Lasst die Männer, wie sie sind!

BRIGITTE-Autor Nicol Ljubic findet, dass Frauen ihre Männer nicht erziehen sollten - und fragt sich, warum sogar emanzipierte Frauen sich dazu hinreißen lassen.

Der Mann von der Frau, die am Tisch ausgiebig sprach, hieß Jens. Und man erfuhr eine Menge über ihn. Dass er, wenn es nach ihm ginge, die Wochenenden am liebsten auf dem Sofa verbrächte, dass er keinen Sinn für Ordnung hätte und, wenn sie nicht darauf achtete, tagelang im selben Pullover herumliefe. Sie sagte: "Ich weiß gar nicht, wie Jens zurechtkommen soll, wenn ich mal nicht mehr da bin." Und während sie das sagte, rückte sie ihm den Hemdkragen gerade, denn Jens saß die ganze Zeit neben ihr. Und führte mir vor Augen, wohin eine Beziehung führen kann, wenn der Mann den Anfängen nicht wehrt: zu seiner vollständigen Entmündigung. Wenn es so weit gekommen ist, dass eine Frau vor anderen in der dritten Person über ihren anwesenden Mann spricht, ist wohl alles zu spät. Bloß nicht zum Jens werden, sage ich mir seitdem. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Weil Frauen offenbar selten zufrieden sind mit dem Modell von Mann, das sie zu Hause haben, unzählige Verbesserungswünsche hegen und permanent bemüht sind, es zu optimieren und ihren Ansprüchen anzupassen. Und ihnen scheinbar eines unmöglich ist: den Mann zu nehmen, wie er ist, mit all seinen Eigenheiten und Unzulänglichkeiten. Ich habe mal mitbekommen, wie meine Freundin im Gespräch mit einer anderen Frau sagte: "Ich habe ihn mittlerweile gut erzogen." Mit "ihn" meinte sie: mich. Einen Mann von mittlerweile 42. Vater ihrer zwei Kinder. Berufstätig, wahl- und erziehungsberechtigt. Dieser Satz aber ließ Zweifel an all dem aufkommen und ärgert mich bis heute, weil er mich wahlweise zum Kind degradiert, zum Dressurpferdchen oder Hündchen.

Lass mich doch einfach sein wie ich bin

Es ist bestimmt nicht immer leicht, Frau zu sein in einer Beziehung, aber schaue ich mich im Bekanntenkreis um, komme ich immer häufiger zum Schluss: dass es alles andere als leicht ist, Mann zu sein. Vor allem, wenn man kein Patriarch alter Schule sein möchte, der qua Autorität die Familie in Angst und Schrecken versetzt. Ich glaube, der von Männern in Beziehungen am häufigsten gesagte oder zumindest gedachte Satz ist: "Lass mich doch einfach... " Ein Satz, der sich in zahlreichen Varianten ergänzen lässt. Lass mich doch einfach meinen Nachmittag auf dem Sofa liegend verbringen. Lass mich doch einfach Fußball schauen. Lass mich doch einfach die alte Hose tragen. Lass mich doch einfach in meinem Zimmer die Staubmäuse züchten. Lass mich doch einfach Konflikte mit den Kindern auf meine Art lösen. Lass mich doch einfach auf meine Weise Nudeln kochen.

Die Liste ließe sich noch einige Seiten fortführen und letztlich in einem Satz zusammenfassen: Lass mich doch einfach sein, wie ich bin. "In vielen Partnerschaften kritisiert die Frau ihren Mann, weil er die Dinge in ihren Augen nicht richtig macht", sagt die Münchener Paartherapeutin Gabriele Leipold, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Es ist ein Dauerbrenner", sagt sie. Und erstellt eine Hitparade der Dinge, die Frauen nicht passen: wenn der Mann spät nach Hause kommt, die Art, wie er sich an Haushalt und Kinderbetreuung beteiligt, seine Unordnung, seine mangelnde Gesprächsbereitschaft, seine Essgewohnheiten und Tischmanieren, seine unzureichende Pflege von sozialen Kontakten, seine Freizeitgestaltung. Und zu guter Letzt: seine Körperhygiene. Ja, kein Witz. Da stellt man sich als Mann doch die Frage, warum Frauen überhaupt mit uns zusammen sind. Um uns umzuerziehen? Und das Erstaunliche ist, dass es sich bei den Frauen meiner Generation in der Regel um Frauen handelt, deren Selbstbild ein ganz anderes ist, die von Emanzipation sprechen, Freiheit und einer gleichberechtigten Partnerschaft.

