Liebesgeschichte: Mein schöner Mann

Gewichtsprobleme, Stress im Job, eventuell beides? Kinkerlitzchen! Richtig hart wird das Leben für eine Frau, wenn der Typ an ihrer Seite besser aussieht als sie.

Der Ort unserer ersten Begegnung war banal. Ich traf den schönsten Mann der Welt auf einem schnöden Balkon. Wir waren die einzigen Raucher auf der Party. Er gab mir Feuer, lachte mich an und schaute dabei sagenhaft gut aus. Nicht bloß interessant oder männlich, was ja in der Regel die beiden einzigen Adjektive sind, mit denen man als Frau die Männer an seiner Seite beschreibt. Nein, dieser hier war schön. Richtig schön. Und hielt, was er optisch versprach, sogar, als er anfing zu reden. Der Mann hieß Tom, und er hatte mich sofort in der Hand. Was zum einen an seinem albernen Witz lag ("Gute Luft da drinnen!") und daran, wie er mit perfekt geschwungenen Lippen an seiner Zigarette zog. Jedenfalls wünschte ich mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als diese Zigarette zu sein.

Mein zweiter Gedanke war: "Das ist er. Das ist der Mann, mit dem du noch mit 80 auf dem Balkon stehen und rauchen wirst. Aber selbst dann wird er immer noch besser aussehen als du, also vergiss es." Trotzdem unterhielten wir uns bis in den frühen Morgen prächtig. Denn wenn ich schon nicht so schön war wie er, bemühte ich mich wenigstens, wahnsinnig erhellende und komische Dinge zu sagen. Ablenken war die Devise. Von meiner zu großen Nase und dem schiefen Vorderzahn, den Rest verbarg das gnädige Dunkel der Nacht. Man durfte auf der Party zwar nicht rauchen, aber viel trinken - auch das half.

ICH wusste genau, was alle dachten: "Innere Werte hin oder her, aber was will er mit der?"

Für wenige Stunden fühlte ich mich glamourös wie Cate Blanchett und verstand, warum es so aufregend ist, mit schönen Menschen zusammen zu sein: Ihr Schein lässt einen selbst ein wenig mitleuchten - das bildet man sich zumindest ein. Als sich Tom ein paar Tage später bei mir meldete, um sich mit mir zu treffen, sauste mein ungläubiges Herz bis in den großen Zeh und wieder zurück. Wie kam er denn auf diese Idee? Er hatte zwar an jenem Abend nach meiner Telefonnummer gefragt, aber das hatte ich bei einem Mann seiner Liga als unbewusste Routineabfrage verstanden. Mit derselben Leidenschaft betrieben, wie ich morgens mein Passwort in den Computer eingebe. Doch Tom wollte mich tatsächlich ausführen. Nüchtern, bei vollem Bewusstsein und an einem hellen Sommerabend. Komplett überfordert, natürlich jedoch äußerst geschmeichelt, sagte ich zu.

Schon vor dem Dessert mochte ich nichts mehr essen, dafür konnte ich mich an meinem Begleiter nicht satt sehen: Die grünen Augen, mit denen er einen verwegen und zärtlich zugleich anschauen konnte. Seine Haut, die aussah, als würde jeden Tag die Sonne scheinen. Der Nacken, wie fürs Küssen gemacht. So sehr ich auch suchte, an Tom gab es keine Stelle, die nicht schön war. Mein harmloses Vorabendgesicht strahlte voller Glück, obwohl mir an diesem Abend nichts geschenkt wurde: Die langbeinige Kellnerin machte den Anfang und brauchte gefühlte drei Minuten, um Toms Chianti einzuschenken. Bei meinem Weißwein erledigte sie das in knapp fünf Sekunden. Und der Taxifahrer am Ende fragte höflich, wo er denn meinen Bruder absetzen solle. Egal. Ich war längst verloren - außerdem sollte man nie die Kraft der Liebe unterschätzen, wenn es darum geht, Dinge zu verdrängen. Das Gefühl in meinem Bauch war mir zu kostbar, ich wollte mich nicht so schnell davon verabschieden: Hier war der schönste Mann der Welt! An meiner Seite! Und alle sollten es sehen.

