Liebeskummer - hört das denn nie auf?

Irgendwann ist man durch mit dem Herzschmerz, mit den durchweinten Nächten ... Leider ein Irrtum! Liebeskummer trifft uns auch in den späten Jahren - manchmal mit voller Wucht. 

Das Schlimmste sind die Nächte. Manchmal sagt Gisela Fechner*, 70, hält sie sich so lange wach, bis sie irgendwann vor Müdigkeit ihre Augen nur noch mit größter Anstrengung offen halten kann - in der Hoffnung, in diesem Zustand ganz schnell einzuschlafen. Doch meistens klappt es nicht. Denn kommt ihr Körper erst mal zur Ruhe, beginnt auch schon das Gedankenrasen im Kopf: Wo ist Paul*? Wie geht es ihm? Was macht er gerade? Denkt er noch an mich? Kann er meine stumme Sehnsucht nach einem Zeichen von ihm nicht spüren, so wie er es früher immer zu tun schien? Und mir dann vom anderen Ende Deutschlands aus eine liebe SMS auf ihr Telefon schicken? Es gab eine Zeit, da kamen solche Nachrichten mehrfach pro Nacht.

Liebeskummer - ein Gefühl, das kein Alter kennt

"Ich weiß, dass viele Leute denken, Liebeskummer sei eine Teenagersache", erklärt Gisela, "aber das stimmt nicht. Ich würde sogar sagen, er ist im Alter noch schmerzhafter. Weil ich heute viel dünnhäutiger bin als mit fünfzehn, mit fünfundzwanzig oder fünfunddreißig Jahren. Ich empfinde alles sehr viel intensiver. Aber vor allem ist da immer diese eine Frage im Hinterkopf: Habe ich überhaupt die Chance, vor meinem Tod noch einmal einer großen Liebe zu begegnen? Oder war es das jetzt?"

Tatsächlich geht es so wie Gisela vielen älteren Frauen und Männern. "Über 60 Jahre und trotzdem Liebeskummer“ übertitelt eine Nutzerin beispielsweise ihren Beitrag in einem großen Liebeskummer-Onlineforum und erzählt: "Ich leide sehr, weiß, dass ich ihn nicht ändern kann, und trotzdem habe ich immer noch Hoffnung. Wie ihr sehen könnt, ist der Kummer selbst in diesem Alter noch möglich."

Verlieben auf neuen Wegen 

Das Partnerportal Parship gibt auf seiner Website an, ein Viertel seiner Nutzer seien über 50 Jahre alt. Und allein auf der Seite "50 plus-Treff" sind nach Auskunft des Betreibers über 420 000 Senioren aktiv – mit allem, was zum Verlieben und Entlieben eben leider dazugehört.

Gisela lernte Paul vor vier Jahren während einer Kur kennen. Die ehemalige Mitarbeiterin einer Anwaltskanzlei aus dem Bergischen Land hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben schon mehrere Male verliebt, hatte einige feste Partnerschaften, war einmal verheiratet.
Doch das, was sich zwischen ihr und Paul binnen weniger Monate entwickelte, war für Gisela vollkommen neu: "Es war das erste Mal so, als hätte ich endlich den einen Mann gefunden, mit dem wirklich alles passt. Wir konnten wahnsinnig gut reden und lachen, hatten die gleichen Interessen, denselben Lebensrhythmus. Mit Paul war mir niemals auch nur eine Minute langweilig." 

"Und der Sex war wundervoll, der beste, den ich je hatte. Mit fast siebzig, unfassbar! Ich war im siebten Himmel und wollte da nie mehr weg."

Doch Paul war verheiratet. Und auch wenn er Gisela ernsthafte Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft machte, ihr einen Ring schenkte und beim Besuch einer kleinen Kapelle das Versprechen gab, für immer zusammenzubleiben, fiel ihm die Trennung von seiner Frau schwer: Zwar sei die Ehe längst nur noch eine Wohngemeinschaft, aber da seien ja die gemeinsamen Kinder, das Haus und die gesundheitlichen Probleme seiner Frau. Paul bat Gisela um Geduld.

