"Jetzt echt, Mama?" Wenn die Mutter wieder heiratet

Vor kurzem traf meine Mutter ihre brasilianische Jugendliebe aus den 80ern wieder. Damals scheiterte ihre Liebe an der Entfernung. Nun wollen die beiden heiraten – und ich frage: "Hast du dir das gut überlegt, Mama?"

"Ja, deine Mama wird noch einmal heiraten". Aha. "Und ich werde nächstes Jahr für ein Jahr zu ihm nach Brasilien ziehen." Aha, okay. Warte – was?
Dieses Frühjahr erreichte meine Mutter eine Mail aus Brasilien. Ihre Jugendliebe plante nach Europa zu kommen und wollte sie wiedersehen. Meine Mama, 60 Jahre alt und nach einigen holprigen Beziehungen wieder Single, willigte kurzerhand ein – nach dem Motto "Wieso denn eigentlich nicht?".

Ein Wiedersehen nach 35 Jahren

Die beiden waren in den 80ern ein Paar gewesen. Fünf Jahre hatte ihre Liebe gehalten, war aber schlussendlich daran gescheitert, dass er in Brasilien leben wollte und meine Mutter lieber hier, nah bei ihrer Familie. Eine Entscheidung, die keiner aus meiner Familie je bedauert hat – schließlich hätte meine Mutter sonst nie meinen Vater getroffen und mich würde es nicht geben.

Jetzt aber, 35 Jahre, je eine Ehe und zwei Kinder später, trafen die beiden wieder aufeinander – und bei dem einen Treffen ist es nicht geblieben. Nach nur drei gemeinsamen Tagen war für beide klar: Das ist es!
Diesen Sommer besuchte meine Mutter ihn dann in Brasilien. Und was glitzerte da an ihrem Finger, als ich sie vom Flughafen abholte? Ein Verlobungsring – hui, das ging schnell.

Mit dem Alter ist man sich bei wichtigen Entscheidungen einfach sicherer. Wieso unnötig zögern?

Natürlich wünscht man sich als erwachsenes Kind für seine Eltern nur eines: dass sie glücklich sind. Das ist meine Mutter jetzt ohne Zweifel – und für mich gibt es nichts Beruhigenderes als dieses Wissen. All die Jahre, in denen meine Mutter Single oder unglücklich vergeben war, bedrückte mich der Gedanke, dass sie im Alter einsam oder unglücklich sein würde. Ich stellte mir vor, dass auch mein Bruder und ich eines Tages unsere eigenen Familien haben würden, und keiner da wäre, um meiner Mutter die Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, die sie verdient. 

Und trotzdem konnte ich mich über die Nachricht, dass meine Mutter jetzt glücklich verliebt, verlobt und bald verheiratet wäre, nicht vollständig freuen. Einfach zu schnell, zu früh, zu unüberlegt kam mir das alles vor. Waren das nicht gerade die Worte, die sonst die Mutter zur Tochter sagt und nicht andersrum? Plötzlich war ich die skeptische und kam mir dabei so unglaublich alt vor.

Generation beziehungsunfähig?

Mit etwas Abstand ist mir klar geworden, dass dieser Liebes-Pessimismus ein Phänomen meiner Generation ist. Denn in einer Generation, in der On-Off Beziehungen zur Normalität geworden sind und der Ausdruck "sich Zeit lassen" einfach dazugehört, hört sich die Geschichte meiner Mama wie ein Märchen an: zu schön um wahr zu sein. 

Doch wieso haben wir eigentlich verlernt, an Märchen im echten Leben zu glauben? Vor allem, wenn die eigene Mutter in diesem Märchen die Protagonistin ist und der Name ihres Verlobten Angelino übersetzt auch noch "kleiner Engel" bedeutet, gibt es zumindest für mich keinen Grund, nicht daran zu glauben. Mehr Herz und weniger Kopf lautet nun meine Maxime. Ich freue mich auf die Hochzeit, Mama!

Videotipp: Wenn du dieses Wort für deine Beziehung benutzt, ist es etwas Großes zwischen euch

Liebe, Paar, Herz

Wer hier schreibt:

Sophie Lahusen
Themen in diesem Artikel