Leben mit der Generation Praktikum

Den Abschluss haben sie in der Tasche, doch einen Job bekommen junge Leute deshalb noch lange nicht. Wie eine Familie damit umgeht, dass die bestens ausgebildete Tochter zwei Jahre nach dem Examen noch immer keine Berufsperspektive hat.

Das Reihenhaus der Familie Mansar ist leicht zu finden. An die weiße Fassade hat der Hausherr eine riesige Ziffer "97" gepinselt, sein selbstbewusstes Statement in Dunkelblau. "Willkommen in Lampertheim, der schönsten Schlafstadt vor Mannheim", sagt Volker Mansar und lacht. Es ist ein sonniger Sonntag, und er und seine Frau sind ein bisschen aufgedreht, weil sie ausnahmsweise beide Töchter im Haus haben. Nele, 25, lernt für die Lehramtsprüfung in Französisch und hat mit ihren Büchern den Wohnzimmertisch okkupiert. Die Mutter stellt ihr einen Teller mit Gebäck dazwischen, dann eilt sie in den Garten hinaus, wo die älteste auf der Terrasse sitzt.

Ein seltenes Vergnügen ist das, denn Anke, die 27- Jährige mit den lustigen roten Locken, lebt seit ihrem Examen vor eineinhalb Jahren in Brüssel. Wo man drei Sprachen spricht - Englisch, Flämisch, Französisch -, "das perfekte Training", versucht Anke zu scherzen. Dabei wäre sie "viel, viel lieber" in Frankfurt geblieben. Hier hat sie Geschichte, Südostasien-Wissenschaften und Anglistik studiert, hier wohnen ihre engsten Freunde. Doch weil die Realität für junge deutsche Akademiker derzeit eben ist, wie sie ist, sah die Mansar- Tochter keine andere Wahl und entschied für sich: lieber im Ausland jobben, als sich in Deutschland bei unbezahlten Hospitanzen ausbeuten lassen.

Anke gehört zur "Generation Praktikum": einer Altersgruppe, die so gut und so international ausgebildet wurde wie selten eine zuvor. Trotzdem haben sie und ihre Ex-Kommilitonen keine Aussicht auf interessante, halbwegs angemessen bezahlte Stellen. Der Arbeitsmarkt hat sich verändert, gute Absolventen gibt es zuhauf, also stellen die Unternehmen sie am liebsten nur noch als Praktikanten ein. "Vorerst", sagen sie - oft ein genialer Spartrick. Während Praktika früher dazu da waren, Studenten einen Eindruck von ihrem künftigen Berufsalltag zu geben, werden heute im Internet oder bei sonstigen Jobbörsen oft gar keine regulären Stellen, sondern nur noch Hospitanzen oder Projektverträge offeriert. Was für die "reifen" Praktikanten verheerend ist: Entweder sie halten sich eher schlecht als recht über Wasser - oder leben weiter in Abhängigkeit von den Eltern. Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre.

"Das Gefühl von beruflicher Sicherheit hab ich noch nie erlebt", sagt Anke. Bislang geht sie damit recht souverän um. Aber ihre Eltern sehnen sich stellvertretend für sie umso mehr danach. "Die Frau meines Neffen in Belgien ist so alt wie Anke", erzählt die Mutter. "Sie hat seit drei Jahren einen festen Job als Lehrerin - und zwei Kinder. In Belgien ist das normal! Manchmal tut es mir fast leid, dass ich mit der Familie in Deutschland sitze."

Marie-Jeanne Boterbergh stammt aus einem Bauerndorf in Belgien. Mit Anfang 20 lernte sie Volker Mansar im Urlaub in Österreich kennen, 1970 war das. Nach drei Jahren Fernbeziehung haben sie geheiratet, und sie zog zu ihm nach Mannheim, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin Arbeit fand. Als Anke dann zur Welt kam, gab die heute 59-Jährige ihren Beruf auf, "weil ich meine Kinder selbst großziehen wollte".

