Karriere oder Beziehung – soll ich meinen Job aufgeben?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Claire hat in der Wüste gelebt. Wenn sie wütend ist, kann sie immer noch den Sand zwischen ihren Zähnen knirschen hören, symbolisch gesehen. Für sie war es keine schöne Zeit: Sie mit den beiden Kleinen und dem Hausmädchen im klimatisierten Bungalow, Erik meist im Job. Dubai war seine Karriere-Option. Er hätte absagen können, aber dann hätte er bei einer anderen Firma neu beginnen müssen. Also hat Claire ihren Job aufgegeben und ist mit ihm hingezogen, in ihrer Abteilung war es ohnehin gerade schwierig.

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Abhängig vom Mann?

Aber jetzt, zurück in Deutschland, wo sie und Erik kurz vor der Scheidung stehen – da bereut sie zutiefst, ihre Karriere für die Beziehung geopfert zu haben. Hatte Mama sie nicht davor gewarnt, sich jemals von einem Mann so abhängig zu machen? Aber damals fühlte es sich richtig an. Nun erscheint es ihr als der zweitgrößte Fehler ihres Lebens. Der größte trägt Eriks Namen.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hat der kluge Theodor Adorno gesagt. Und es gibt keine richtige Entscheidung zwischen falschen Alternativen. Denn dass wir uns überhaupt zwischen Karriere und Partnerschaftsglück entscheiden müssen, liegt ja nur daran, weil die Berufswelt allein ökonomischen Interessen und nicht menschlichen Bedürfnissen folgt. Karriere bedeutet meist, dass sich der Rest des Lebens gnadenlos unterzuordnen hat. Wir dienen der Arbeit, nicht die Arbeit uns. Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, doch seine Auswirkungen laufen mitten durch unsere Beziehung.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Wir können weder über unsere Karriere noch über unsere Beziehung wissen, ob sie sich weiter gut entwickeln wird. Deshalb können wir auch nicht wissen, ob wir es mal bereuen werden, uns gegen den besseren Job, für das gemeinsame Leben und gegen die Fernbeziehung entschieden zu haben – und dem Partner nicht irgendwann vorwerfen, dass wir seinetwegen keine Karriere gemacht haben. Und diese Vorwürfe und Schuldgefühle werden unsere Paarkonflikte erst richtig anheizen.

Frauen stehen dabei schlechter da. Allein die Möglichkeit einer Schwangerschaft erschwert ihre Karriere. Kinder zu bekommen bringt männliche Konkurrenten erst recht auf die Überholspur. Und selbst eine glänzende Laufbahn schafft Schwierigkeiten, weil sich – immer noch – viele Männer an der Seite einer beruflich erfolgreicheren Frau deutlich schwertun.

Probleme offen ansprechen

Wie bei allen unlösbaren Paarproblemen liegt die einzige Chance darin, unsere Gefühle, unsere Ängste und Sehnsüchte offen zu teilen. Welche Wünsche und Träume verbinden wir mit der Karriere? Was fürchten wir für unsere Beziehung? Idealerweise führt das zu einer gemeinsam getragenen Entscheidung. Aber auch dann kann allein ich selbst wissen, ob ich mich wirklich für mich entscheide oder für den anderen. Keine Claire sollte nach Dubai ziehen, weil es gut für ihren Erik ist. Keine Frau ihre Karriere aufgeben, weil sonst die männliche Ehre leidet. Oder ihren Job aufgeben und wieder Platz am Herd nehmen, nur damit die Familienmaschine besser schnurrt.

Sich in Abhängigkeit zu begeben sollte ein emotionaler Prozess bleiben, kein ökonomischer werden. Liebe heißt doch auch immer, sich zuzumuten.

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BRIGITTE 22/2019

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