, sondern auch eine Einheit zu bilden.

Jeder braucht eigene Freunde, klar. Auch wenn niemand versteht, was uns mit Babsi verbindet, die nur für ihre Kunst lebt und furchtbar schnell belei­digt ist, oder wieso wir uns immer wie­der mit Herbert treffen, dessen einzige andere Freunde Netflix und sein Smart­phone sind. Aber wenn wir einen Freundeskreis haben, an dem der Partner nicht teilnimmt, besteht immer die Ge­fahr, dass er sich ausgeschlossen fühlt. Ein sehr bedrohliches Gefühl, weil ir­gendwo tief in uns noch die Angst unse­rer Ahnen steckt: Wer von der Gruppe ausgeschlossen wurde, der hatte wenig Chance, allein zu überleben. Mit guten gemeinsamen Freunden dagegen entsteht keine Eifersucht. Und sie sind die wichtigen Zeugen unserer Bezie­hung: Sie sprechen an, wenn sie Span­nungen in unserer Partnerschaft wahr­nehmen. Wir können sie fragen, ob sie unseren Liebsten in letzter Zeit auch so abwesend wahrnehmen. Wenn wir uns als Paar gemeinsam mit Freunden erle­ben, entdecken wir Seiten aneinander, die in unserer Zweisamkeit nicht auf­tauchen. In den Partnerschaften unserer gemeinsamen Freunde respektieren wir auch unsere eigene Beziehung: Gehen sie einfühlsamer miteinander um als wir? Fehlt ihnen unser Humor? Könnten wir uns auch, wie sie, deutlicher voneinander abgrenzen?

Durch gemeinsame Freunde fühlen wir uns einfach wohler

Doch vor allem stecken gemeinsame gute Freunde das Feld ab, in dem wir leben, lachen und uns aufgehoben fühlen. Das Eingebundensein in eine soziale Gemeinschaft, die Unterstützung durch andere und verlässliche nahe Beziehun­gen haben mehr Einfluss auf unser Wohlergehen als Bio­-Vollkost und jedes Fitness­-Training. Und durch gute ge­meinsame Freunde entkommen wir den Schrecken der Kleinfamilie am besten. Wir fahren gemeinsam in die Ferien, wir feiern mit ihnen, unsere Kids entdecken in ihnen andere wichtige Erwachsene für sich. Und nicht zuletzt nehmen sie eine Überforderung aus unserer Bezie­hung: Der Liebste muss nicht mehr unser alleiniger Glücksspender sein.

Brigitte 05/2019

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