Beziehung auf Distanz: Warum wir lieber nicht zusammenleben

Früher war klar: Man heiratete, zog zusammen und bekam Kinder. Heute entscheiden sich immer mehr Paare dafür, getrennt zu leben. Und genießen Freiraum und Autonomie. "Living Apart Together (LAT)" heißt das Lebensmodell, das besonders in den Städten immer beliebter wird.

"Wir wissen, dass wir uns einen Luxus leisten"

"Wir wissen, dass wir uns einen Luxus leisten", sagt Andrea, "aber das ist es uns wert. Die Kombination aus Stadt und Land finden wir super." Die 37-Jährige lebt in einer kleinen Altbauwohnung mitten in Hamburg, ihr Freund Achim 45 Kilometer südlich der Hansestadt. Die beiden werden im Sommer heiraten, und auch dann steht fest: Er bleibt in seinem Dorf, Andrea in der Stadt.

Trotz Eheversprechen werden sie sich wie bisher nur zwei, drei Mal in der Woche sehen und die Wochenenden gemeinsam verbingen - meist bei ihm auf dem Land, weil beide leidenschaftlich gern Radfahren. Dass sie mit ihrem unkonventionellen Liebesleben auch auf Unverständnis stoßen, ist ihnen egal.

Das Beste aus zwei Welten

Dabei sind Andrea und Achim längst nicht mehr die große Ausnahme. Fast jedes sechste Paar in Deutschland leistet sich inzwischen zwei Wohnungen, rechnet Psychologe Birk Hagemeyer vor, der sich dem Thema im Rahmen eines DFG-Projekts gewidmet hat. Und zwar nicht mehr nur als vorübergehende Wohnform vor der Familiengründung, sondern als dauerhafte Alternative - besonders beliebt bei Paaren jenseits der 40, die die Kinderfrage abgeschlossen haben. Sie entscheiden sich nicht für getrennte Wohnungen, weil die Jobs es erfordern oder die Kinder aus früheren Partnerschaften. Sie entscheiden sich dafür, weil es für sie die ideale Lebensform ist, die das Beste aus zwei Welten vereint.

"Living Apart Together (LAT)", also "getrennt zusammen leben", ist ein Trend, der gar nicht so neu ist wie er scheint: 1978 wurde der Begriff erstmals verwendet. Schon Woody Allen und Mia Farrow, Frida Kahlo und Diego Riviera, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben "LAT" praktiziert und sich trotz fester Beziehung für zwei Adressen entschieden. Was früher höchstens in Künstler- und Intellektuellenzirkeln akzeptabel war, ist zunehmend auch bei bürgerlichen Paaren eine willkommene Lebensform.

Beziehungskiller Alltag?

Wer getrennt lebt, vermeidet das zermürbende Kleinklein des Alltags und lebt Beziehung bewusster. Man genießt die Schokoladenseiten des anderen, so wie es sonst nur bei einer Affäre möglich ist: Man verabredet sich, freut sich auf die Treffen, gibt sich ein klein wenig Mühe für den anderen, und kann morgens auch mal alleine aufwachen, wenn einem nach viel Platz im Bett, einem guten Buch und ganz viel Ruhe zumute ist.

Das schätzt Catherine (29) ganz besonders an ihrer Wohnung, die sie trotz vierjähriger Beziehung behalten hat: "Es ist schön, sonntagmorgens neben jemandem aufzuwachen. Aber manchmal ist es noch schöner, alleine aufzuwachen."

Für Anke (41) ist der Grund fürs Getrenntleben dann auch nicht so sehr die Vielfalt, die zwei Wohnorte mit sich bringen. Es ist die Angst vor dem gemeinsamen Alltag. Zwar genießt sie zu Hause in Berlin das große Kulturangebot und bei ihrem Freund Uwe in Rostock (46) den Ostseestrand vor der Tür. Doch sie war 15 Jahre lang verheiratet und hat erlebt, "wie schnell die Liebe im Alltag auf der Strecke bleiben kann." Heute macht sie mit Uwe aus jedem Wochenende ein Fest: "Wir freuen uns die ganze Woche aufeinander, selbst das gemeinsame Einkaufen am Wochenende macht Spaß!"

"Living Apart Together" - ein Kompromiss aus Singleleben und Partnerschaft

Ob ein Paar mit ein oder zwei Wohnungen besser klar kommt, ist eine Frage der persönlichen Präferenzen: Der eine legt Wert auf Leidenschaft und Abwechslung in der Beziehung, dem anderen sind Vertrautheit, Kameradschaft und Unterstützung wichtiger.

Doch jeder sollte das passende Modell für sich finden. "In Beratungen sehe ich häufig, was es für Menschen bedeutet, wenn sie sich aufgrund von Konventionen gezwungen fühlen, in einer Wohnung - womöglich ohne Rückzugsbereiche - zusammenzuleben. Hier ist die Krise vorprogrammiert", erzählt die Berliner Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Berit Brockhausen.

