VG-Wort Pixel

Männer erzählen Ja, "Mental Load" sagt uns was

Männer erzählen: Familie
© LStockStudio / Shutterstock
Sagt Männern "Mental Load" – also das Mitdenken aller häuslichen Aufgaben – etwas? Und in wiefern betrifft Männer das? Wir haben nachgefragt!
Sina Teigelkötter und Alexandra Zykunov

Ihr habt es in Zeiten von "alten weißen Männern", #MeToo-Folgedebatten und den neuen feministischen Ansprüchen nicht gerade leicht. Was erwartet die Welt heute von euch? Seid ihr genervt vom ganzen Rollen-Gedöns? Oder sind die Forderungen noch viel zu zaghaft? Und: Wie fühlt ihr euch überhaupt?

Noch nie war das Männerbild so vielschichtig wie heute. Für alle gibt es eine Nische, für jeden seine Blase. Konservative Spielplatzpapas, feministische Tinderkönige, Haushaltsprofis bei Tag, Hinterherpfeifer bei Nacht, "neue" Väter neben "alten", alte weiße Männer neben jungen, hetero, homo, trans. Wann ist ein Mann ein Mann? Ist die Suche nach einer vermeintlichen Männlichkeit im Jahr 2020 nicht längst überholt? Jein. Denn: Selbst wenn wir uns wünschen, dass es nur noch "Menschen" und keine Geschlechter gibt, ist unsere Gegenwart immer noch gefüllt mit aggressiven sogenannten "toxischen" Männlichkeiten, zweifelhaften Rollenbildern und unfair verteilter Macht. Ja, nach "dem" Männerbild zu suchen, ist wohl genauso idiotisch wie die Suche nach "der" Frau. Es hilft aber, unterschiedliche Männer nach ihrem persönlichen Männerbild zu fragen. Haben wir gemacht – und so einiges erfahren.

In diesem Teil unser achtteiligen Serie geht’s um die Frage: 

"Sagt euch "Mental Load" – also das Mitdenken aller häuslichen Aufgaben – etwas? Und inwiefern betrifft euch das?"

Christoph Kucklick

56, Soziologe und Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule, promovierte zum Geschlechterdiskurs um 1800 ("Das unmoralische Geschlecht. Zur Genese der Negativen Andrologie", edition suhrkamp)

Meine Frau und ich haben 80-Prozent- bzw. 100-Prozent-Jobs, wir teilen uns die Kindererziehung, wir haben vier Monate Homeoffice und gleichzeitige Kinderbetreuung hinter uns – ja, da sagt uns beiden dieser Begriff etwas.

Oskar Holzberg

67, Paartherapeut und BRIGITTE-Kolumnist, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Männer und Frauen und ist seit über 30 Jahren verheiratet (aktuelles Buch: "Neue Schlüsselsätze der Liebe", DuMont)

Ich habe lange gebraucht, zu verstehen, dass es in Haushalt und Kinderbetreuung vor allem um Verantwortung geht. Mental Load ist ein gutes Konzept, um das deutlich zu machen. Denn es weist darauf hin, dass es nicht nur darauf ankommt, wer einkauft und die Kinder ins Bett bringt, sondern wer sich darum kümmert, dass es geschieht. Und ich muss immer noch daran arbeiten, mich wirklich zuständig zu fühlen. Vorausschauend den Kühlschrank zu füllen, den Wochenendeinkauf zu planen, Ferienziele zu checken und Ferienzeiten zu planen, Bettwäsche zu wechseln und zur Wäscherei zu fahren, das ist immer noch nicht wirklich in meinem Hirn verankert.

Reinhard Winter

61, Geschlechterforscher, ist einer der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen und seit mehr als 25 Jahren in der Jungen- und Männerforschung tätig. ("Jungen und Pubertät", Beltz)

Ganz frisch aufgefallen: Wer richtet das Zimmer, wenn eins unserer Kinder zu Besuch kommt, wer überzieht das Bett? Und wann wird das gemacht? Es hat sich eingeschlichen, dass ich das nicht bin, aber wieso eigentlich?

Till Raether 

51, Schriftsteller, hat als BRIGITTE-Autor über fast alle Facetten seines Mann- und Vaterseins geschrieben ("Ich werd’ dann mal ... Nachrichten aus der Mitte des Lebens", Rowohlt)

Das Problem am "Mental Load" ist auch, dass er nicht weniger wird, sondern mehr, wenn man ihn teilt. Weil dann dazukommt, alles immer absprechen zu müssen: Hast du das mit dem Kinderarzt geregelt? Soll ich den Allzweckreiniger besorgen? Sorry, das Geschenk für deine Mutter hab ich vergessen. Es ist scheinbar einfacher, wenn eine in der Familie automatisch mehr oder weniger für alles zuständig ist. Scheinbar streitet man dann auch weniger.

Aber auch wenn der Mental Load durchs Verhandeln und Verteilen mehr wird, ist er am Ende dadurch eben doch gerechter verteilt. Und man hat ständig Grund und Gelegenheit, miteinander zu sprechen, und sei es nur per WhatsApp. Also, ich leide darunter, was ich alles vergesse und was ich nicht so gut kann. Ich merke, wie schwer mir die Elternstammtische und der Basarverkauf und das Terminemachen bei der Kinderärztin fallen, und manchmal nehme ich das für mich als Ausrede, um die Aufgaben liegen zu lassen für meine Frau. Womöglich wäre es vor dreißig, vierzig Jahren für mich als Mann einfacher gewesen, in einer traditionellen Familie, ohne meinen Teil am Mental Load. Aber im Grunde ist Mental Load Teilnehmen am Leben derer, die man liebt. Es wäre sehr traurig, darauf verzichten zu wollen.

Nils Pickert 

40, Feminist, Journalist und Vater (vaterfreuden.de) treibt die Frage um, wie sich Geschlechterstereotype aufbrechen lassen ("Prinzessinnenjungs: Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterrolle befreien", Beltz)

Ich trage die Hauptverantwortung für meine vier Kinder und den Haushalt, während meine Lebenskomplizin rausgeht und jobtechnisch mit Drachen kämpft – das war immer der Plan. Dementsprechend betrifft mich Mental Load vor allem, weil man mir entweder nicht zutraut, sie als Mann schultern zu können, oder mich dafür abfeiert, dass ich meinen Beitrag leiste. Beides nervt.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Persönlichkeits-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE 23/2020

Mehr zum Thema