Ein Liebes-Abenteuer mit allem, was dazu gehört

"Wir sind dann öfter zusammen verreist, waren mal zehn Tage hier, mal eine Woche dort, haben Musikfestivals besucht, Städte besichtigt, uns viel unterhalten und viel zusammen gelacht, vor allem haben wir uns viel geliebt", erzählt Gisela. "Die gemeinsamen Tage waren immer wunderschön, und ich war jeden Morgen glücklich, wenn ich neben Paul aufwachte." Weil er schöne Wäsche liebte, zwackte sie von ihrer Rente etwas ab und kaufte ein paar richtig schicke Teile. "Einmal, als wir gerade wundervolle Tage in Frankreich verbrachten, habe ich ganz spontan zu ihm gesagt: ,Komm, lass uns einfach hierbleiben und dann später in Ruhe alles zu Hause regeln! Worauf sollen wir warten?‘ Ich glaube, er hätte es gern gemacht. Aber am Ende siegte die Vernunft."

Trauer und Liebeskummer - nicht gleichzusetzen!

Liebeskummer im Alter? Ein Thema, das in der Öffentlichkeit kaum existiert. Schmetterlinge im Bauch mit über 60? Gibt’s doch gar nicht, denken die Jüngeren. Sicher trauern ältere Frauen und Männer, weil ihr Partner verstirbt. Aber trauern um eine gescheiterte Liebe? Wohl kaum. "Der Tod eines Partners ist sehr, sehr schlimm", findet auch Gisela. "Aber wenn man plötzlich wieder alleine ist und sich so verraten fühlt, ist das auch schrecklich." "Der große Verrat" ist dann auch die Überschrift, die Gisela ihrer Geschichte mit Paul im Rückblick heute gibt. Doch wenn sie das sagt, wirkt sie gar nicht wütend, sondern lediglich tieftraurig.

"Irgendwann konnte ich dieses ewige Hin und Her und die ganze Heimlichkeit nicht mehr aushalten"

"Es war unfair, sowohl seiner Frau als auch mir gegenüber." Bei Pauls nächstem Besuch machte sie ihm klar, dass sie so nicht länger leben wolle. Sie bat ihn, "endlich für klare Verhältnisse zu sorgen" und ganz zu ihr zu kommen. "Ich war mir sicher, dass er das machen würde. Ich hatte ja sein Versprechen. Dass er es nicht halten würde, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft." Er werde überlegen, wie er alles regeln könne, sagte Paul beim Abschied.

Verraten, alleine und unglaublich verletzt

Das war das letzte Mal, dass Gisela ihn sah. Denn plötzlich reagierte er nicht mehr auf Nachrichten, tauchte vollkommen ab. Nach Wochen des Bangens nahm Gisela schließlich all ihren Mut zusammen und schickte per Post einen langen Brief zu ihm nach Hause. Als auch darauf keine Reaktion kam, sendete sie eine letzte SMS: "Hast Du meinen Brief erhalten?" Diesmal kam eine Antwort:
"Nein, ich bin ausgezogen und wohne schon 100 Tage nicht mehr zu Hause, erst nächste Woche fahre ich dorthin. Habe jemand Neues kennengelernt. Du wolltest ja nicht mehr."

Pauls lapidare Worte trafen wie ein Stich in Giselas Herz. Sie lag drei Tage unbeweglich auf der Couch, ohne zu essen oder zu trinken. 

Ihre Freundinnen und auch ihre erwachsenen Kinder wollen nach fast zwei Jahren nichts mehr von Giselas Liebeskummer hören. "Mein Kopf hat natürlich längst verstanden, dass es an der Zeit ist loszulassen. Aber mein Herz nicht. Das, was ich mit Paul erlebte, war einzigartig. Er gab mir das Gefühl, begehrt zu werden, trotz meines Alters. Und weckte eine leidenschaftliche, verrückte, lebendige Seite in mir."

Es ist niemals zu spät!

Auf ihre Begegnung mit Paul würde Gisela trotz des Kummers nicht verzichten wollen. "Allen Frauen, die meine Geschichte lesen, möchte ich sagen: Gebt den Glauben an die große Liebe nie auf, egal wie alt ihr seid! Lasst euch nicht einreden, dass es das in unserem Alter nicht mehr gibt. Ich bin von Wolke sieben abgestürzt. Das heißt nicht, dass euch das Gleiche passiert."  

* Name geändert

Brigitte MOM 02/2018

Wer hier schreibt:

Elena Sohn
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