Eine so überzeugte Mutter fiebert bei jedem Schritt der Töchter mit - vor allem, wenn es Probleme gibt. Der "Vadder", wie Anke den großen schlanken Mann scherzhaft im Mannheimer Dialekt nennt, wirkt da auf den ersten Blick gelassener. Doch nach einer Weile merkt man genau, dass auch er sich sorgt: "Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Umzüge ich mit meiner Tochter schon gemacht hab. Wie viele Ikea-Schränke haben wir für Anke eigentlich zusammengeschraubt?" Bitte nicht falsch verstehen, er will ihr keinen Druck machen. Nur ganz tief innen hofft der 61-Jährige, Ankes Nomadendasein könne bald zu Ende gehen. "Als ich 30 war, haben wir ein Reihenhaus gekauft - welche jungen Leute können heute noch so konkret ihre Zukunft planen?" Und seine Frau bekräftigt: "Unsere Eltern sagten immer: Ihr sollt es mal besser haben als wir. Wir hingegen wären froh, wenn unsere Kinder den Status halten könnten." Damit genug gejammert, die beiden lächeln wieder. "Anke wird es schon schaffen", sagt Volker Mansar bestimmt, "davon bin ich überzeugt." Dann steht er auf, um sich in der Küche zu betätigen. Der Familienvater war lange Jahre Techniker bei Bosch und ist erst seit Kurzem im Ruhestand.

Dass hier eine glückliche Familie lebt - vier Menschen, die sich mögen und füreinander da sind -, ist an vielen Stellen im Haus zu spüren. Den Mittelpunkt im Wohnzimmer bildet Vaters Klavier, daneben hängen Ankes Geige, Neles Cello, an den Wänden Kinder- und Familienfotos. "Ich habe sie überallhin kutschiert", erinnert sich die Mutter. Von der Malklasse zum Turnen, vom Schwimmverein zum Geigenlehrer. Am liebsten hätte der Vater seine Anke ja als Berufsgeigerin gesehen; das Talent liege in der Familie. Doch Anke wollte in einer Branche arbeiten, in der man gut und regelmäßig Geld verdient, Journalismus oder Werbung. Schon während des Studiums hat sie Praktika absolviert, bei Zeitungen, TV-Sendern, Agenturen. "Niiiie" habe sie sich damit abfinden wollen, das elterliche Konto über Gebühr zu strapazieren oder "ewige Studentin" zu werden.

Sie hat ein energisches Naturell, wusste früh, was sie will. Und mit 25, fand sie, sollte Schluss sein mit elterlichen Zuschüssen. Ihr Examen war geschafft, ein viermonatiges Postgraduierten-Programm für Kommunikationswissenschaften an der Universität Brüssel abgeschlossen. Als sie dann pünktlich zum 26. Geburtstag eine Zusage für ein Praktikum bei der EU-Kommission in Luxemburg bekam, dachte sie, sie sei am Ziel. Denn um die wenigen Plätze bewerben sich jedes Jahr Tausende - und ausgerechnet sie hatte es geschafft. Das Stipendium beträgt 1000 Euro. Ihr erstes Gehalt! "Ich war total glücklich", lächelt Anke. Endlich war die Zeit gekommen, dem Vater die Kreditkarte zurückzugeben, die er ihr für Notfälle anvertraut hatte.

"Doch schon im zweiten Monat rief sie an und wollte sie wiederhaben", erinnert er sich. Das Leben in Luxemburg war unerwartet teuer. Dabei wohnte sie zur Untermiete außerhalb der Stadt. Mit gemischten Gefühlen: "Du sitzt in einem Studentenzimmer, fern von Freunden und Familie, das Geld reicht hinten und vorn nicht, und wie's weitergeht, steht in den Sternen." Keine gute Zeit, wie Marie-Jeanne Boterbergh bestätigt: "Einmal ist Anke direkt am Zug vor der Rückreise nach Luxemburg in Tränen ausgebrochen." Da merkten die Eltern erst, wie unglücklich ihre sonst so selbstbewusste Tochter war. "Sie hatte uns davon nichts gesagt, weil wir ja auch nicht viel tun konnten - außer anrufen und zuhören natürlich." Schließlich trösteten sich alle drei damit, dass der Job ja nicht für immer sei.

Ungefähr zur selben Zeit las Ankes Mutter einen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit", in dem das Wort von der Generation Praktikum zum ersten Mal geprägt wurde. "Da hab ich erst begriffen, dass unsere Tochter keine Ausnahme darstellt."

Klar hilft es, wenn man sieht, dass es anderen ähnlich geht. Ankes Freundinnen sind bislang genauso wenig untergekommen. Eine macht eine Zeitschriften-Hospitanz, bei der sie zehn Stunden täglich arbeitet und 400 Euro pro Monat bekommt. Das geht auch nur mithilfe der Eltern. Insofern trugen es Ankes Eltern mit Fassung, als ihre Tochter nach neun Monaten bei der EU wieder nur einen unbezahlten Job bei einer Botschaft in Luxemburg angeboten bekam. "Wir verzichten auf Urlaubsreisen, sparen und schränken uns auch sonst in manchem ein, damit wir die Möglichkeit haben, unsere Töchter zu unterstützen", sagen sie. Die Mutter wünscht sich noch mal irgendwann einen Familienurlaub zu viert, wie früher, nach Frankreich in die Sommerfrische. Doch das dauert noch: "Momentan müssen wir sehen, wie man auskommt."

Auch für Nele zahlen sie ja Miete und Unterhalt. Aber da die jüngere Tochter Lehrerin wird, beurteilen sie deren Aussichten gelassener: "Lehrer werden immer gebraucht." Andererseits gibt es sogar in Schulen immer öfter Zeitverträge, die genau bis zu den großen Ferien laufen, weiß die Mutter: "Weil das Kultusministerium so Geld sparen kann." Aber Nele wird schon was Festes finden, da wollen sie einfach mal dran glauben.

Anke hatte sich damals nach ihrem Ausflug zur EU bei Frankfurter PR-Firmen und Brüsseler Unternehmen beworben - und bekam schließlich die Offerte einer belgischen Versicherungsgesellschaft. Nicht ihr Traumjob, doch besser als nichts. Aber gerade als sie dachte, dass sie nun den Schritt ins Erwachsenen-Leben geschafft habe, passierte "diese Sache mit der Krankenversicherung". Der Vater muss heute noch den Kopf schütteln: Ausgerechnet die Versicherung hatte die Tochter nicht versichert! Als die Eltern das erfuhren, hatten sie drei Monate lang schlaflose Nächte. "Ich bin fast durchgedreht", sagt die Mutter, und Volker Mansar bestätigt: "Denken Sie nur, wenn sie schwanger geworden wäre. Oder einen Autounfall gehabt hätte!"

Anke indes hatte andere Sorgen. "In der Firma war ich die Ausländerin, das Betriebsklima war ganz furchtbar. Irgendwann sagte mir der Chef glatt mitten ins Gesicht: ,Du sollst nicht denken, du sollst ausführen.'" Da reichte es ihr. Seither lässt sie sich von einer Zeitarbeitsfirma vermitteln, wochenweise. Sie macht diese typischen Jobs, die sie schon als Studentin gemacht hat: Hostess auf der Automesse, Museumswärterin, zuletzt stand sie in einem "Kostümchen" im Brüssler Wahrzeichen Atomium und erklärte Touristen, was es mit dem riesigen Eisenkristall auf sich hat. Momentan arbeitet Anke für sechs Monate bei der EU-Anti-Korruptions- Behörde: "Klingt gut, aber da bin ich Sekretärin." - "Und überqualifiziert", empört sich der Vater.

Wie lange das noch so weitergehen wird? Achselzucken. Nur eines steht fest: Anke will nicht aufgeben, und so verspricht sie ihren Eltern direkt am Kaffeetisch: "Ich schicke jetzt noch mal haufenweise Bewerbungen nach Deutschland. Und sobald ein einigermaßen faires Angebot kommt, fahr ich sofort nach Hause."

Wie lange sollen Eltern ihre erwachsenen Kinder unterstützen? Tauschen Sie sich mit anderen Leserinnen aus im BRIGITTE-WOMAN-Forum.

Text: Lisa Stocker Fotos: Plainpicture BRIGITTE WOMAN Heft 01/08
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