Liebe: Mann, bist du peinlich!

Kann man jemanden lieben, für den man sich manchmal schrecklich schämt? BRIGITTE-Mitarbeiterin Jana Scheerer geht einer existenziellen Beziehungsfrage nach.

Wahre Liebe, das wissen wir aus unzähligen Hollywoodfilmen, kann alles überwinden: jahrelange Trennungen, mehrere Weltkriege, sogar den Tod. Doch die schwerste Beziehungsprüfung von allen wird in diesen Filmen nie erwähnt: das Schämen für den eigenen Mann.

Zugegeben, ein Plot, in dem ein Liebespaar sich verliert, weil ein Schiff kentert und er ertrinkt, ist sehr viel romantischer als eine Geschichte, in der beide überleben und sie sich irgendwann dafür schämt, dass er immer noch diese komischen, völlig altmodischen Hosenträger trägt. Aber ich finde, man könnte sich in Hollywood mal den wahren Beziehungsfragen zuwenden. Und es ist eine verflixt schwierige Frage: Kann man jemanden lieben, für den man sich schämt? Oder umgekehrt: Kann man sich für jemanden schämen, den man liebt? Das habe ich mich schon als Kind gefragt. Meine Mutter schämte sich so sehr für meinen Vater, dass sie oft nach Hause kam, den Kopf unter einer Decke vergrub und "Papa war wieder so peinlich!" rief. Dann hatte mein Vater sich bei einer Nachbarin, die Trauer trug, erkundigt, ob Schwarz jetzt die neue Modefarbe sei, oder eine Verkäuferin mit blau geschminkten Lippen besorgt gefragt, ob sie an einer schweren Krankheit leide. Zugegeben, ziemlich peinlich. Aber wie, fragte ich mich, konnte meine Mutter meinen Vater lieben, wenn er ihr so peinlich war? Wenn ich sie darauf ansprach, tat sie so, als hätte sie sich nie geschämt und das alles in Wirklichkeit furchtbar witzig gefunden. So etwas, schwor ich, würde mir nie passieren.

Ich beschloss deshalb, mich gar nicht erst in peinliche Männer zu verlieben. Leichter gesagt als getan, denn ich hatte die Rechnung ohne das Serotonin gemacht. Inzwischen weiß man ja, dass bei Verliebten der Serotoninspiegel auf ein ähnlich niedriges Niveau absinkt wie bei Menschen mit Zwangsstörungen. Serotonin ist ein Botenstoff. Keine Ahnung, was genau er wohin befördert, aber aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Serotonin transportiert die Wahrnehmung, dass jemand Sesamstraßensocken und -krawatten trägt, etwas zu oft "Ich sach ma" sagt, Spaghetti "Spaggis" nennt und seine zu weiten Hosen wenigstens mit einem Gürtel oben halten könnte, in unser Peinlichkeitszentrum. Falls es so was gibt. Ohne Serotonin bleibt diese Information irgendwo im Gehirn stecken. So schwant uns zwar latent, dass ein paar Dinge an dem Typen uns irgendwann mal stören könnten, diese Erkenntnis lässt sich aber bestens unterdrücken. Nachdem ich so an einige peinliche Männer geraten war, ohne es rechtzeitig zu merken, legte ich eine Checkliste an.

Zum Noch-mal-kurz- Durchgehen vor dem totalen Verlieben: Störende oder fehlende Haare? Komische Ausdrücke? Ein karnevalesker Humor? Auffällig hohe Anzahl von Emoticons in Mails und SMS? Mehr als drei Kleidungsstücke mit Comicfiguren drauf? Natürlich beantwortete ich immer alle Fragen mit "Nein". Denn für das ehrliche Durchgehen dieser Liste bräuchte man, wie gesagt, Serotonin. Das fehlte mir dann auch bei Christoph. Ich hatte mich verliebt, war meine Liste durchgegangen und hatte selbstverständlich keine Peinlichkeit entdecken können. Nichts, wirklich gar nichts an Christoph war peinlich. Ich war überglücklich. Das Glück hielt sechs Monate an. Dann stieg mein Serotoninspiegel langsam wieder, und Christoph und ich verabredeten uns für die Oper. Ich werde das Gefühl nie vergessen, das mich überkam, als ich Christoph im Foyer stehen sah – mit einer breiten orange-braun gemusterten Krawatte vor dem Bauch. Ein Siebziger-Jahre-Traum. Ähnlich wie seine Anzughose, die leider ein paar Zentimeter zu kurz war.

Oft schämt man sich ja gerade für die Eigenschaften, für die man ihn eigentlich besonders liebt.

