Machtspiele in der Beziehung: Darum sind sie gut!

Macht und Liebe sind ein toxisches Paar? Stimmt meistens, aber nicht immer. Denn sogenannte Mikro-Machtspiele tun einer Beziehung sogar gut.

Es ist 8.05 Uhr – und ich starre an die Decke. Es war abgemacht, dass er mich weckt. Um 8.00 Uhr. Zumindest habe ich diesen Wunsch gestern vor dem Einschlafen ganz klar geäußert. Warum ich mir nicht einfach einen Wecker stelle, hat der Mann gefragt. "Weil ich nicht will", habe ich gedacht und "Weil es so schön ist, von dir geweckt zu werden" gesagt. Und jetzt kommt er nicht. Obwohl er schon seit einer Stunde wach ist und ich ihn in der Küche rödeln höre. 8.07 Uhr. Verdammt! 8.14 Uhr. Ich komme noch zu spät! Warum ich nicht einfach aufstehe? Na darum! Die Schlafzimmertür geht auf. Ich stelle mich schlafend und grinse in mich hinein. Runde eins, sie geht an mich.

In jeder Beziehung gibt es kleine Machtspiele

Nein, mein Mann und ich stehen nicht kurz vor der Trennung. Warum ich mich trotzdem auf so einen Kindergarten-Quatsch einlasse? Na, weil ich muss. Und ich weiß jetzt auch: Wir alle sollten. Zumindest behauptet das Dr. Wolfgang Krüger und spricht aus seiner 20-jährigen Berufserfahrung als Paartherapeut: "In jeder Beziehung gibt es kleine Machtspiele", sagt er. "Solche Spielchen entstehen schon ganz am Anfang und - sie werden immer Teil der Beziehung bleiben."

Und seien wir mal ehrlich, wir kennen sie alle. Wenn er aus dem Wohnzimmer ruft und sie so tut, als würde sie ihn nicht hören - sodass er aufstehen und ans andere Ende der Wohnung zu ihr rüberlaufen muss. Oder wenn er sich entschuldigen müsste, das "Tut mir leid“ aber bis zum Abend hinauszögert. Und sie mit der Warterei darauf rasend macht.

Lauter Klischees? Vielleicht. Aber alles schon erlebt, sagt Wolfgang Krüger. Er nennt das die "stillen Machtspiele" und hat ihnen im Buch "Liebe, Macht und Leidenschaft" (Herder Verlag) so viel Aufmerksamkeit gewidmet, wie sie verdienen: eine ganze Menge. Denn dass dieses Mini-Kräftemessen zunimmt, ist auch dem Zeitgeist geschuldet. Mehr denn je leben wir heute im Zeitalter der starken Frauen. Wir gehen auf die Straße, erheben unsere Stimmen, setzen uns noch konsequenter für unsere Prinzipien, Werte, Rechte ein. Wir sehen Diskussionen mit dem Partner nicht mehr als Warnsignal, sondern als das, was sie sind: ein Grenzen-Austarieren und Abstecken.

Albern? Total! Aber auch sehr alltäglich

Verkompliziert wird das Ganze durch die neuen, digitalen Spielfelder. Wenn der Mann auf die Whats-App-Frage, wo wir später essen, trotz zwei blauer Haken und einem anschließenden, leicht aggressiven "???" immer noch schweigt. Und ich es ihm heimzahle, indem ich an seiner Mail mit dem Betreff "Prüfst du bitte auf Rechtschreibfehler?" eiskalt vorbeiscrolle. Albern? Total! Aber auch sehr alltäglich.

Stellt sich die Frage: Was macht Macht mit unserer Beziehung? Sie prägt uns als Paar mindestens genau so sehr wie die gemeinsame Liebe, behauptet der Experte. Das ist deshalb so verwirrend, weil wir die zwei Begriffe in unserem Kopf normalerweise nicht zusammenbringen. Die böse Macht trieft nur so vor Kontrolle und Egoismus. In der Liebe aber schwingen doch Hingabe und Selbstlosigkeit mit. Laut einer Studie des Paarpsychologen Krüger schließen sogar 70 Prozent aller Paare die Koexistenz der beiden Gefühle aus. Das ist zwar sehr romantisch, aber auch ziemlich naiv. Denn tatsächlich existiert in jeder funktionierenden Beziehung immer beides. Machtspiele, wenn sie nicht total ausarten, sind auch immer ein Zeichen für eine tiefere Bindung. Man kennt den anderen, weiß um seine Grenzen, kennt ihn aber auch gut genug, um zu wissen, wie weit man seine Toleranz ausreizen kann.

