"Wir haben uns auseinandergegessen" - ist das schon eine Beziehungskrise?

Kann die Liebe daran scheitern, dass zwei nicht mehr das Gleiche mögen? BRIGITTE WOMAN-Autor Stefan Schwarz jedenfalls sorgt sich um seine Ehe, seit die Frau sich lieber Salat macht, als seine Suppe zu essen.

Als ich meine Frau, kurz bevor sie es wurde, nach dem Kino fragte, ob sie bis zum Frühstück bleibe, sagte sie freundlich Nein, ergänzte aber, sie komme gern zum Frühstück wieder.

Und recht hatte sie. Was den Zeitanteil einer Lebensgemeinschaft betrifft, kann noch so üppiger Sex nicht mit einem üppigen Frühstück mithalten. Wenn meine Frau in spe also wissen wollte, ob sie es mit mir aushalten würde, musste sie einen Blick auf meinen Frühstücksteller werfen.

Sie war zufrieden. Es gab Schmelzkäse-Ecken, Leberwurst und Salami sowie Schrippen (Berlin!) und Kaffee türkisch. Wir aßen und tranken und verstanden uns so prächtig, dass wir uns danach erst mal hinlegen mussten.

Wir belauern uns kauend wie feindliche Großmächte

Das war vor zwanzig Jahren. Doch während wir uns nach wie vor gemeinsam hinlegen, haben wir uns ziemlich auseinandergegessen. Es fing mit dem Aufstrich an. Meine Frau frühstückt gern süß. Ich frühstücke gern herzhaft, um nicht zu sagen: "wie ein Thüringer beim Schlachtefest." Beides ist gleich ungesund - und so belauern wir uns kauend, bewaffnet mit Argumenten wie feindliche Großmächte mit Atomraketen: Argumente, die wir niemals einsetzen können, weil sie sofort einen Gegenschlag auslösen würden.

Ich denke: Wie kann man nur Erdbeermarmelade! Blutzuckerspiegel! Sie denkt: Wie kann man nur Rotwurst! Blutfettwerte! Die Differenz schien klein, aber ab und zu führten unbewusste Mikroaggressionen dem schläfrigen Frühstückstischdecker die Hand, und dann fehlte - je nachdem, wer zuerst aufgestanden war - Schwiegermutters Marmelade oder der Wurstteller.

Hinzu kam, dass meine Frau, sobald es unsere Mittel zuließen, einen Kaffeeautomaten ins Haus brachte, mit dem sie fauchend und dampfend gefühlte Minuten lang ihren Milchschaumhumpen füllte, in dem ein dunkler Klecks vermuten ließ, dass auch brauner Bohnensud zur Anwendung kam. Ich hingegen trinke Espresso. Klein und stark wie ich selbst. Und natürlich warte ich brav, bis meine Frau ihr Milchschaumbad eingelassen hat.

"Ich habe uns mal neues Brot gekauft"

Dann war das Brot dran. Wir kauften jahrelang bei einem soliden Mittelstandsbäcker ein solides Roggenmischbrot. Innen saftig, mit einer schön festen Kruste. Eine Krone des Bäckerhandwerks. So ein Brot, von dem selbst die unkritischsten Amerika-Begeisterten berichten, dass sie in den dortigen Supermarktreihen voll weißlich-schlabbriger Toastbrote nach ihm schmachten würden.

Doch eines Tages sagte meine Frau: "Ich habe uns mal neues Brot gekauft" und holte ein invertzuckersirupbraunes Fake-Brot aus der Tüte, das mit dem berüchtigten Vitalkörnermix bestreut und innen krümelig wie ein Kuchen war. Ein klares Zeichen, dass hier ein von vornherein untaugliches Teiggerüst im Ofen endgültig zusammengebrochen war. Um alle berechtigte Skepsis zu besänftigen, prangte jedoch ein großes "Bio"-Zeichen auf einer Bauchbinde um das Brot. Nun, gesunde Zutaten ergeben noch kein gutes Handwerk.

Schon in der Bibel wurde Brot geteilt - und zwar eine Sorte

Als ich meine Frau darauf hinwies, erklärte sie, dass sie unseres alten Brots überdrüssig geworden sei. Ich antwortete, Brot sei ein Grundnahrungsmittel, das keinem kapitalistischen Modediktat unterworfen sei. Ebenso gut könne man der Atemluft überdrüssig werden oder des Wassers.

Aber alles Reden half nichts. Meine Frau fuhr fort, dieses Scheinbrot und sogar noch andere seiner Geschwister namens "Fitnessbrot", "Müslibrot", "Weltmeisterbrot" und so weiter zu kaufen. Schrotige oder krümelige Klumpen, denen sich mein Speichel versagte, denn noch hatte ich nicht den Mut, mir ein Extrabrot zu kaufen.

Die Schwelle dahin ist nicht umsonst sehr hoch. Brot ist ja das gemeinsame Lebensmittel schlechthin. Schon in der Bibel wurde das Brot gebrochen und untereinander verteilt. Jesus hat beim berühmten Speisewunder nicht fünftausend verschiedene Brote ausgeteilt. Er hat nicht gesagt: "Hier, Miriam, hast du ein Chia-Samen-Omega-3-6-Brot! Und du, Gabriel, bekommst von mir ein Original Großmutter-Amaranth-Dinkel-Landbauernscheunenbrot!" Nein, eine Sorte. Für alle. Das ist Brot!

