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Liebeskolumne Oskar Holzberg über den Schlüssel zu einer gesunden Beziehung

Oskar Holzbergs Liebeskolumne: Liebespaar sitzt auf einer Bank im Wald
© pikselstock / Adobe Stock
In der Kolumne unseres Paartherapeuten Oskar Holzberg dreht sich alles um typische Liebesweisheiten und ihren Wahrheitsgehalt, er seziert Sprichwörter, Songtexte und berühmte Zitate. Diesmal: "Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches im Unähnlichen wahrzunehmen" (Theodor W. Adorno, Philosoph)

Wenn Herr P. etwas für die Beziehung tun möchte, dann lädt er seine Frau gern in ein edles Restaurant ein, in der Hoffnung, dass sie dort gemeinsam eine gute Zeit haben werden. Doch meist verhagelt es ihm die Laune schon bei der Vorspeise. Denn nicht nur die Bedienung, sondern auch Frau P. tischt auf: alles, was gerade in ihrer Ehe nicht gut läuft. Herr P. findet das unmöglich. Und schon fangen sie an zu streiten. Wieso tut sie das nur, fragt er. Wieso rastet er deswegen so aus, fragt sie. Nun: Beide möchten etwas für ihre Beziehung tun. Er, indem er das Positive unterstützen will. Sie, indem sie gemeinsam mit ihm offensichtliche Schwierigkeiten bewältigen möchte. Aber beide erleben nur frustriert ihre Unterschiedlichkeit.

Wenn Unterschiede doch nicht mehr ergänzen sondern stören

Diese Unterschiedlichkeit fällt Paaren regelmäßig wie ein Schatten auf die Harmonie der ersten Monate. Oft haben zwei recht ähnliche Menschen zueinandergefunden, und das, was unterschiedlich war, war anfangs faszinierend, weil jeder etwas hatte, was dem anderen fehlte. Aber irgendwann beginnt das Unähnliche zu irritieren. Es nervt, stört und wird schließlich feindlich. Nun kämpfen die beiden darum, wer recht hat. Wer richtig ist. Doch das ist in Beziehungen sinnlos. Weil wir dort das Gemeinsame nun einmal unterschiedlich erleben. Und meine Art, die Küche aufzuräumen oder unseren Sex zu initiieren, ist nicht besser oder schlechter als deine, nur anders.

Doch dummerweise treffen in Liebesbeziehungen immer zwei Kinder aufeinander: unsere inneren Kinder, die gelernt haben, wie Beziehung geht. Nämlich so, wie es ihnen vorgelebt wurde. Und so, wie sie sich verhalten mussten, um möglichst gut mit den Eltern klarzukommen. Kinder sind großartig. Aber für sie gibt es nur falsch oder richtig und nichts dazwischen. Im Gefühlsleben eines Paares geraten also zwei Kinder aneinander, die unbewusst zutiefst davon überzeugt sind, recht zu haben. Ja, dass es gar nicht möglich ist, etwas anders zu erleben als sie selbst.

Wir aber finden nur zueinander, wenn wir uns davon lösen. Wenn wir das Anderssein des anderen nicht bekämpfen, sondern neugierig akzeptieren und lernen, sein Verhalten aus seiner Perspektive zu verstehen. Ohne die Achtsamkeit unseres erwachsenen Ichs, ohne innerlich einen Schritt zurückzutreten und bewusst mal nicht unseren automatischen Reaktionen zu folgen, haben wir keine Chance. Wer die eigenen Vorstellungen nicht infrage stellen kann und deshalb alles in der Partnerin oder dem Partner bekämpft, was einem selbst widerspricht, der findet nicht zu seiner Liebe.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

Gemeinsamkeiten im Verschiedenen entdecken 

Dabei möchten wir alle einander erreichen und Intimität miteinander finden. Darin sind wir einander nicht nur ähnlich, darin sind wir einander gleich. Aber um das zu fühlen, müssen wir im Unähnlichen, in unserer Verschiedenheit, das Ähnliche entdecken. Wir finden es aber nicht im offensichtlichen Verhalten, sondern nur, wenn wir die dahinterstehenden Gefühle verstehen, die Wünsche und Enttäuschungen, den Schmerz und die Sehnsüchte. Bei Kindern geben wir uns diese Mühe. Die Kleinsten schreien, die Größeren weinen, die Pubertiere verschließen sich und beschimpfen uns. Aber wir finden heraus, was sie uns sagen wollen. Und es ist genau dieses mühselige Zueinanderfinden, was uns in Beziehungen vertrauen lässt. Adorno sieht darin die Fähigkeit, die Liebe ist. Ohne sie kann kein Paar (über-)leben.

Brigitte

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