Warum sind Frauen überhaupt mit uns zusammen?

Keine von ihnen würde sich selbst beschreiben als eine Frau, die ihre Bestimmung darin sieht, den Mann zu maßregeln und ihn zu behandeln, als sei er noch nicht volljährig. Es ist sogar so, dass sie selbst erschrecken, wenn sie erleben, wie andere Frauen mit ihren Männern umgehen, und sich in diesen Frauen wiedererkennen. So wie meine Freundin, als sie Zeugin wurde, wie ihre beste Freundin ihrem Mann beim Kochen das Messer aus der Hand nahm, um ihm zu zeigen, wie man Zwiebeln in richtige Würfel schneidet. Meine Freundin beklagt sich, dass ich vieles einfach nie gelernt hätte, und gibt meiner Mutter die Schuld, dass ich über die grundlegenden Fertigkeiten für den Haushalt nicht verfügt hätte und meine Freundin deshalb die Rolle der Ausbilderin hätte übernehmen und mich zu einem gleichberechtigten Partner hätte erziehen müssen. Aber mittlerweile bin ich mit allen Tätigkeiten vertraut: kochen, abspülen, Wäsche waschen, Kinder versorgen - und habe offenbar trotzdem die Reife noch nicht erlangt. Kürzlich rief sie mich mit unseren beiden Söhnen ins Kinderzimmer und sagte: "Und jetzt räumt ihr alle drei mal schön auf, und der Papa lernt dabei, wie man Kleider richtig zusammenlegt."

Solche Erfahrungen machen, in unterschiedlichen Nuancen, viele Männer in meinem Umfeld: Der eine weiß scheinbar nicht, wie man ein Kind ordentlich kleidet, der andere darf nicht zum Fußball, der dritte soll mehr Spaß an Familienausflügen zeigen. Als Mann fragt man sich natürlich, warum das so ist. Paartherapeutin Gabriele Leipold spricht vom Hintergrundprogramm, das sich nicht dauernd kontrollieren lässt, und meint damit die Prägung aus dem Elternhaus. Sie sagt: "Im engen Zusammenleben gehen viele gute Vorsätze über Bord." Aber es gibt auch noch andere Ursachen. "Gerade Frauen, die mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden sind, weil sie beruflich zurückstecken müssen, erwarten von ihrem Mann Wohlverhalten für das Opfer, das sie als Frau fürs Familienleben erbringt. Letztlich ist sie neidisch auf sein Leben und die Freiheiten, die er sich nimmt." Und Frauen, die durch Beruf und Familie doppelt belastet seien, so Leipold, seien tendenziell gestresster und erwarteten gerade deshalb auch mehr Entgegenkommen vom Mann. Bleibt die Frage: Was soll der arme Mann machen? Den Anfängen wehren. Grenzen deutlich aufzeigen. Rechtzeitig, damit sich das Verhalten nicht einschleift. Er muss für die Gleichberechtigung kämpfen. Und diesen Kampf muss eine Beziehung aushalten. Wer schweigt, endet wie Jens. Vielleicht ist das alles ja nur ein Charaktertest. Denn, so Leipold, einen Mann, der sich alles gefallen lasse, nehme eine Frau auch nicht ernst und werde erst recht an ihm herummäkeln.

Text: Nicol Ljubic Ein Artikel aus BRIGITTE Heft 01/2015

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