Diplom-Psychologin Heike Kaiser-Kehl vermutet, dass das Lebensmodell "LAT" deshalb immer attraktiver wird, weil die Beziehungsängste in unserer Gesellschaft zunehmen. Während unsere Eltern am Ehegatten noch so selbstverständlich festhielten wie an der Eichenschrankwand, werden Partner heute häufiger gewechselt - so wie das IKEA-Möbel.

"Beziehungen sind konsumorientierter geworden: 'Der gefällt mir nicht mehr, da muss was Neues her', heißt es heute schneller." Viele Menschen haben daher schon mehrfach die Erfahrung gemacht, fallen gelassen zu werden. Das schürt die Beziehungsangst.

Wie alles hat auch das Getrenntleben einen Preis

Hat das Getrenntleben auch Nachteile? "Ich glaube schon, dass Nähe auf der Strecke bleibt", sagt Karina (44), die sich mit ihrem Freund Friedrich (50) in Wasserburg eine Wohnung teilt. Denn der Alltag ist auch Kitt, der morgendliche Abschiedskuss gibt Geborgenheit und Sicherheit. Trotzdem überlegen die beiden, ob sie wieder auseinanderziehen. Bevor sie sich vor vier Jahren kennenlernten, hat jeder lange allein gelebt. Jetzt stellen sie fest: Jeder braucht viel Raum für sich, jeder ist es  gewohnt, eine eigene Wohnung zu haben.

Wer den Verdacht hegt, dass LAT-Beziehungen unverbindlicher und instabiler sind als herkömmliche Beziehungen, liegt nicht ganz falsch. Tatsächlich trennen sich LAT-Paare häufiger als gemeinsam lebende Paare - das hat eine DIW-Studie gezeigt.

50 Prozent dieser Beziehungen zerbrechen innerhalb von sechs Jahren.

Trotzdem berichten Partner mit zwei Wohnungen über die gleiche Lebenszufriedenheit wie Partner, die Bett und Tisch teilen. Anders gesagt: LAT-Paare entscheiden sich häufiger für eine Trennung - und das ist auch gut so. "Je unabhängiger Partner voneinander sind, desto leichter fällt diese Entscheidung, weil jeder weiß: 'Ich schaff's auch alleine,'" sagt Heike Kaiser-Kehl. "Oft kommen Frauen mit Trennungswünschen zu mir, die klagen: 'Aber wir haben doch das Haus und die Kinder - ich weiß gar nicht, wie ich allein zurechtkommen soll.'" Getrennt lebende Partner haben außerdem häufiger ein eigenes soziales Umfeld, das sie in Krisensituationen trägt.

Getrennt lebende Partner sind eigenständiger

Paartherapeut Friedhelm Schwiderski sieht das ähnlich: Bei zusammenlebenden Paaren bilde sich im Laufe der Zeit unweigerlich eine Aufgabenteilung heraus, getrennt lebende Paare dagegen üben sich in Eigenständigkeit: "Jeder hält sich die Möglichkeit offen, das eigene Leben weiterzuleben." Da fällt ein Abschied natürlich leichter.

Wie Andrea und Achim betonen viele LAT-Paare, dass zwei Wohnungen ein ungeheurer Luxus sind. Heißt das im Umkehrschluss, dass viele Paare auch deshalb zusammenleben, weil sich im gemeinsamen Haushalt viel Geld sparen lässt? Für Tinka (40) und Olli (43) jedenfalls spielt der Faktor Geld eine Rolle: "Zwei Wohnungen im gleichen Haus wären für uns die perfekte Lösung, aber das ist finanziell nicht drin." Die beiden sind froh, dass jeder wenigstens ein eigenes Zimmer in der gemeinsamen Wohnung hat. So kann jeder Freunde einladen, ohne dass der andere automatisch dabei sitzen muss. Und abends im Bett noch lesen oder fernsehen, wenn der andere schon schläft.

Carsten (42) und Dorit (46) leben Tinkas Traum oder, wie der Hamburger es nennt, "eine Wochenendbeziehung im gleichen Haus". Carsten wohnt ein Stockwerk über Dorit. In den 17 Jahren gemeinsamer Beziehung haben sich die beiden noch nie eine Wohnung geteilt, obwohl seine groß genug wäre für zwei.

Aber da ist seine Dachterrasse und ihr Wintergarten, die sie nicht aufgeben möchten. Und der unterschiedliche Lebensrhythmus. Der Kinotechniker arbeitet oft bis Mitternacht, Lehrerin Dorit muss um 6.30 Uhr aufstehen. "Es wäre total nervig für sie, wenn ich nachts bei ihr reinpoltern würde. Ich höre auch gern mal laute Musik, und meine Wohnung ist ziemlich vollgestellt, mit Projektoren und anderem Kino-Equipment. Da ist es gut, wenn jeder die Tür zumachen kann."

Kommt die Beziehung hinter verschlossenen Türen nicht zu kurz? "Nein", sagt Carsten. Überhaupt nicht? "Nein. Für uns ist das ideal."

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