Warum hören wir auf zu lieben?

Was sind die Gründe für ein Liebesende? Das erforscht die Soziologin Eva Illouz. Ihre Erkenntnis: Wir bewerten den Nutzwert des anderen für uns mehr denn je.

BRIGITTE: Sie haben kürzlich eine spannende These aufgestellt: Wir erzählen dauernd Geschichten über das Entstehen von Liebe, aber so wenig über deren Schwinden. Warum ist das so?

Eva Illouz: Es ist tatsächlich erstaunlich: Unsere Kultur beschreibt in Romanen, in Gedichten und in Filmen unentwegt den Moment, an dem auf wundersame Weise die Liebe aufbricht, diesen mythischen Moment, in dem wir wissen: Jemand ist für mich geschaffen. Seltsamerweise aber schweigt unsere Kultur sich aus über den sehr viel mysteriöseren Moment: wenn die Liebe schwindet. Und es ist besonders seltsam angesichts all der Scheidungen, schlechten Ehen und zerbrochenen Beziehungen heutzutage. Noch erstaunlicher als die Tatsache, dass wir uns verlieben, ist doch die Tatsache, dass wir aufhören zu lieben. Der Mensch, der uns nachts nicht schlafen ließ vor Begierde, wegen dem wir die Stunden zählten, den wir vor den Demütigungen der Welt schützen wollten, ist der gleiche, den wir dann gleichgültig und feindselig beäugen.

Plötzlich nervt uns seine Stimme, sein Gerede, die Art, wie er den Joghurtbecher auskratzt . . .

Zum Beispiel. Zu Beginn bin ich total ich selbst und habe zudem das Gefühl, durch die - liebenden - Augen des anderen zu einer großartigeren Ausgabe meiner selbst zu werden. So sehr fühlt man sich in der Liebe gespiegelt und bewundert. Die Kehrseite der Medaille ist nur, dass die Liebe einen weniger souverän werden lässt. Weil man sich vom anderen so überwältigt fühlt. Man wird unsicher. Und oft zu Recht. Ich meine, wir sollten uns viel mehr damit auseinandersetzen, was es bedeutet, sich zu entlieben. Dafür gibt es natürlich viele Gründe. Und vielleicht reden wir nicht so viel und offen darüber, weil die Liebe nicht so plötzlich schwindet, wie sie kommt.

Sondern? Sie schleicht sich davon?

Sich zu entlieben kann ein sehr herausfordernder Prozess sein. Denn es kommt dann andauernd zu Situationen, in denen ich merke: Der andere genügt meinen Ansprüchen nicht mehr. Das ist nicht schön. Und gleichzeitig klagt er auch immer öfter, stillschweigend oder lauthals: "Warum bist du so abwesend? Warum nimmst du nicht teil an dem, was mich ausmacht und interessiert?" Vorbei ist es dann, wenn der eine nicht mehr versucht, diese Frage zu beantworten. Und der andere darum zu kämpfen beginnt, dass sein Selbstbild in der Beziehung bestätigt wird.

Die Liebe geht, weil es dem anderen nicht mehr gelingt, mir mein Selbstbild zu bestätigen?

Ja, weil ich so im Angesicht des Gegenübers zu jemandem werde, der ich nicht sein möchte oder den ich nicht genug mag. Denn der Partner soll uns in Bezug auf uns selbst und die Welt bestätigen. In den Anfängen der Liebe ist das ja so: Da fühlt man sich vom anderen erkannt - so wie man sich selbst sehen möchte. So soll es immer bleiben.

Aber ist es nicht unreif, wenn eine Beziehung keine Kritik verträgt?

Es ist sehr modern. Wir wollen in unseren Beziehungen intim sein, uns vollkommen hingeben. Gleichzeitig aber laufen wir Gefahr, demjenigen, dem wir uns zu erkennen gegeben haben, nicht zu genügen. Da entsteht eine Spannung, und die versuchen wir aufzulösen, indem wir reden und verhandeln. Und diese Auseinandersetzungen sind wirklich sehr anstrengend.

Und desillusionieren total.

Oftmals, ja. Dazu kommt, dass die Liebe schwindet, wenn ich merke, dass mein Charakter bewertet wird. Schattenseiten oder "Fehler" werden meistens nicht einfach nur wahrgenommen und liebevoll beschmunzelt. Nein, in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft werden wir andauernd bewertet, und wir machen mit. Bin ich schön genug? Bin ich fit genug? Bin ich gut genug? Wir befinden uns permanent in Konkurrenz. Eine Zeit lang wiegen wir uns in der Liebesbeziehung in Sicherheit: Wir werden geliebt, wie wir sind oder uns vorstellen zu sein. Doch es gibt eine Gefahr, die kommt von außen, und die ist ganz real. Denn wir konkurrieren nicht um Ideale, sondern mit ganz realen Personen. Die uns ersetzen könnten. Weil wir in einer Gesellschaft leben, die es erlaubt, uns zu trennen und einen anderen Partner zu nehmen. Und der Markt potenzieller Partner und Lebensformen ist groß.

Der Partner und auch meine Gefühle zu ihm werden im Endeffekt nach Angebot und Nachfrage geregelt?

Beim Schwinden der Liebe schon. Da brechen die Werte und Regeln der Außenwelt in die Beziehung ein, und der Mensch wird auf seinen Nutzen reduziert. Denn wenn meine Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden, brauche ich den anderen nicht mehr und habe die Freiheit und die Möglichkeit, zum Nächsten zu ziehen. Und da "mein Glück" zu versuchen mit jemandem, der meinen Bedürfnissen besser entspricht. Liebe schwindet also dann, wenn offenbar wird, wie schwierig es ist, ein Gefühl von Einzigartigkeit zu schaffen. Das Gefühl von Einzigartigkeit, das man braucht, um jemanden weiterhin zu lieben.