Auf das eigene Leben konzentrieren

Machtverhältnis als Liebesbarometer also? In gewisser Weise schon, doch es gibt ein Aber: Erstens müssen sich beide der Spielchen bewusst sein. Wenn wir die Balance finden, indem wir durch Gespräche oder gut platzierten Humor die Mikro-Machtspiele aus dem Weg räumen, dann stärkt das die Beziehung sogar. Und zweitens muss das Verhältnis, wer das Spiel initiiert und wer zum Mitspielen verdonnert wird, stimmen. "Die Rolle des Stärkeren muss sich immer wieder abwechseln, die Machtverteilung sich ständig ändern." Wer gewinnt, sei dann fast gar nicht mehr so wichtig.

Ja ja, schon klar, der olympische Gedanke zählt. Einen Gewinner-Tipp gibt es trotzdem: "Meist ,gewinnt‘ derjenige, der sich vom Partner kurzfristig zurückzieht, sich mit neuen Kollegen trifft, eine Serie nur mal so für sich entdeckt oder Ähnliches - also einfach den Schwerpunkt wieder auf das eigene Leben verlagert", so Krüger. Mein Mann perfektioniert das mit dem Zurückziehen gerade. Und sitzt unsere Urlaubsplanung auch dann noch seelenruhig aus, obwohl (oder gerade weil?!) ich deshalb fast hysterisch werde. Wobei hier nur unser Urlaub auf der Kippe steht. Wann aber macht Macht kaputt?

Ein gesundes Mittelmaß ist wichtig

Die Formel dafür ist genauso einfach wie gefährlich: Mikro-Machtspiele verbessern die Beziehung, Makro-Machtspiele zerstören sie. Wobei besonders die Gemenge schwierig sind, die einer der Partner nicht erkennt - und dadurch auch nicht darauf reagieren kann. Wenn der andere systematisch Dinge tut, die verletzen zum Beispiel. Sticheln, längst verjährte Streitthemen hervorholen, sich auf Anrufe prinzipiell nicht zurückmelden. "Kommt man als ‚Opfer‘ diesen Mechanismen auf die Schliche, sollte man sich unbedingt kurzfristig bewusst zurückziehen und bewerten, wo der Partner die Beziehung ausdünnt." Und sich auch fragen: warum?

Gründe dafür sind naturgemäß so vielfältig wie die Menschen selbst. Für unausgefüllte Menschen zum Beispiel sind Machtkämpfe ein großes Ablenkungsmanöver. Sie schaffen es, aus einem eigenen Entwicklungsproblem immer einen Beziehungskonflikt zu machen. Dadurch müssen sie weniger über sich nachdenken, sondern können stattdessen einfach mit dem Partner streiten. Oder sind es die eigenen Selbstwertstörungen, die einen immer dazu treiben, sein Alpha-Potenzial in der Beziehung auszutesten? Die allerschlimmsten Machtprozesse bestehen in der Verweigerung, sagt Krüger. Nö, mache ich nicht, sehe ich nicht, ist deine Meinung. Weil der andere buchstäblich machtlos zurückgelassen wird.

Entscheidend ist die Bereitschaft, mit dem anderen auszukommen

Reden hilft an dieser Stelle übrigens auch nicht immer, weiß US-Psychologe John Gottman. Seit 20 Jahren erforscht er in seinem Liebeslabor, wie Ehepaare miteinander umgehen. Er hält es für einen der größten Mythen der Liebe, dass Kommunikation der Königsweg zu einer glücklichen Liebe ist. Entscheidend sei vielmehr die Bereitschaft, mit dem anderen auszukommen. Kommt der Mann zu spät aus dem Büro, könne man entweder davon ausgehen, dass er die Beziehung vernachlässigt - oder es vielleicht auch so sehen, wie es ist: dass ihn eine spontane Konferenz festgehalten hat. Ja, wirklich! Die Grundstimmung ist also das Entscheidende und führt in der Beziehung dazu, dass wir entweder verständnisvoll oder eben vorwurfsvoll reagieren, so Gottman.

Glücklicherweise haben mein Mann und ich die Mikro-Ebene noch nie verlassen. Ich nehme seine Spielherausforderungen immer mal an und initiiere hier und da selbst welche. Weil es mir wichtig ist, weil wir unsere Grenzen ausloten und am Ende nicht daran scheitern. Wir spielen fair, auf Augenhöhe. Und nach der uralten Regel "Möge der Bessere gewinnen". Der Mann greift zum Wecker auf meiner Nachttischkommode. Runde zwei, du wurdest soeben eröffnet.

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Brigitte 05/2019

Wer hier schreibt:

Corinna Madjitov
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