Klammern: "Erdrück' mich nicht!"

Nichts ist tödlicher für die Partnerschaft als ein Partner, der wie eine Klette am anderen hängt, klammert und dabei sich selbst aufgibt.

"Ich kann mir auch selbst was holen!", fährt Jörg seine Freundin an, als die mit zwei Desserttellern vom Büfett auf ihn zusteuert. Dreht dann Sophie demonstrativ den Rücken zu und schwärmt in großer Runde weiter von seinen fabelhaften Aufschlägen beim letzten Match. Der Schauplatz: ein Fest im Tennis-Club. Er hat sowieso den Heimvorteil, steht mit seinen Sportsfreunden herum und amüsiert sich. Am liebsten würde Sophie sofort verschwinden. "Ich mach dir eine Freude. Und du lässt mich auflaufen, du Mistkerl", zischt sie wütend ihrem Spiegelbild im Badezimmer zu. Als sie den Satz auf der Heimfahrt an die richtige Adresse richtet, kassiert sie die nächste Abfuhr: "Hör einfach auf, mich zu bemuttern!", wirft Jörg ihr an den Kopf. Für ihn ist damit alles gesagt. Er starrt auf die Straße und schweigt. Und setzt Sophie vor ihrer eigenen Wohnung ab.

Sophie kann nicht einschlafen. Sie ruft Jörg immer wieder an, will mit ihm noch einmal über den Abend reden, alles klären. Aber er geht nicht ans Telefon.

Als sie an diesem Abend im Bett liegt und glaubt, vor lauter Traurigkeit kaum Luft zum Atmen zu bekommen, ist sie immer noch weit davon entfernt, mit klarem Verstand auf den Scherbenhaufen ihrer Liebe zu schauen und ihren Anteil daran zu erkennen. "Er liebt mich nicht mehr. Er will mich loswerden. Es ist aus, vorbei."

Sophie irrt. Hinter Zurückweisung steckt nicht immer die Absicht, die Partnerschaft zu torpedieren, die Beziehung aufzugeben, oft "nur" totale Überforderung. Je erbitterter der eine hinter ständiger Nähe her ist, desto mehr kämpft der andere um Raum für sich selbst, das ist wie ein Naturgesetz. Meist liegen Muster zugrunde, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sophie hat in ihrer Familie - die Mutter hatte Depressionen und trank, der Vater kam immer gestresst nach Hause - die Überlebensformel entwickelt: "Nur wenn ich mich anstrenge, werde ich wahrgenommen. Wenn ich locker lasse, dann bricht alles zusammen, dann bin ich völlig allein." Jörg, ein Einzelkind und der konkurrenzlose Lebensmittelpunkt seiner Mutter, kennt solche Sorgen nicht. Ganz im Gegenteil. Sophies Nonstop-Betreuung löst bei ihm uralte Beklemmungen aus - den Horror, im Namen der Liebe auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden.

Klammern ist kein Frauenproblem. Ebenso oft gehen Männer weit über ihre eigenen Grenzen, damit alles so intensiv und paradiesisch bleibt wie in den allerersten Liebeswochen.

Bei Sophie und Jörg ist eine Trennung unvermeidlich, zumindest eine vorläufige. Die Distanz ist seit der Party-Szene immer größer geworden. Ihre Sexualität liegt auf Eis. Er vergräbt sich in seine Diplomarbeit oder surft abendelang durchs Internet, an den Wochenenden verzieht er sich mit Kommilitonen in die Berge oder verschwindet für Stunden auf den Tennisplatz. Sophie leidet.

Dann aber wird ihr ein Job in einer anderen Stadt angeboten. Regina, ihre Freundin, beschwört sie, sich die Chance nicht entgehen zu lassen. Schließlich nimmt Sophie an. Und beschließt mit dem Mut der Verzweiflung eine Auszeit für die Beziehung. Erst der Abstand macht Annäherung wieder möglich. Zuerst fühlt sich Jörg erleichtert. Doch dann beginnt er Sophie zu vermissen, ein Gefühl, das völlig verschüttet war. Er denkt darüber nach, was falsch gelaufen ist und was er besser machen könnte. Mit einer Freundin, die Sophie gut kennt, spricht er lange über die Vergangenheit - und merkt erst an ihrer verblüfften Reaktion, dass er mit Sophie viel zu wenig über sich und über die Beziehung gesprochen hatte.

Sophie fühlt sich die ersten Wochen wie eine Schwerkranke. Sie setzt Mails auf und löscht sie wieder und quält sich mit dem Gedanken, es könnte ihre Schuld sein, wenn die Beziehung nun wirklich auseinander bricht.

Sie nimmt Therapiestunden, fängt an, sich ein neues Leben aufzubauen, in dem nicht mehr Jörg die tragende Rolle spielt, sondern sie selbst. Nach sechs Monaten kommt Jörg zu Besuch. Das Glitzern und Funkeln der ersten Zeit ist wieder da, doch die beiden streiten viel. Sophie wagt es endlich, Jörg mit ihren eigenen Wünschen und auch mit ihrer Wut zu konfrontieren und einfach abzuwarten, was er damit anfängt. Und das ist gar nicht mal so wenig. Durch ihre Zurückhaltung hat er Spielraum, auf sie zuzugehen und ihr zu zeigen, dass ihm eine ganze Menge an der Beziehung liegt. Plötzlich ist er es, der das Gespräch sucht. "Ständige Nähe ist nicht der Idealzustand, sondern der schleichende Tod der Liebe", hat Sophie aus einem Ratgeber abgeschrieben und über ihrem Schreibtisch an die Wand gepinnt. Als Jörg das liest, malt er ein dickes Herz und kritzelt darunter: "...aber gar keine Nähe wäre mein Untergang!!!"

Text: Nina Poelchau