Kinder und Fernsehen: Mehr Verantwortung, bitte!

Was macht "Germany's Next Topmodel" mit neunjährigen Mädchen? Warum schauen Kinder mit ihren Eltern Sex-Komödien im Kino? Kann man den Altersfreigaben überhaupt trauen? BRIGITTE-Mitarbeiterin Karina Lübke fordert mehr Eigenverantwortung im Medien-Dschungel.

Nichts eignet sich so gut für ein Zerwürfnis mit befreundeten Eltern wie die Diskussion, ob man seinen Grundschulkindern verbieten soll, "Fluch der Karibik" als lustigen Piratenfilm anzusehen. Oder den letzten "Harry Potter". Oder "Star Wars", obwohl "da nicht mal Blut fließt, wenn eine Hand abgeschlagen wird". Denn was die Freunde der Kinder sehen und auf dem Schulhof besprechen, das wird unweigerlich Thema in der eigenen Familie. Dazu gehören auch Fernsehgewohnheiten: Besonders beliebt bei Mädchen ist "Germany's Next Topmodel" (die dritte Staffel läuft gerade auf Pro 7). Als Folge von Heidi Klums Schönheitsdiktat steigen schon Neunjährige bei Spielnachmittagen auf die Waage, die Leichteste wird bejubelt, fehlende Taillen werden beklagt, anschließend übt man den sexy Laufsteggang. Wer nicht mitmacht, wartet im sozialen Abseits auf das Ende der Staffel - zusammen mit Eltern, die ihrem Sechsjährigen "Herr der Ringe" verboten haben und deshalb von anderen Eltern als selbstgerechte Spielverderber gemieden werden.

Etliche glauben, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, wenn sie sich an die FSK-Freigaben halten. Es gibt ja auch Leute, die ihr Auto in den Rhein steuern, weil sie dem Navigationsgerät mehr trauen als ihrem Verstand. Andere schalten eben auf dem Weg ins Kino ihr Hirn ab, folgen der Altersbeschränkung der "Freiwilligen Selbstkontrolle" und finden sich mit ihren Kindern überraschend im völlig falschen Film wieder, den sie aber nicht vorzeitig verlassen, weil die Karten teuer waren. Hinterher sorgen sie durch "empörte Elternproteste" dafür, dass etwa "Keinohrhasen" von der Freigabe ab 6 Jahre auf 12 hochgestuft wurde.

Wie naiv müssen empörte Eltern sein, die glauben, eine Til-Schweiger-Geschlechterkomödie sei ein Kinderfilm, weil so viele Kinder mitspielen? Schweigers Humor mag infantil sein, kindgerecht ist er keineswegs. Sonst lernen Jungs noch vor dem ersten Händchenhalten, dass man mit besoffenen Unbekannten besser keinen Sex haben sollte, weil die gleichzeitig auf einem reiten und kotzen können. Und Mädchen erfahren Details über die falsche Stimulation der Klitoris, die auch viele Väter im Publikum überraschen dürften. Das ist der Zwangsanschluss an die Erwachsenenwelt - und zwar an deren Entwicklungsländer.

Mancher Film, den in Deutschland Kleinkinder gucken dürfen, ist in den USA erst ab 13 freigegeben.

Mehr denn je wird alles getan, das kostbare Kind vor eventuellen Gefahren zu bewahren - von der Vermeidung von Pestiziden im Gemüse, Acrylamid in Keksen und Giftstoffen in Möbeln, Kleidung und Spielzeug. Transportiert wird es nur im Kindersitz des Airbag-gesicherten Autos oder auf Muttis Fahrrad, wo es mit Mütze auf dem Kopf und Helm über der Mütze festgeschnallt wird. Doch sein Geist bleibt zunehmend ungeschützt.

Anders gesagt: Kinderarmut ist ein großes Thema in Deutschland, aber was ist mit dem geistigen Armutsrisiko? Kinder werden weder größer noch cooler davon, Dinge zu sehen, die sie bestenfalls nicht begreifen. Eltern wirken auch nicht jünger oder cooler, wenn sie ihre Kinder in Erwachsenenfilme mitschleppen. Gerade bot sich da die Cecilia-Ahern-Verfilmung "P.S. Ich liebe Dich" an: Eine Frau leidet unter dem Tod ihres Mannes und findet nur schwer zu Leben und Liebe zurück. Dafür gab's in Deutschland FSK-Freigabe ab 0 Jahre; in der Schweiz ist der Film ab 10, in England ab 12, in den USA ab 13. Kinder wollen in Filmen ihre eigenen Erfahrungen gespiegelt sehen, umso vertrauter und positiver, je jünger sie sind. Nach einer Kino-Preview des verfilmten Kinderbuch-Klassikers "Die rote Zora" konnten junge Zuschauer mit den Schauspielern sprechen. Obwohl sie es scheinbar besser wissen müssten, fragten Sieben- bis Zehnjährige, ob es nicht wehgetan hätte, als sich der Junge das Messer in die Hand hackte. Und ob der arme Falke echt tot war.

Dieses magische Denken, das inklusive Weihnachtsmann, Osterhase und sprechenden Stofftieren alles möglich macht, ist beneidenswert: Möge die Vorstellungskraft mit dir sein! Warum also wird dieses Potenzial sorglos verschwendet? Wie sollen so aus Kindern kreative, kritische Erwachsene werden, deren Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nicht so schnell wegrationalisiert werden können? Wie soll man die Zukunft mitgestalten, wenn aus tausend geheimen Schleichwegen der Fantasie eine glatte, harte, aus Stereotypen zementierte Gedankenbahn geworden ist?

