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Ghosting verarbeiten: Zwei Männer gestehen

Ghosting verarbeiten: Mann mit Smartphone
© gpointstudio / Shutterstock
Man dachte, man sei ein Paar – und auf einmal ist er weg. Ohne Erklärung, nicht mehr erreichbar. Ghosting heißt dieses Phänomen. BRIGITTE-Autorin Tina Soliman hat zwei Männer zur Rede gestellt.

"Ich suche. Ich suche nach der Passenden. Der Besten. Erfüllt sie meine Ansprüche nicht, breche ich ab. Wozu das in Worte kleiden?", sagt Thomas. Der 40- jährige Architekt aus Berlin sucht "die Beste" auf Dating-Plattformen, und seine Vorgehensweise ist ernüchternd. "Das Aussehen muss für ein erstes Screening reichen. Ich treffe mich möglichst schnell mit der Kandidatin. Passt sie nicht, geht sie eben retour." Da ist keine Ironie oder gar Mitgefühl in seiner Stimme. Und "retour" heißt: Er bricht ohne Erklärung den Kontakt ab, auch wenn er sich schon wochenlang regelmäßig mit einer Frau getroffen hat. Wenn die Verschmähte, die keine Ahnung hat, dass sie gerade aussortiert wurde, eine Nachricht schreibt oder anruft, antwortet er nicht, oder er blockiert den Kontakt gleich komplett, damit sie ihn gar nicht erst erreichen kann. Auf Neudeutsch heißt das "Ghosting": ein Mensch, den man "datet", mit dem man befreundet oder sogar verpartnert ist, verschwindet von einem Tag auf den anderen. Als hätte es ihn nie gegeben. Wie ein Geist eben.

Aber warum tut er das? Thomas scheint selber nicht so richtig zu wissen, wie er das erklären soll. Doch wenn man bei ihm lange genug nachfragt, sagt er schließlich: "Ich selbst mag es gar nicht, verlassen zu werden, und genauso vermeide ich unangenehme Fragen oder Kritik. Vielleicht würde man mir signalisieren, dass ich auch nicht perfekt bin. Damit könnte ich schlecht umgehen." Er müsste sich dann eingestehen, dass er selbst nicht so phänomenal ist wie die keimfreie Version von sich selbst, die er präsentiert.

Die Wahrscheinlichkeit, heutzutage beim Dating auf jemanden wie Thomas zu treffen, ist leider nicht besonders klein. In einer Zeit, wo das Kennenlernen öfter virtuell als in einer Bar beginnt, ist das wortlose Abtauchen mittlerweile sogar eher der Normalfall. Die Partnervermittlungs- und Dating-Plattformen haben Ghosting zur einprogrammierten Option gemacht. Der wortlose Ausstieg des anderen ist längst ins Programm eingespeist. Man kann sich nach einem Date abmelden, der Abgemeldete kann aber darauf nicht mehr reagieren und nachfragen warum.

Zynisch gesagt entspricht Ghosting dem Zeitgeist: In einer Welt, in der nicht nur Produkte und Dienstleistungen rund um die Uhr verfügbar sind , überträgt sich die Wegwerfmentalität offenbar auf den Menschen. Wir sind es inzwischen gewohnt, alles zurückschicken zu dürfen. Dieses Retoure-Recht haben wir auf uns selbst übertragen. Der digitale Raum verändert unser Verhalten und damit das analoge Miteinander. So ist die Funkstille vom schambehafteten Unfall zur achselzuckend hingenommenen Normalität geworden.

Ghosting ist auch Ausdruck einer Verdinglichung. Von einem Produkt muss man sich nicht verabschieden. Man verabschiedet sich ja auch nicht von einer Marmelade. Heute schmeckt sie, morgen eben nicht. Heute gefällst du mir, morgen nicht. Beziehungen und Konstanz haben in diesem Umfeld einen schwierigen Stand. Und nicht wenige halten, obgleich sie in einer Beziehung leben, weiter nach einem Partner Ausschau. Der „Bessere“ oder die „Beste“ könnte ja noch kommen. Die Liebe kann also nicht nur an ihren Unmöglichkeiten scheitern, sondern auch an ihren zu vielen vermeintlichen Verfügbarkeiten.

Menschen wie Thomas preisen die Freiheit der Auswahl, wissen aber in Wirklichkeit nicht, wen sie wählen sollen. Man ahnt, dass er Angst vor Nähe hat und daher Beziehungen schon im Ansatz beendet, bevor sie die Chance zu haben, wirklich zu einer zu werden. Und dass er nicht in der Lage ist, den Frauen klar zu sagen, dass sein Interesse erloschen ist, weil er Konflikte nicht aushalten, nicht bewältigen kann. Sie machen ihm Angst, daher versucht er, sie zu vermeiden. Ghosting ist ein Schutzmechanismus, und zwar ein ziemlich unreifer.