Taten sie in den nächsten Wochen auch in aller Ausführlichkeit und fragten sich dabei mehr oder minder diskret: "Innere Werte hin oder her, aber was will er denn mit der?!" Mein anfänglicher Trophäenritt wandelte sich zur Leidenstour. Wenn wir ausgingen, begann ich mehr und mehr, mich für meine Mitmenschen aufzulösen: Nach der ersten ungläubigen Irritation verschwamm ich für sie einfach mit der Umgebung. Karton vor Karton sozusagen. Zu einer Party wurde ich erst zugelassen, nachdem man Tom an die Tür holte, der bestätigte, dass ich tatsächlich seine Freundin sei. Und als selbst Männer anfingen, Tom anzuflirten, sobald wir uns zu einem Milchkaffee niederließen, war ich endgültig ein gesichtsloses Neutrum geworden.

Immerhin: Mit Tom an der Seite bekamen wir immer und überall einen Tisch, egal, wer reserviert hatte oder wie angesagt das Restaurant war. Schöne Menschen werden für intelligenter gehalten, und sie bekommen leichter einen Job. Auch ich lächle nur die Babys meiner Freundinnen an, wenn sie wirklich hübsch sind. Warum sich also ärgern? Die Leute zeigten ein ganz normales Verhalten, das bestimmt auch irgendwie evolutionstechnisch begründbar war. Ich fühlte mich trotzdem mies. Ziemlich bald hatte ich nur noch wenig Lust, mit meinem Freund die Bars, Cafés oder Restaurants der Stadt zu besuchen. Das Gefühl, von verbotenen Früchten zu naschen, begleitete mich nach kurzer Zeit auch, wenn wir allein waren. Eigentlich hatte ich nie ein Problem damit gehabt, ungeschminkt mit den Männern meiner Wahl beim Frühstück zu sitzen. Bei Tom stand ich aber auf einmal extra früher auf, um mich mit getuschten Wimpern wieder ins Bett zu legen. Total bescheuert. Wäre Tom nur schön gewesen und nicht auch charmant, klug und witzig - ich hätte mir das nicht weiter angetan.

Und der schönste Mann der Welt? Bemerkte nichts von alledem. Seine Welt war schließlich weiterhin perfekt. Meine dagegen mutierte zu einem schwarzen Loch, das mich in Lichtgeschwindigkeit heruntersog: "Schau dich doch an. Deine Kleidergröße 38/40, dein dünnes Haar. Das schiefe Lächeln. Du bist ihn nicht wert." So klein und hässlich fand ich mich seit Beginn der Pubertät nicht mehr. Ich fühlte mich beschissen. 15 Jahre habe ich daran gearbeitet, mich im Spiegel anlächeln zu können, ohne das Ganze für einen Witz zu halten. Jetzt stand ich wieder am Anfang.

Operative Maßnahmen kamen weder aus finanziellen noch aus moralischen Gründen in Frage. Meine Mutter ist in den Siebzigern für die Frauenbewegung auf die Straße gegangen - das konnte ich ihr nicht antun. Mich trennen, weil andere meinten, ich hätte diese Liebe nicht verdient? Nicht wirklich eine Option. Am Ende war es ganz simpel. Ich hörte eines Tages einfach auf, mich für mein Glück zu schämen. Tom und ich warteten an einer Ampel. Neben uns eine Gruppe pubertierender Mädchen. Alpha-Girls, keck genug, um mit dem Mann an meiner Seite Kontakt aufzunehmen und dabei durch mich hindurchzusehen. Das Ende der öffentlichen Demütigungen war damit erreicht. Ich atmetet tief durch und beschloss, ab jetzt auf den Rest der Welt mit Verständnis zu reagieren. An guten Tagen sagte ich mir: "Die Menschen können nichts dafür, Schönheit zieht jeden in den Bann." An weniger guten nahm ich mir die These kluger Psychologen zu Herzen: Neid ist nichts anderes als ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Und überhaupt, nichts ist, wie es scheint. Tom schnarcht, hat zwei Kronen und stottert manchmal. Aber das weiß eben nur ich.

BRIGITTE Heft 24/2007 Text: Pia Blum Illustrationen: Blagovesta Bakardjieva/Caroline Seidler Foto: access/Siebmann/Knauer

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