Medienwissenschaftler der Universität Bonn baten im vergangenen Winter 300 Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 und 8, einen traditionellen Märchenanfang zu Ende zu dichten. Die Ergebnisse der Studie mit dem anschaulichen Titel ". . . und er blies der Hexe das Gehirn weg" beweisen, wie fatal Medienbilder die Fantasie von Kindern prägen. Die Geschichten der Jungen hatten zumeist brutale Filme oder Computerspiele zum Vorbild und extrem gewalttätige Schlüsse: Da trampelte King Kong die Prinzessin nieder; Maschinengewehre ersäuften jede weitere Handlung im Blutbad. Letzte Worte wie ". . . und wenn sie nicht gestorben sind . . . " erübrigten sich. Mädchen dagegen stückelten ihre Storys lieber aus süßlich-romantischen Soap-Klischees zusammen.

"Das ist eine gefährliche Entwicklung", sagt Professor Volker Ladenthin, der die Idee zu dem Experiment hatte. "In der Jugend lernt man das Vokabular, mit dem man die Welt begreift. Wenn darin gewisse Vokabeln fehlen - Mitgefühl, Liebe, aber auch Mitleid und Schuld -, führt das zu Defiziten in der Wahrnehmung und in letzter Konsequenz auch im eigenen Verhalten. Vor allem, wenn positive Alternativbilder fehlen."

Im Fernsehen findet man die kaum. Für "Deutschland sucht den Superstar" hatte RTL eine geniale Werbe-Idee: Der Sender übergab der "Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen" (FSF) medienwirksam sechs Folgen der ersten Casting-Runde sowie eine "Best-of"-Ausgabe zur Prüfung. Selbst eine Geldstrafe wie die von der Kommission für Jugendmedienschutz verhängten 100 000 Euro für Dieter Bohlens "beleidigende Äußerungen" sind ein kleiner Preis für den Quoten-Push-up, weil alle sehen wollen, was daran jugendgefährdend ist; vor allem Kinder und Jugendliche. Längst beginnt die inoffizielle Kinderstunde abends ab acht mit "DSDS" oder "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", den lustigen Foltercamps für verzweifelte Möchtegernprominente. Wenn Eltern mit ihren Kindern davorsitzen, gilt das vielen schon als gemeinsame Unternehmung.

Was also tun? Erziehungswissenschaftler Jan-Uwe Rogge schreibt in "Schau hin", einem Internet-Magazin "zur Stärkung der elterlichen Eigenverantwortung beim Umgang ihrer Kinder mit elektronischen Medien": "Es ist wenig hilfreich, wenn Eltern glauben, sie müssen Kinder vor allem bewahren. Ebenso wie die Haltung der Eltern, dass eh alles egal ist, dass sie keinen Einfluss haben und sich alles von allein regelt." Rogge tut sich schwer, klare Altersgrenzen zu empfehlen: "Wenn ich sechsjährige Kinder untereinander vergleiche, stelle ich fest, dass eines sein kann wie ein vierjähriges, ein anderes aber handelt und denkt wie ein neunjähriges. Außerdem sind Mädchen in emotionalen Fähigkeiten den Jungs durchschnittlich ein bis zwei Jahre voraus."

Keiner will eine Zensur wie in Amerika, wo besorgte Eltern Bert wegen seiner depressiven Persönlichkeit aus der "Sesamstraße" verbannen wollen. Trotzdem gehört es zu den pädagogischen Grundlagen, dass Kinder durch Nachahmung von Vorbildern lernen. Die müssen nicht mal echt sein: "Ein sechsjähriges Kind taucht ganz in die Filmhandlung ein, leidet und fürchtet mit den Identifikationsfiguren. Etwa ab dem neunten Lebensjahr beginnen Kinder fiktionale und reale Geschichten unterscheiden zu können", belehrt die FSK. "Parental Guidance" ist ein neuer Versuch, trotz Altersbeschränkung mehr Kinokarten zu verkaufen. So wird Sechsjährigen in Begleitung der Eltern dann doch gestattet, Filme mit der Freigabe ab 12 anzusehen. Im Kino, mit übergroßen Bildern und bei voller Lautstärke, entfaltet ein Film jedoch viel mehr Wucht als zu Hause, wo man jederzeit die DVD stoppen kann.

Doch auch Eltern haben ihre Leidensgrenzen. Tim Renner, Musikmanager, hat dem "Tagesspiegel" auf die Frage nach seinem schlimmsten Filmerlebnis jedenfalls geantwortet: "Meine kleine Tochter hat mich in 'Dodo' gezwungen. Eine saudoofe Story um einen Affen und einen Tiger, der handzahm wird. Wer braucht einen handzahmen Tiger? Ich musste mich fast übergeben. Das verzeihe ich meiner Tochter nicht, auch wenn sie erst fünf ist." Gut möglich, dass auch Kinder ihren Eltern nicht jeden Film verzeihen werden.

Info: Wer kontrolliert hier eigentlich?

Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ist keine staatliche "Stiftung Warentest" für Filme, wie viele arglos glauben oder hoffen. Die Altersfreigaben der FSK sind auch keine Empfehlung, sondern eine von der Filmindustrie bezahlte pauschale Einschätzung, ab welchem Alter ein Film ohne bleibende Schäden zu verkraften sei. 190 Prüfer arbeiten ehrenamtlich für die FSK und sprechen pro Jahr etwa 4000 Bewertungen aus. Ganz freiwillig ist diese Selbstkontrolle nicht, denn ohne FSK-Prüfung sind Filme automatisch erst "frei ab 18", was die Zahl möglicher Zuschauer und DVD-Käufer drastisch reduziert.

BRIGITTE 08/08 Text: Karina Lübke Foto: Clipart
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