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Paartherapeut klärt auf Hausfrau oder -mann: Schadet es der Beziehung, wenn ein Part generell zu Hause ist?

Hausfrau oder -mann: Mann sitzt auf Sofa während Frau aufsaugt
© ronstik / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle. 

Was macht es mit einer Partnerschaft, wenn einer immer zu Hause ist? Revierkämpfe und Langeweile.

Andre ist selbstständig, sein eigenes Ein-Mann-Unternehmen, er arbeitet von zu Hause aus. Seine Frau Karen ärgert sich darüber, dass er sein Arbeitsmaterial immer flächendeckender verteilt und es nie aufgeräumt ist, wenn sie abends zurückkommt. Sie ist genervt, dass Andres Arbeit ständig präsent ist. Und sie würde sich wünschen, dass Andre mehr draußen unternimmt – einfach, weil auch sie gern mal ungestört allein in der Wohnung sein will. Andre sagt, er räume ständig auf und fände ohnehin kaum Zeit zum Arbeiten, weil er ständig ansprechbar für die Kinder sei. Dass er mehr unternehmen solle, empfindet er als Ablehnung, so, als wolle Karen ihn los sein.

My home, my castle?

Wenn einer tagsüber fast immer daheim ist – ob als Hausmann bzw. -frau oder als Arbeiter*in im Homeoffice – dann wird die Wohnung zu seinem Revier, in dem er seine eigenen Rituale, Ordnungen und Abläufe herstellt. Das ist für den Heimkehrenden nicht immer sofort nachvollziehbar, und es gibt Konflikte, wenn der sich sofort einmischt oder schon in der Wohnungstür über das Chaos empört. Denn es hat sicher einen Grund, warum der Flur voller Kartons steht und wieso die Kinder schon im Schlafanzug sind, aber noch nicht gegessen haben. Wer die ganze Zeit daheim war, hofft auf Unterstützung, darauf, dass der andere sich einbringt, möchte Aufgaben abgeben. Wer von der Arbeit heimkommt, sucht den Ruheraum, um abzuschalten. Unterschiedliche Bedürfnisse an die Wohnung treffen aufeinander. "My home is my castle" wird zum Problem.

Wer im Schloss geblieben ist, neidet die Abenteuer, die es in der Welt dort draußen zu erleben gibt. Und wer in der Welt unterwegs war, neidet die Sicherheit und Freiheit, die nur das heimische Schloss bieten. Wer immer zu Hause ist, auch so können wir die Frage verstehen, erlebt wenig in der Welt. Ihm fehlen Anregungen und Gespräche, die sich in der Arbeit mit anderen ergeben. Wenn er dann auch noch wenig soziale Kontakte und kaum Interessen hat, die ihn aus dem Haus führen, dann leidet die Beziehung. Die Partnerin fühlt sich als einzig wichtige Ansprechpartnerin überfordert, der Nesthocker wird zum langweiligen Gegenüber und verliert an Attraktivität.

Jetzt in der Pandemie, wo das Home- office für Bürojobs die Regel geworden ist, sind diese Konflikte für viele Paare akut. Kultur und Kontakte sind eingeschränkt. Und einer oder gar beide werden vielleicht auch in Zukunft immer öfter zu Hause sein. Die Welt schrumpft in die Wohnung hinein. Und wir sehnen uns nach der Trennung von daheim und draußen, die wir sonst gar nicht immer unbedingt wollten.

Mehr Toleranz ist gefragt

Weil wir einander nicht aus dem Weg gehen können, müssen wir dazulernen. Paare, die ihr Zusammenleben sonst stets gut und fest geregelt haben, sind jetzt gefordert, toleranter gegenüber Murks und Chaos zu werden – denn das wird zwangsläufig entstehen, wenn beide in den eigenen vier Wänden nach ihrem eigenen Raum suchen. Und Paare, die normalerweise alles eher spontan und situativ machen und sich durchs Leben improvisieren, brauchen jetzt mehr feste Absprachen und Regeln, um nicht im Dauerstress zu versinken. My home is my castle: Für Paare gilt das nicht. Das Zuhause ist ein gemeinsames Schloss, das nicht einer beanspruchen kann.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

"Paaradox" ist der neue Podcast mit Oskar Holzberg und seiner Frau Claudia. Sie sprechen offen über die Themen, die Beziehungen immer wieder herausfordern. Lustig, spannend und erkenntnisreich! U. a. auf AudioNow.

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