Aber dieses Wissen nützt denjenigen nichts, die zurückbleiben und noch nicht mal nach dem Warum fragen können. Auf diese Weise abserviert zu werden tut weh, selbst wenn die Beziehung nur kurz und nicht wirklich verbindlich war. In der Anfangsphase hat man noch Vorstellungen, malt sich aus, wie es sein könnte. Und dieses "Was hätte werden können, wenn…" ist ein Gedanke, der sehr quälend sein kann.

Aber es gibt noch eine weitaus größere Qual: wenn die Beziehung eben nicht kurz und aufkeimend war, sondern nach Jahren plötzlich und ohne Erklärung beendet wird. „Abgrundtief und spektakulär“ sei der wortlose Kontakt­abbruch, berichten die Verlassenen. Nichts hat eine heftigere Wirkung als plötzliches Schweigen. Zu dem Schock und dem Liebeskummer kommt auch Orientierungslosigkeit, denn ungeklärte Dinge beschäftigen uns mehr als jede noch so harte, aber begründete Entscheidung. Viele Geghostete trauen sich nach dieser schmerzlichen Erfahrung kaum noch in Beziehungen, aus Angst, abermals verletzt zu werden.

Aber warum tut jemand so etwas dem anderen an? Müsste der Verlassende nicht wissen, welches Feld der Verwüstung er hinterlässt? „Doch. Aber das zählt nicht. Es geht um mich“, erklärt Michael. Er ist 47 Jahre alt und hat seine Freundin nach sechs Jahren wortlos verlassen. Warum er ihr das nicht erklären konnte, ihr ersparen, nun immer wie in einer Endlosschleife nach dem „Warum“ zu fragen? „Ich fand die richtigen Worte nicht. Ich traute mich einfach nicht. Sie hätte mich sofort wieder umgestimmt, und ich hätte nachgegeben. Wie immer“, sagt Michael. Seine Freundin wollte heiraten und Kinder, sie habe auf den nächsten Schritt gewartet. „Die ganze Situation engte mich ein. Ich bekam in dieser Beziehung einfach keine Luft mehr. Um zu überleben, musste ich mich befreien. Ich weiß, das klingt dramatisch. Aber dieses Leben wollte ich nicht mehr. Also ging ich.“ Und warum so wortlos? „Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Das alles ein großer Irrtum war?“, fragt Michael.

Auffallend viele Ghosting-Erfahrungen werden in einem frühen Stadium der Beziehung gemacht oder an Schwellen: etwa einem Geburtstag, dem ersten Treffen mit der Familie, nach oder vor einem gemeinsam geplanten Urlaub, vor der Hochzeit – eben meist, wenn der nächste Schritt ansteht. Für Michaels zurückgebliebene Ex-Freundin Clara bleibt nur das Gefühl, dass alles eine Lüge war. Und das war es ja gewissermaßen auch, denn Michael hat sich jahrelang verstellt und seine Gefühle und Zweifel nie geäußert. Nun hat er Clara ausgelöscht, so wie vorher sich selbst.

Clara und Michael hatten sich auf einer Partnervermittlungs-Plattform kennengelernt. Michael hatte schon früher auf diese Weise Frauen getroffen und mit ihnen kürzere Beziehungen gehabt – und er war immer wortlos gegangen. Fakt ist: Wer einmal auf diese Art geht, wird es immer wieder tun, auch wenn er es nicht will. Er schweigt, weil er nicht anders kann, weil er die Konfrontation vermeiden will, zugeben müsste, dass er verloren hat.

Michael sagt, er fände Plattform- Dating ohnehin sehr unromantisch. „Ich träume davon, dass plötzlich meine Traumfrau vor mir steht, wir uns anschauen und wissen: Ja, du bist es!“ Traumwelten geben Sicherheit, wenn die Wirklichkeit Angst macht. In Umfragen zeigte sich, dass vor allem jene, die von dem Einen oder der Einen träumen, vom Prinzen oder der Prinzessin also, besonders dazu neigen zu ghosten. Die Überromantisierung der Liebe führt so zu einem lieblosen Verhalten.

Romantiker sind Beziehungsvermeider, denn die Realität kann mit der Traumwelt niemals mithalten. Schiebt sich die kleinste Störung in das Idealbild, trennt man sich – verschwindet einfach so. Gelebte Liebe hat mit Beziehungsarbeit, Alltag und Kompromissen zu tun. Aber wer auf das Schicksal setzt und glaubt, dass man für den einen bestimmt ist, sieht Beziehungen nicht als Prozess. Der geht eher wortlos.

Doch er täuscht damit nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst. Das rächt sich. Ghosting verhindert eigene Entwicklung und die Möglichkeit, Beziehung als Prozess zu verstehen. Und so ist der Geist im Prinzip weitaus ärmer dran als der, der ihm nachtrauert.

BRIGITTE 7/2020

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