Der Kinderwunsch verändert sich im Laufe des Lebens

Alle klagen über die Kinderlosigkeit in Deutschland. Die Demografin Dr. Michaela Kreyenfeld erklärt, ob und warum sich Paare bewusst gegen Kinder entscheiden.

...leitet die Forschungsgruppe "Lebenslauf, Sozialpolitik und Familie" am Max-Planck Institut für Demografische Forschung in Rostock.

BRIGITTE: Frau Dr. Kreyenfeld, über wie viele kinderlose Frauen in Deutschland reden wir? Michaela Kreyenfeld: Zwischen 20 und 25 Prozent aller Frauen in Deutschland bekommen keine Kinder, unter Akademikerinnen sind es sogar zwischen 25 und 30 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert, wobei es noch deutliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland gibt. In Westdeutschland ist der Anteil der kinderlosen Frauen prozentual höher als in Ostdeutschland.

Gibt es Studien darüber, wie viele dieser Frauen sich bewusst gegen Kinder entscheiden?

So etwas ist sehr schwer zu messen. Die meisten Studien gehen aber davon aus, dass es nur eine kleine Gruppe von Frauen gibt, die sich sehr früh im Leben entscheiden, keine Kinder zu bekommen, und diese Entscheidung dann auch nie wieder revidieren. Bei der Mehrheit der kinderlosen Frauen ab 45 Jahren war es dagegen keine bewusste Entscheidung, sondern sie haben andere Lebensbereiche priorisiert und die Kinderfrage aufgeschoben, bis sie sich nicht mehr gestellt hat. Die Einstellung für oder gegen eigene Kinder schwankt meist über den Lebenslauf und ist auch situationsabhängig.

Was sind Gründe dafür, dass die durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland eine der niedrigsten in Europa ist?

Alles weist darauf hin, dass die in Deutschland fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie tatsächlich die größte Rolle spielt. In den skandinavischen Ländern und in Frankreich hat der Bildungsgrad der Frau nur einen geringen Einfluss auf die Anzahl der Kinder. Das heißt, auch hochqualifizierte Frauen bekommen Kinder, weil sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Wenn hierzulande Frauen Mutter werden, sind sie oft nicht nur einige Jahre ganz raus aus dem Erwerbsleben, sondern kehren auch später nicht in einen Vollzeitjob zurück, sie arbeiten in Teilzeit oder sind nur noch marginal berufstätig. Auch wenn sich das mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen und einer etwas höheren Akzeptanz der frühen Ganztagsbetreuung langsam zu ändern scheint.

Freiwillig Kinderlosen wird manchmal implizit vorgeworfen, sie würden egoistisch handeln: Die Bevölkerungszahl geht zurück, die zukünftigen Renten sind nicht sicher, soziale Sicherungssysteme versagen. Ließen sich all diese gesellschaftlichen Probleme tatsächlich durch mehr Nachwuchs lösen?

Demografen sehen nicht die abnehmende Bevölkerungszahl als Problem, sondern die Überalterung der Gesellschaft. Bald kommen die besonders geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, ins Rentenalter. Selbst wenn die Geburtenrate von sofort auf gleich in die Höhe schnellen würde, würde das kurzfristig nichts ändern. Bis diese Kinder alt genug sind, um in die Rentenkasse einzuzahlen, ist ein Großteil dieser Generation bereits verstorben.

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Der Kinderwunsch verändert sich im Laufe des Lebens

Alle klagen über die Kinderlosigkeit in Deutschland. Die Demografin Dr. Michaela Kreyenfeld erklärt, ob und warum sich Paare bewusst gegen Kinder entscheiden.

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