Kinderfrage: Sie will ein Kind, er nicht - was tun?

Scheinbar ausweglos: Sie will ein Kind, er nicht. Gibt es eine Zukunft? Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg klärt auf. 

Kurz gesagt: Ja – aber nicht unbedingt gemeinsam. Jetzt mal ausführlich: Die Kinderfrage ist wie ein Grand Canyon, der sich quer durch die Gesellschaft zieht. Ich selbst bin hier nicht unbefangen, weil auch ich auf einer Seite des Grand Canyons lebe und das Leben mit Kindern als unvergleichlich großartig empfunden habe. Aber auch, weil ich immer wieder erlebt habe, wie weitreichend dieser Konflikt Beziehungen prägt und Schicksale beeinflusst. 
Es gibt viele Unterschiede, die Partner gemeinsam zu überwinden haben: Geschlechtsidentifikation, Migrationshintergrund, ökonomischer Status, Religionszugehörigkeit. 

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"Kinder - ja oder nein?" – keine Frage ist so entscheidend

Partnerschaften scheitern daran noch Jahre später, unabhängig davon, zu welcher Entscheidung es gekommen ist. Unauflösbare Wut über manipulierte Kondome. Unüberwindliche Enttäuschung darüber, damals im Kinderwunsch nicht unterstützt worden zu sein. Das abgetriebene zweite Kind sitzt wie ein vorwurfsvoller Geist mit am Tisch. Über dem trotz großer Bedenken empfangenen Kind schwebt für immer eine wortlose Anklage. Und scheinbar harmonische Beziehungen gehen an dem ungelösten Konflikt zugrunde, sobald die biologische Uhr immer lauter zu ticken beginnt. 

Die einzige Lösung: eine klare Entscheidung

In der Kinderfrage gibt es keinen Kompromiss. Es gibt nur: Entweder - oder. Ja oder Nein. Es geht um neues Leben - nicht nur um das des Nachwuchses, sondern auch des Paares. Denn keine Entscheidung prägt und verändert eine Liebesbeziehung so einschneidend wie der Schritt von der Zweisamkeit zum Dreigestirn Papa-Mama-Kind. Sie bestimmt das ganze weitere Leben. Das überfordert viele Paare. Doch die wirkliche Überforderung liegt darin, dass ein kontroverser Standpunkt in der Kinderfrage die Beziehung augenblicklich infrage stellt. Denn im Grunde trennen sich hier die Wege. Vor dieser Ungeheuerlichkeit schrecken verständlicherweise viele erst einmal zurück. 

Paare spielen häufig auf Zeit 

Jeder hofft, dass der Partner seine Haltung noch verändert. Dass ihr die Partnerschaft doch wichtiger wird als ein Kind. Dass er seine Ängste vor 20 Jahren Verantwortung doch noch überwindet. Viele Paare setzen sich dann nicht mehr offen mit der Kinderfrage auseinander, weil jedes Mal die beziehungsbedrohende Wucht der Entscheidung spürbar wird, wie eine Ladung Dynamit.

Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren verheiratet, seit mehr als 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

 Doch von selbst schließt sich der emotionale Grand Canyon nicht. Und verborgene Beziehungsthemen, die möglicherweise hinter dem Konflikt stecken, bleiben erst recht ungelöst. Zwischen 30 und 40 nimmt für Frauen die Chance, schwanger zu werden, immer stärker ab. Irgendwann ist die Entscheidung gefallen, ohne je gefällt worden zu sein. Aus „erst mal“ ist „für immer“ geworden. Oder der Kinderwunsch sprengt dann die Beziehung, sobald die Frau auf die 40 zugeht. Paare sollten sich klar sein, dass es eine gute Zukunft nur gibt, wenn sie das heiße Eisen Kinderwunsch wirklich anpacken. Und gerade Frauen sollten sich nicht hinhalten lassen. Sondern auch bereit sind, sich zu trennen, wenn die Lebensentwürfe nicht vereinbar sind.

Brigitte 09/2018

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