Liebe in den Zeiten von Faulgasen

... oder: Kann man jemanden lieben, der pupst? BRIGITTE.de-Autorin Kathie Kleff sorgt sich über ihre Körpergeräusche. Liebe ist zwar unermesslich. Aber verzeiht sie auch böse Gase, die in der Nacht entweichen?

Ich habe Angst vor Geräuschen. Nicht die Art von Geräuschen, die einem die Kindheit versaut haben, wie knarzende Schranktüren, Parkettböden, Fensterrahmen, nachtaktive, springende Goldfische oder Katzen, die in der Küche irgendwas umwerfen, sondern MEINE Geräusche. Ich habe Angst, Geräusche zu MACHEN. Da ich, wie 98 Prozent aller westeuropäischen Frauen, einen angeborenen Kontrollwahn habe, bedroht mich diese Angst in der Regel nicht am Tag.

Am Tag bin ich die Chefin über meine Geräusche, niemals entweicht mir ein leises, undamenhaftes Rülpsen oder Schlimmeres. Aber das Leben besteht nun mal nicht nur aus dem Tag, es ist die Dunkelheit, die mich grämt. Wie viele Stunden lag ich in den letzten 34 Jahren schon wach, neben einer neuen, frischen, aufregenden Liebschaft, die selig vor sich hin schnarcht, während ich mich nicht einmal traue, die Augen zu schließen?

Sang nicht einst der gute alte Herbert Grönemeyer über "Fangfragen", die er seiner Liebsten im Schlaf zu stellen versucht, um im Schatten der ungeschminkten Wahrheit des Schlafes endgültige Gewissheit zu erlangen, dass sie ihn nach Strich und Faden betrügt und das schon seit Jahren? Die Fangfragen sind es nicht, die mich quälen, soviel sei verraten, ich bin eine treue Seele.

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Es sind die anderen Geräusche. Ich unterteile sie in drei Gefahrenstufen:

Stufe eins: das eigene Schnarchen. In diesem Fall bin ich tatsächlich uneitel, seit ich mir habe erklären lassen, dass Schnarchen durch das Erschlaffen des Gaumenmuskels entsteht, was vor allem bei starkem Alkoholkonsum der Fall ist und ich gehe selten richtig prall ins Bett. Im Zweifelsfall übertönt das männliche Objekt der Begierde das Weibchen, weil es in der Natur des Mannes liegt, den Wettbewerb zu suchen, auch im Schlaf, er kann eben lauter.

Stufe zwei der Gefahrenzone halte ich zwar nur für mittelrealistisch, aber eben nicht ganz ausgeschlossen: Ich schlafe nämlich deshalb ungern im Auto oder im Flieger, weil ich Angst habe, mir klappt der Unterkiefer weg und das Wesen neben mir wird darauf aufmerksam, weil es sich durch die Tropfgeräusche meines Speichelflusses auf meine oder (schlimmer) SEINE Schulter gestört fühlt. Mir wurde ähnliches nie berichtet, aber ich schlafe ja auch nie im Sitzen.

Stufe 3 ist definitiv Stufe Rot. Zu spät Milch getrunken, Pilze auf der Pizza, zuviel Weißmehl, die übliche Darmtätigkeit, der Stoffwechsel muss ja irgendwann seinen Job erledigen, und schon: pfffff. Dabei ist "Pffff...." noch die fast charmante Variante. Über "Pfff...." schmunzelt sicher auch der tollste Kerl, aber mal allen Ernstes: Ich halte es für schwer vorstellbar, dass mich mein Angebeteter, für den ich am Vorabend die High-Heels und die Wahnsinnswäsche aus dem Hut gezaubert habe, mich noch halb so umwerfend findet, nachdem ich nachts neben ihm ungeniert eine ordentliche Ladung Flatulenzen in die Welt gepustet habe.

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Vom CO2-Ausstoß mal ganz zu schweigen. Klar, was helfen könnte, wäre am nächsten Morgen (und zwar, noch BEVOR er sich rausgeschlichen und ein Post it mit der Notiz "Du, ich muss überraschend für länger ins Ausland, wir mailen, ja?" hinterlassen hat) ein akribisch ausgearbeiteter, medizinischer Erklärungsversuch.

"Also, Liebling, falls Du letzte Nacht das ein oder andere Mal von platzenden Geräuschen im Schlaf gestört wurdest, dann liegt das daran, dass sich mein Magen nach den vielen Ballaststoffen gestern abend aufgebläht, dadurch bei der Verdauung ein Gemisch aus Methan, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff und diversen anderen Gär- und Faulgasen gebildet hat, wobei es leider zum Entweichen von Darmgasen kam. Supersorry, ich liebe Dich, wollen wir brunchen gehen?"

Kann man mal versuchen, muss man aber nicht. Klingt auch einleuchtend, macht es aber nicht besser. Kann man also jemanden lieben, der pupst? Kann man MICH lieben, wenn ich pupse? Hier die Antwort: neulich schlief mein Mann, den ich regelmäßig nachts mit allen mir zur Verfügung stehenden Gliedmaßen, inclusive Rumpf umwickele, was ihm einen Bandscheibenvorfall und mir ein Gefühl von Sicherheit beschert, wie fast jede Nacht tief, friedlich und schön neben mir.

Ich war noch nicht ganz eingeschlafen, als es passierte. Er pupste! Einfach so, unkontrolliert, laut, und immerhin geruchlos. Und ich? Ich hab gelächelt, ihn auf die Schläfe geküsst und gedacht: Dafür lieb' ich ihn. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass das auch umgekehrt der Fall sein könnte...

Text: Kathie Kleff
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