Lügen in der Liebe

Der Partner muss ja nicht alles wissen, meinen Sie? Selbst die kleinste Lüge kann ein hochexplosives Gefühls-Chaos erzeugen und eine Beziehung zu Bruch gehen lassen.

Drei Monate hat Steffen den kleinen Philipp für seinen Sohn gehalten, als er erfährt, dass er gar nicht der Vater ist. Sabine hat ihn während einer Tagung betrogen. Eine Affäre, zwei Nächte. Nichts ernsthaftes. Den Seitensprung zu verheimlichen hätte niemandem geschadet, findet Sabine. Absolute Transparenz muss aus ihrer Sicht in der Liebe nicht sein.Die Ansicht teilen fast alle Psychologen - wobei es kein Rezept gibt, wo die Grenze verläuft. Grundsätzlich gilt: Wenn die Lüge die Beziehung oder einen der Partner belastet, dann sollte die Wahrheit auf den Tisch. Sabine fühlt sich belastet, sehr sogar. Denn sie ist nach der Tagung schwanger. Und das, nachdem sie und Steffen jeden Klimmzug gemacht haben, um ein Kind zu bekommen. Sabine nimmt sich fest vor, Steffen die Wahrheit zu sagen. Aber der richtige Moment will einfach nicht kommen. Weil es für richtig scheußliche Gespräche nie den richtigen Moment gibt.

Ewige Liebe kann halten: Forscher enthüllen die beste Zutat für Langzeitbeziehungen

Eine schlimme Zeit voller Konflikte. Sabine schwebt manchmal einen halben Meter über der Erde vor Freude auf das Kind; wie eine Zauberdroge schleicht sich das Gefühl ein, dass sich alles irgendwie von selber erledigen wird. Wenig später trudelt sie zuverlässig in ein Tief und sehnt als Lösung aus ihrem Dilemma, ein bisschen auch zur Strafe für ihr Verhalten, eine Fehlgeburt herbei. Die Beziehung leidet extrem. Sabine weist Steffen zurück: Je zärtlicher er auf sie zukommt, desto lauter meldet sich ihr schlechtes Gewissen. Als sie im Radio ein Feature über die böse Kraft von Familiengeheimnissen hört, entschließt sie sich, in derselben Nacht mit ihrem Mann zu sprechen. Ein besonders unpassender Moment, denn Steffen ist müde und hat am nächsten Morgen eine wichtige Konferenz. Aber das ist ihr egal. Wie einen randvollen Eimer Wasser kippt sie die Geschichte vor ihm aus.

Er glaubt erst nicht, was sie sagt. Dann wird er bleich. Ihm versagt die Stimme. Vor seinen Augen rattern die vielen Situationen herauf und herunter, in denen er getäuscht worden ist. Er fühlt sich unendlich gedemütigt - von Sabines Seitensprung, von ihrem langen Schweigen. Sein Weltbild liegt in Scherben. Es dauert lange, bis Nähe wieder möglich ist. Steffen fordert ein halbes Jahr Bedenkzeit, er schottet sich total ab, um zu entscheiden, ob er bei Sabine bleiben und welche Rolle er für das Kind spielen will.

In einer Paartherapie nehmen sie ihre Geschichte schließlich auseinander. Sie werden sich bewusst, wie stark sie damals, vor über einem Jahr, voneinander weggedriftet waren, weil der Sex nach Stundenplan, das ewige Thema Kinderzeugen ihre Beziehung aufs Äußerste belastet hatte. Inzwischen ist Philipp drei Jahre alt. Steffen ist der gesetzliche Vater, und er ist glücklich damit. Eine Adoption ist nicht nötig, da Philipp während der Ehe gezeugt wurde. Die Krise hat die Beziehung zwischen Sabine und Steffen vertieft. Sabine sagt: "Wir haben kapiert, dass wir sehr gut im Gespräch bleiben müssen, um uns wirklich zu verstehen." Das wird trainiert: Fast jeden Abend setzen sie sich eine Stunde zum "Paargespräch" zusammen. Wenn Philipp etwas älter ist, soll er von seinem leiblichen Vater erfahren. Der Computerspezialist lebt am anderen Ende von Deutschland, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Noch wartet er auf den passenden Moment, um seiner Familie von seinem Sohn zu erzählen.

Nina Poelchau
Themen in diesem Artikel