Liebe: Bloß nicht klammern!

BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg über die Kunst des Loslassens.

Normalerweise drängt sich uns bei Politik nicht unbedingt der Gedanke an einen Orgasmus auf. Aber die Republik ist in eine Lage gekommen, in der auch unser Denken außergewöhnliche Wege gehen muss. Wir sehen uns umfassenden Veränderungen gegenüber. Und deshalb müssen wir mehr denn je loslassen. Unsere gewohnten Sicherheiten, unsere Ansprüche, unsere Vorstellungen oder - wie mancher Politiker - unsere Macht. Und was hat das mit dem Orgasmus zu tun? Der kommt uns in den Sinn, weil er uns mehr über die Psychologie des Loslassens verrät als irgendetwas anderes. Der Orgasmus unterliegt nicht unserem Willen. Wir können ihn nur geschehen lassen, wenn wir unsere gesamte Kontrolle abgeben, und er bleibt uns versagt, wenn wir - etwa aus Angst - festhalten. Nur wenn wir wirklich aufgeben, wenn wir uns fallen lassen, hingeben, wenn wir loslassen, dann tritt er ein. Den "kleinen Tod§" nennen die Franzosen den sexuellen Höhepunkt, denn loslassen ist immer ein wenig wie sterben. Weshalb es vermutlich nichts Schwierigeres für uns Menschenkinder gibt, als loszulassen.

Unser Geist haftet an den Dingen des Lebens, wie die Buddhisten sagen. Unser Gehirn drängt uns, an Situationen, Menschen und Dingen festzuhalten. Es geht uns wie dem Affen in dem Gleichnis von der Affenfalle, die eine Kokosnuss ist, in die ein Loch gebohrt wird. Die Öffnung ist gerade groß genug, damit ein Affe seine Pfote hineinstecken kann. In die ausgehöhlte Kokosnuss stecken die Jäger dann ein paar Affenleckerli. Der Affe kommt, riecht, greift - und steckt fest. Denn seine um die Leckereien geschlossene Faust ist zu groß für die Öffnung. Er ist gefangen. Er könnte sich befreien, wenn er auf seine Beute verzichtet. Er müsste nur loslassen. Aber genau das kann der Affe nicht. In der Sprache der Hirnforscher heißt der Affe in uns limbisches System. Der Teil unseres Gehirns, in dem die Gefühle wohnen. Es belohnt uns mit guten Gefühlen, sobald wir auf Eiscreme, den Liebsten, Erfolg oder irgendetwas anderes Befriedigendes zusteuern. Was gut war, versuchen wir immer wieder. Auch dann noch, wenn es schon längst nicht mehr gut für uns ist oder übelste Nebenwirkungen mit sich bringt. Im Extremfall wird das Sucht, im Normalfall hängen wir in einer aussichtslosen Situation fest.

Loslassen ist nicht einfach, weil wir bewusst etwas lassen wollen, an dem wir aber unbewusst festhängen. "O. K., ich lass den Typ, in den ich verliebt bin, jetzt sausen, weil er einfach zu unzuverlässig ist!" - das funktioniert nicht. Wir können unsere gefühlsmäßigen Überzeugungen, die sich absolut überzeugend genau so anfühlen, dass wir ohne diesen Typen nicht leben können, nicht fallen lassen wie ein Kaugummi-Papier. Der Grund ist, dass wir nicht einfach etwas nicht mehr tun können. Wir können nur stattdessen etwas anderes tun. Oder was wir tun, anders tun. Ihn zum Beispiel nicht mehr immer wieder entschuldigen oder ihm konsequent aus dem Weg gehen.

So können wir entscheiden, loszulassen. Dann beginnen wir uns zu lösen. Schmerzhaft, als zögen wir ein Pflaster von der wunden Haut. Und dann kommt die Leere. Wir können das nicht vermeiden, sondern nur geschehen lassen. Sie wie ein Beobachter anschauen, ganz achtsam, wie Meditation. Und dann, wenn wir ihm keinen Zucker mehr geben, lässt der Affe in uns los.

Wenn wir nicht ständig loslassen, haben wir ein simples, aber krasses Problem. Wir stehen unserem eigenen Leben im Weg. Denn, wie wir alle wissen, bleibt nichts, wie es war. Wie viele Meinungen, Freunde, Orte und Situationen haben wir schon hinter uns gelassen, wie viele Lieblingsschuhe durchgelatscht, wie viele Herzen gebrochen? Wir müssen uns auf die Wirklichkeit einstellen und nicht die Wirklichkeit auf uns. Es gibt vermutlich keine trivialere Wahrheit, aber auch keine, mit der wir so häufig in Konflikt geraten. Wer als "Twentysomething" seine Schlafphasen in Clubs durchwacht, super. Wer es mit 53 immer noch tut, hat eine handfeste Midlife-Crisis und kann sein Teenie-Ich nicht loslassen. Und natürlich kann man eine zwölfjährige Tochter nicht genauso beglucken wie eine Vierjährige. Kinder sind das ideale Übungsfeld - nur wenn wir sie loslassen, bleibt die Beziehung zu ihnen erhalten. Paradox - aber all unsere Beziehungen müssen wir ständig loslassen, um sie zu erhalten. Und das gilt besonders für die Beziehung zu der Person, die uns am nächsten ist. Uns selbst. Wer auch nur ein wenig reifer werden und sein Leben genießen will, muss loslassen können.

Also, loslassen... loslassen... loslassen. Es ist ja längst kein Geheimtipp mehr. Wir sollen spätestens alle 60 Minuten yoga-mäßig loslassen. Pause. Entspannen! Wir sollen alljährlich unsere geliebten Kostüme und Taschenbücher feng-shui-mäßig in die Tonne hauen, damit wir Raum für Neues schaffen. Unbefriedigende Jobs und nicht erfüllende Beziehungen? Sofort loslassen! Gerade sollen wir unseren Wunsch nach ökonomischer Sicherheit loslassen und unsere Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, weil das angeblich wirtschaftlich nicht mehr anders geht. Und selbst in den Urlaub verfolgt uns der Loslass-Stress, weil wir auf Ibiza richtig abschalten, mal alles hinter uns lassen sollen.

Wie bitte können wir eigentlich loslassen, dass wir ständig loslassen sollen? Denn wenn wir tatsächlich immer nur losließen, entglitte uns ja das Leben wie ein rohes Ei zwischen den Fingern. Wer nichts festhalten kann, der kann seinem Leben keine Form geben. Wer ständig loslässt, der lässt in Wahrheit nur nicht zu, dass ihm irgendetwas so viel bedeutet, dass es ihn schmerzen könnte, wenn er es wieder verliert. Er fürchtet sich so sehr vor dem Schmerz des Loslassens, dass er gar nicht erst zugreift. Das sind die Bindungsflüchtlinge. Oder die, die nie eine Sache zu Ende bringen. Jene, die wenig erreichen oder es gleich wieder zerstören. Die wahre Kunst des Loslassens besteht also darin, zu wissen, wann es gut ist loszulassen und wann es gut ist festzuhalten. Was uns ja dann auch wieder an Sex denken lässt.

Der wahrhaft ideale Liebhaber findet genau den richtigen Zeitpunkt, sich hinzugeben. Nur gut, dass es den wahrhaft idealen Liebhaber nicht gibt, sonst wären wir gleich wieder vollauf damit beschäf-tigt, den absolut richtigen Zeitpunkt zu finden, um loszulassen. Die Kunst des Lebens besteht aber ja nicht darin, sie perfekt zu erlernen. Sondern darin, das Leben als Kunst zu leben. Von Augenblick zu Augenblick, mit sich selbst stimmig. Lassen Sie jeden Anspruch "richtig loszulassen" los. Werden Sie stattdessen ein Künstler im Loslassen und finden Sie den Augenblick, der für Sie stimmt. So wie ich es auch versuche. Achtung! Jetzt.

BRIGITTE 20/05

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