Lasst Brusthaar um mich sein!

BRIGITTE-Redakteurin Alena Schröder will keine metrosexuellen Kerle mehr sehen. Eine Ode an den behaarten Mann.

Zwei Säugetiere haben in unseren Breitengraden ein besonders ungerechtfertigtes und hartnäckiges Imageproblem: der Deutsche Schäferhund und der behaarte Mann. Fatal für das Image des Schäferhundes sind zum einen die falschen Liebhaber (Hitler), der Hang von Vorstadtfamilien zum Golden Retriever sowie ein ausgeprägter Arbeitstrieb, der dem Tier ein Leben an der kurzen Leine in Drogendezernaten und Zollstationen eingebrockt hat.

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Ähnlich traurig steht es um den behaarten Mann. Anstatt sein Brusthaar zu preisen, stellt man ihn pauschal in eine Reihe mit den Goldkettchenprolos, die uns am Strand mit ihren Hormonüberschüssen belästigen. Dazu kommt die psychische Belastung durch metrosexuelle Rollenvorbilder: Was der Golden Retriever dem Schäferhund, ist David Beckham dem behaarten Mann. Das alles führt dazu, dass prachtvolle Exemplare dieser Spezies sich mit den Epiliergeräten ihrer Freundinnen die Hoden verletzen, sich mit Kaltwachs die Locken von der Brust reißen oder verschämt in kosmetische Kliniken einchecken, um sich das Rückenhaar weglasern zu lassen. Angeblich, weil wir Frauen das so wünschen.

Dabei sind behaarte Männer - sofern sie zu ihrem Haarwuchs stehen - in jeder Beziehung die besseren Partner: Sie sind feste Charaktere, die sich nicht von flüchtigen Moden beeinflussen lassen. Warum soll heute falsch sein, was zu Zeiten von Tom Selleck und Sean Connery richtig und männlich war? Die Jungs haben einfach Wichtigeres zu tun, als sich mit der Pinzette die Wuchskonturen zu korrigieren - und durch ihre Enthaarungsverweigerung auch viel mehr Zeit für uns. Sie sind nicht bereit, körperliche Schmerzen auf sich zu nehmen und sich eines sekundären Geschlechtsmerkmals berauben zu lassen, nur um der um sich greifenden Infantilisierung erwachsener Körper Genüge zu tun. Schlimm genug, dass wir Frauen uns dem Diktat der Haarlosigkeit unterwerfen und untenrum plötzlich alle aussehen wollen wie 12-Jährige. Aber wollen wir auch noch einen Kerl, der ein eigenes Fach im Badezimmerschrank für Enthaarungskosmetika beansprucht?

Außerdem sind behaarte Männer wesentlich toleranter im Hinblick auf weibliche Cellulite: ein weder zu leugnender noch zu verhindernder und auch nicht wirklich zu bekämpfender Umstand, genau wie ihre unvermeidliche Behaarung am Rücken, auf den Schultern, am Hintern und an den Füßen. Und wer je an einer üppig bewachsenen Brust eine stürmische Nacht im Zwei-Mann-Zelt verbracht hat, gemütlich mit den Fingern Löckchen drehend, die Matte auf graue Haare inspizierend, wird sich nie mehr an einer kahlen Variante die Wange verkühlen wollen, ganz egal, wie prall und wohlgeformt der darunter liegende Muskel auch sein mag.

Seit einigen Jahren gibt es leise Zeichen der Hoffnung für den behaarten Mann. Seit am 11. September 2001 der Feuerwehrmann als neuer männlicher Idealtypus auf der Bildfläche erschien - ein ganzer Kerl mit rußgeschwärztem Gesicht, immer einsatzbereit, berufsbedingt ohne Zeit für Ganzkörperrasuren -, hat eine kernige Urwüchsigkeit plötzlich auch in der Öffentlichkeit wieder eine Chance: Models dürfen wieder Brustflaum zeigen, Künstler wie Robbie Williams - einst zum Wohle unschuldiger Kleinmädchenseelen zum Kahlschlag oder hochgeschlossener Bekleidung verdammt - gehen wieder unrasiert und ohne T-Shirt auf die Bühne. Als Harry-Potter-Star Daniel Radcliffe in einem Theaterstück seine zaghaft behaarte Brust entblößte, war schon dieser Umstand den Kritikern wohlwollende Respektsbekundungen wert. Und auch bei der diesjährigen Wahl zum "Mister Schweiz" waren drei der 15 Finalisten ein bisschen brustbehaart, was das zuständige Wahlkomitee sogar zu einer Pressemeldung veranlasste.

Das lässt hoffen. Der Tag wird kommen, an dem auch männliche Körperhaare wieder frei im Wind wehen dürfen - unbeschnitten, unbedeckt, unbegrenzt. Trends kommen und gehen, genau wie all die süßen Jack-Russell-Terrier und Golden Retriever eines Tages wieder verschwinden und der Schäferhund rehabilitiert wird, wird auch der behaarte Mann wieder in Mode kommen. Schon weil ein naturbelassener Männerpelz inzwischen echten Seltenheitswert genießt. Glück für die Frau, die sich rechtzeitig einen gesichert hat.

Foto: dreamstime Text: Alena Schröder BRIGITTE Heft 18/2007
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