Männer-Klatsch: Ein Herz fürs Tratschen!

Der neueste Tratsch ist was für Männer. Am liebsten hören sie Klatsch und Geschichten aus zweiter Hand.

"Ach, Christine hat einen Neuen. Und mit dem fliegt sie jetzt im Januar auf die Kanaren?" Männer wollen alles wissen - auch wenn sie es nicht gern zugeben. Besonders versessen sind sie auf Intimgeschichten aus dem Freundeskreis. Bestens, wenn vier Hochzeiten und ein Trennungsfall anstehen. Das ist richtig guter Stoff. Nur: Wo bekommen sie den her? Einer Studie zufolge haben nur 14 Prozent der Männer einen guten Freund, auf den sie sich hundertprozentig verlassen können. Über ihre Beziehungen und die unvermeidlichen Lebensbaustellen reden Männer kaum, stattdessen unternehmen sie lieberetwas miteinander. Überspitzt gesagt: besser gemeinsam auf die Berge kraxeln und die frauenfreie Zeit genießen. Selbst wenn man dabei wenig Neues erfährt.

Dafür hat man eine Partnerin. Die weiß, wie es David nach der Trennung geht. Und ob Sebastian, "der Jungmanager, du weißt schon", immer noch arbeitslos ist. Männer sind dankbare Secondhand-Verwerter, die alle verfügbaren Varianten von Neuigkeiten mit großem Interesse aufsaugen. Dafür instrumentalisieren sie ihre Frau, Lebensgefährtin oder Freundin als Society-Gazette und wollen am liebsten Hochglanz pur: schöne bewegte Bilder, aufregende Homestorys. Da der Freundeskreis der Partnerin größer ist als ihr eigener, ist die Quote an guten Geschichten über das Jahr konstant. Man könnte das Ganze auch Vampir-Syndrom nennen. Nach dem Muster: "Sind Sven und Anne jetzt eigentlich wieder zusammen?" - "Keine Ahnung", sagt sie. "Dann ruf doch endlich mal bei Anne an!" Männer recherchieren nicht, sondern haben Informantinnen. Männer tratschen nicht, sondern lassen tratschen. "Für viele Männer hat Klatsch mit Neugier zu tun, aber auch mit Scham", sagt die Paartherapeutin Claudia Clasen-Holzberg. "Deshalb ist dafür häufig die Partnerin zuständig. Via Partnerin kann der Mann Kontakt zu Freunden halten, behält selbst aber einen Sicherheitsabstand." Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit für das schweigsame Geschlecht, an gute Storys zu kommen: "Was sind Chatrooms im Internet anderes als Plätze für Klatsch und Tratsch?", fragt Claudia Clasen-Holzberg. "Das Hightech-Medium PC setzt die Hemmschwelle, Persönliches auszutauschen, herunter. Dadurch wird Klatsch auch für männliche Wesen akzeptabler." Nach Ansicht von Psychologen ist Tratsch ein menschliches Grundbedürfnis, eine milde und sozial verträgliche Art der Aggressionsabfuhr. Auch Männer tun es, aber weniger offensichtlich. In einer amerikanischen Studie aus Illinois bekamen Studenten Klatschzeitschriften zu lesen und wurden anschließend darüber befragt. Interessanterweise lasen die Männer vor allem Artikel mit negativen Nachrichten über ihre Geschlechtsgenossen, Frauen hielten sich an die weiblichen Prominenten. Klatsch hat also mit dem uralten Drang des Menschen zu tun, sich gegenüber potenziellen Rivalen durchzusetzen - stehen die anderen in schlechtem Licht da, rückt man selbst auf die Gewinnerseite.

Mit anderen Worten: Wenn der Mann wieder mal den Erfahrungsschatz seiner Frau nach handwarmen Geschichten scannt, will er nicht nur unterhalten werden, er will sich auch besser fühlen, alphamännchenstark. Sie hat es in der Hand, ob sie ihm dieses Gefühl geben will.

Franziska Wolffheim BRIGITTE Heft 04/2006

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