Aber reife Liebe kommt doch ohne diese Ansprüche aus, da kennt man sich selbst besser und ist gelassener.

Ich glaube nicht, dass man sich selbst kennen muss, um jemanden zu lieben. Natürlich hilft das, aber es ist keine Voraussetzung. Es geht vielmehr um die Hierarchie meiner Bedürfnisse, denen der andere genügen soll: Ist er intellektuell genug? Legt er genau so viel oder wenig Wert auf Sex? Macht das Leben mit ihm genug Spaß? Ich glaube, Liebe hängt viel mehr vom Charakter und von der Moral eines Menschen ab als von der Selbstkenntnis. Aber ich bin Soziologin, ich analysiere die Gesellschaft und gebe keine Ratschläge, wie man ein besserer Mensch oder Liebender wird.

Liebe ist dem Glauben ähnlich

Bedeutet das, unsere Gesellschaft bringt die Liebe zum Erliegen?

Sagen wir es so: Es ist die Gesellschaft der Moderne, die beim Einzelnen ein permanentes Defizit an Selbstwertgefühl und Anerkennung erzeugt. Leider macht sich jeder Einzelne dann dauernd Gedanken darüber, ob und was er falsch macht: Why don't you love me any more? Weil ich nicht mehr genüge? Aber das liegt weniger am Einzelnen als daran, dass wir uns dauernd vergleichen und vergleichen lassen müssen. Weil wir uns dauernd in Konkurrenz befinden und unser Wert bemessen wird.

Es gibt keine Ausnahme?

Natürlich gibt es Bevorzugte. Angelina Jolie muss vielleicht etwas weniger Angst haben, nicht als die Schönste und Tollste zu gelten. Aber auch sie wird irgendwann von einer jüngeren Schauspielerin ersetzt werden. Eine 50 oder 60 Jahre alte Frau wird eben bedroht durch die Schönheit einer Jüngeren; ein kluger Kerl wird bedroht durch die Intelligenz eines anderen; ein wohlhabender durch einen, der noch mehr hat. So läuft das. Auf der Beziehung lasten hohe Erwartungen. Sie soll die ewige Kuschelzone bleiben. Aber wehe, die Bilder driften auseinander.

Man könnte doch auch sagen: Du bist einzigartig für mich, weil du als Mensch einzigartig bist.

Wir alle sind viel weniger einzigartig, als wir denken.

Aber unsere gemeinsam gelebte Zeit ist doch einzigartig. Und auf diesem Bewusstsein, gemeinsam etwas geschaffen zu haben - ob das Kinder sind, ein Garten, Reisen oder Arbeiten -, könnte man aufbauen und sagen: Da finde ich gerade einen cooler als dich, von dem koste ich jetzt mal. Aber das mindert nicht die Erfahrungen, die Geschichte, die wir gemeinsam haben. Und deswegen bleiben wir ein Paar, egal, in welcher Form. Oder ist das altmodisch gedacht?

Dass Sie jemanden "gerade cooler" finden, das ist sehr zeitgemäß. Im 19. Jahrhundert liebte man den Menschen, der einem Idealbild am ähnlichsten kam: den Gentleman oder die sittsame Dame. Heute stehen wir auf Personen, die bizarr sind, kurios, exaltiert, verrückt, exzentrisch, cool. Denn in diesen Eigenschaften manifestiert sich das Selbst am ehesten. Es gibt also viele Quellen, die einen scheinbar einzigartig machen.

Okay, aber was ist mit der gemeinsamen Geschichte? Ich habe mich entschieden, meinen Partner zu lieben. Egal, in welcher Funktion: als Ehemann, Sexualpartner, Vater oder Freund. Auch wenn er manchmal nervt, nicht genügt, weniger cool ist als andere. Trotzdem.

In einer Beziehung sollte man möglichst eine eigene Mythologie entwickeln. Damit meine ich die Geschichte der Liebe, die sich ein Paar erzählt, vom Anfang, seinen gemeinsamen Erfahrungen, seiner Moral. Nach dieser Mythologie kann man leben - wie auch Kulturen sich Geschichten zu ihrer eigenen Selbstvergewisserung erzählen. Und ja, anders als die meisten Menschen finde auch ich: Man muss sich eben nicht der Realität anpassen - sondern man muss auf der Fähigkeit beharren, die eigene Liebesgeschichte weiterzuerzählen. Die gute Geschichte zwischen zwei Menschen. Daran muss man glauben.

Warum fällt uns das oft so schwer?

Liebe ist religiösem Glauben ähnlich: Jemanden zu lieben heißt, an etwas zu glauben, was er repräsentiert. Ich liebe, solange ich daran glaube, dass diese Person etwas darstellt, was mir wichtig ist: ihre Güte, ihre Integrität oder ihre Liebe. Irgendwann hören die Menschen auf, an diese spezifische Liebesgeschichte zu glauben, und denken: Ich glaub nicht mehr daran, dass du dieser großartige Mensch bist, besser als all die anderen; ich glaub nicht mehr, dass unsere Geschichte einzigartig ist; ich seh überall Leute mit besseren Geschichten. Sich zu entlieben heißt, aufzuhören, an den zu glauben, der Geliebter sein wollte.

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