Es kam, wie es kommen musste. Ging ich einkaufen, gab es mein Brot. Ging meine Frau einkaufen, gab es ihr Brot. In jedem Fall gab es Genörgel: "Du weißt, dass ich das nicht mag!"

Mitten in den Brotkriegen verweigerte mir meine Frau auch noch die abendliche Suppensolidarität.

Schließlich kaufte ich doch zwei Brote. Zwei Brote sind aber eins zu viel. Wenn ich ein trockenes oder schimmliges Restbrot wegwarf, spann ich trübe Gedanken über zu individualisierte Geschmäcke. Denn mitten in den Brotkriegen verweigerte mir meine Frau auch noch die abendliche Suppensolidarität.

Meine Frau nimmt nur noch Kostproben meiner Fünfliter-Suppen

Zur Erklärung: Ich arbeite seit Langem an meiner Suppenkompetenz. Hühnersuppe, Minestrone, Kürbissuppe. Wohl nahm sie mal ein Schälchen, doch das war es dann auch.

Aber Suppen kann man nun mal nicht im Tassenformat zubereiten. Ein Kürbis ist ein Großgemüse, selbst für Zwerghühnersuppen braucht man mindestens einen Fünflitertopf. Zudem: Suppe schmeckt erst am zweiten Tag richtig. Oder am dritten. (Ich aß mal in Lissabon eine Suppe mit Schweinefleisch, die aus einem Kessel kam, der wohl seit Kolumbus’ Zeiten auf dem Feuer stand. Er sah aus wie ein brodelnder Vulkan. Das Aroma war unvergleichlich.)

Weil meine Frau nur noch Kostproben meiner Suppen nimmt, enthält unsere Kühltruhe mittlerweile gefrorene Suppenbeutel mehrerer Jahre. Ernährungshistoriker werden dereinst Tiefbohrungen aus unserem Froster nehmen, um den Körperfettanteil von Legehennen in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu bestimmen.

Ein von Frauen demonstrativ präsentierter gemeinsamer Geschmack ist für mich fast so anziehend, wie es einst figürliche Reize waren

Damit nicht genug, begann meine Frau, sich abends Salat zu machen. Wenn ich abends Salat esse, beginnen in mir Prozesse, die zuverlässig weitere soziale Kontakte verhindern. Meine Frau könnte mich anhand des Salats der Untreue überführen: "Wenn du wirklich nur zur Arbeit in diesem Tagungshotel bist, möchte ich, dass du jetzt vor meinen Augen einen Salat isst!"

Ich machte mir Gedanken, ob das bekannte Wort, man sei von Tisch und Bett getrennt, bei uns nicht wenigstens schon zur Hälfte erfüllt sei.

Ist es noch Liebe, wenn man das Essen des anderen gerade so toleriert?

Immerhin gab es unter unseren Bekannten Frauen, die meine Kürbissuppe über alle Maßen lobten, beim Brot-Angebot ohne Zögern zu meiner ehrlichen Sorte griffen und danach keinen Cappuccino-Eimer, sondern einen Espresso wollten.

So ein demonstrativ gemeinsamer Geschmack war für mich mittlerweile fast so anziehend, wie es einst figürliche Reize waren. Und las man nicht in Illustrierten, dass teuerste Escort-Damen von reisenden Geschäftsleuten oft nur gebucht wurden, um mit ihnen zu Abend zu essen?

Letzter Ausweg: Harald

Es spricht ja einiges dafür, dass Essen nicht einfach nur der Sex des Alters ist, sondern die Tagseite der Erotik. Ich ging zu Harald, der seit dreißig Jahren als Psychotherapeut arbeitet, Einzigartigkeit für Selbsttäuschung hält und bekannt ist für seinen Eröffnungssatz "Sie sagen mir Ihren Geburtsort, Ihr Alter und Ihren Beruf, und ich sage Ihnen, weswegen Sie hier sind!".

Harald steckte sich ein Zigarillo an und nebelte damit das Zimmer ein - das tut er, damit die Leute es sich nicht zu bequem machen und gleich zur Sache kommen. Als ich zu Ende geklagt hatte, sagte er: "Gut, dass du rechtzeitig um fachlichen Rat nachgesucht hast. Dein Instinkt hat dich nicht getäuscht. Auseinanderessen ist ein starkes Beziehungssignal."

Meine Frau isst, was sie will, weil sie sich bei mir wohlfühlt?

Ich rutschte erschrocken in den Sessel. "O Gott, was meinst du damit? Ist es bald aus?" Harald drückte sein Zigarillo in den Ascher und erklärte: "Früher war eure Beziehung noch zu ungefestigt, um eure Eigenheiten auszuhalten. Jetzt, wo sie gemerkt hat, dass du ihr sicher bist, nimmt sie sich alle möglichen Geschmacksfreiheiten heraus." - "Du meinst, dass meine Frau isst, was sie will, weil sie sich bei mir wohlfühlt?"

Harald machte eine seiner sehr berüchtigten unbestimmten Handbewegungen. Und genau das liebe ich an Harald. Dass er einem die Prioritäten klarmacht. Auch wenn es einem nicht immer schmeckt.

BRIGITTE Woman 12/17

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Stefan Schwarz
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