Ich fühlte eine Mischung aus Überraschung und ungläubigem Staunen und wusste erst mal nicht, was ich davon halten sollte. Meine Gefühle pendelten sich schließlich zwischen "ziemlich cool" und "ziemlich peinlich" in der Mitte auf "wenn es ihm gefällt" ein. Als ich allerdings in der Pause in dem Mann vor uns an der Bar meinen Chef erkannte, änderte sich das schlagartig. Hätte mich in diesem Moment jemand gefragt, wie peinlich mir Christoph auf einer Skala von eins bis zehn ist, ich hätte mit "eine Million" geantwortet. Blitzschnell ging ich meine Möglichkeiten durch: Meinen Chef einfach komplett ignorieren und hinterher behaupten, ich hätte meine Brille vergessen? Schnell weglaufen, mich auf dem Damenklo einschließen und erst zwanzig Minuten nach dem Vorstellungsende wieder herauskommen? Christoph als einen entfernten Cousin vom Land ausgeben? Bevor ich mich für eine dieser Alternativen entscheiden konnte, drehte mein Chef sich zu uns um. Ich stellte ihm den Mann mit der grellen Krawatten-Hochwasserhosen-Kombi dann doch als meinen Freund vor. Christoph lächelte noch etwas ungelenk, und ich schämte mich aufrichtig.

Muss man solche Augenblicke nicht als endgültiges Aus einer Beziehung deuten? Sind Liebe und Peinlichkeit nicht eigentlich völlig inkompatible Gefühle? Müsste man nicht vorbehaltlos alles an jemandem lie-ben – und schon gar über geschmackliche Fauxpas hinwegsehen? Das ist dann auch das doppelt Gemeine an peinlichen Männern: Man schämt sich dafür, sich für sie zu schämen. Dem Gedanken "Gott, ist er wieder peinlich!" folgt direkt im Anschluss ein tiefes Gefühl von Verrat und Herzlosigkeit. Und häufen sich die Peinlichkeiten, kommt irgendwann die furchtbare Frage auf: "Liebe ich ihn etwa gar nicht?" Ich verließ Christoph an diesem Abend nicht auf der Stelle, sondern entwickelte stattdessen eine zweite Checkliste. Diese Liste bestand nur aus einem einzigen Punkt: Geht das Gefühl der Peinlichkeit weg, wenn ich mit ihm allein bin? Ein wichtiges Indiz, glauben Sie mir! Bei meinem Exfreund Frank war das nämlich nicht der Fall. Er war mir zum Schluss immer peinlich, egal ob jemand dabei war oder nicht. Selbst wenn wir völlig allein vor dem Fernseher saßen, stieg mir beim Anhören seiner semi-spaßigen Lebensweisheiten und beim Anblick der glattledernen Röhrenhosen die Schamesröte ins Gesicht. Es reichte einfach, dass ich dabei war. Ich schämte mich quasi vor mir selbst, weil ich mit Frank zusammen war, ohne ihn zu lieben. Die einzelnen Dinge, die ich peinlich fand, waren lediglich Symptome meiner fehlenden Liebe.

Das peinliche Gefühl verschwand bei Christoph, als wir wieder allein waren. Er ist einer der Männer, für die man sich nur in der Gegenwart anderer Leute schämt. Ich fand Christophs Krawatte erst wirklich peinlich, als ich sie aus der Perspektive meines Chefs betrachtete. Ich sah plötzlich nicht mehr Christoph durch meine Augen, sondern Christoph und mich durch die Augen meines Chefs. In diesem Moment kam es mir vor, als trüge ich selbst eine orange-braune Krawatte. Christoph war mir peinlich, weil er durch meine Liebe ein Teil von mir geworden ist, allerdings ein völlig unkontrollierbarer Teil, der sich nicht immer so benimmt und anzieht, wie ich es für richtig halte. Ein bisschen ist das, als würden meine Füße einfach mal beschließen, heute grüne Cowboystiefel zu tragen. Und ich könnte nichts dagegen tun. Oft schämt man sich ja gerade für die Eigenschaften, für die man den Mann eigentlich besonders liebt. Wahrscheinlich log meine Mutter nur halb, wenn sie behauptete, die Fehltritte meines Vaters lustig zu finden; vermutlich liebte sie gerade seinen weltfernen Blick auf die Welt. Und trotzdem schämte sie sich tödlich für die Situationen, die daraus entstanden. Deshalb habe ich es auch aufgegeben, meinen Männern die Peinlichkeiten abzutrainieren. Natürlich könnte ich Christoph zum nächsten Geburtstag fünf blassblaue Krawatten schenken. Wahrscheinlich wäre ich aber unglaublich enttäuscht, wenn er beim nächsten Opernbesuch dann tatsächlich damit auftauchen würde.

Text: Jana Scheerer BRIGITTE 22/2005
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen