Mein Mann ist schwul

Gabriele H. (41) und ihr Mann Thomas sind ein Traumpaar. Zwei Kinder, selbstgebautes Haus, eine harmonische Beziehung voller Zärtlichkeit und Nähe. Eines Tages bekennt Thomas: "Ich bin schwul." Ein Schock für Gabriele H. - aber auch die Chance, ihr eigenes Leben zu überdenken. Die Wahl-Belgierin hat ein Online-Forum für betroffene Frauen gegründet - lesen Sie ihre persönliche Geschichte, exklusiv bei Brigitte.de.

Gute Ehen leben von gegenseitigem Respekt. Vom Willen, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Von gemeinsamen Kindern, gegenseitigem Verständnis, von Offenheit und Vertrauen. Von Nähe, Zärtlichkeit und kleinen Aufmerksamkeiten.

All das zeichnet die Ehe von Gabriele und Thomas aus. Kein Abend vergeht ohne ausführliches Gespräch, endet ohne Gutenachtkuss. Stets schlafen Gabriele und Thomas Arm in Arm ein. Trotzdem fehlt etwas Wichtiges: Das Begehren des Mannes, sein Wunsch nach Sexualität. Ein Mangel, den Gabriele erst nicht ernst nimmt. Sie glaubt, Thomas werde sich irgendwann ändern. Alles andere ist schließlich wundervoll. Doch nach 14 Jahren scheitert die Beziehung. Gemeinsame Kinder, Verständnis, Respekt, Liebe - all das reicht nicht aus, um eine Ehe, in der etwas Grundsätzliches nicht stimmt, dauerhaft mit Leben zu füllen.

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Gabriele und Thomas haben sich 1992 auf den Seychellen kennengelernt. Für die 26-jährige Stewardess war es die große Liebe. "Ich war seine Prinzessin", erzählt Gabriele, "er trug mich auf Händen, tat alles für mich." Drei Jahre lang lebten sie auf den Trauminseln im Indischen Ozean.

Doch von Anfang an machte Thomas klar, dass er kein großes Bedürfnis nach Sex hatte. Nur selten schliefen die beiden miteinander. Das war Gabriele zu wenig. Ihre Bemühungen, sein Begehren zu wecken, scheiterten: "Ich konnte die schönste Unterwäsche tragen, das hat ihn nicht interessiert", erinnert sie sich. Wie kann einer Frau das nicht komisch vorkommen? Gabriele weiß es selbst nicht. "Ich war Mitte Zwanzig, in dem Alter stellt man nicht so viele Fragen", sagt sie heute.

1995 zog sie mit Thomas nach Gent, bald machte er ihr einen Heiratsantrag: Er hatte Hunderte Rosen im Haus verteilt, stand mit einem Diamantring vor ihr, sprach von seinem Wunsch, eine Familie zu gründen. "Da sagt man doch nicht nein", sagt Gabriele, und damals war ihr erster Gedanke: "Dass einer das für mich macht!"

Sie feierten ihre Hochzeit auf einem Schloss. "Wie im Märchen war das", erinnert sich Gabriele, schüttelt den Kopf und lacht. Ein Märchen mit einem falschen Prinzen. Ein Jahr nach der Hochzeit kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt. Danach wurde der Sex noch seltener. Nur im Urlaub schliefen die beiden miteinander, sonst lief nichts mehr. Gabriele litt darunter. Immer häufiger wurde das Sex-Problem zum Gegenstand der gemeinsamen Gespräche. Thomas war ratlos. Er kannte den Grund für seine Unlust selbst nicht, verdächtigte sein stressiges Leben. "Ich wollte ihm einen Tantra-Kurs schenken", sagt Gabriele, "ich wollte, dass er sich um seine Chakren kümmert, dass seine verborgenen Energiezentren freigelegt werden." Dass etwas grundsätzlich nicht stimmte zwischen ihr und ihrem Mann, konnte sie sich nicht eingestehen.

"Er hatte niemand anderes, das hätte ich gespürt", sagt Gabriele. Auch sie betrog ihren Mann nicht. Sie wollte keinen Sex mit irgendeinem, fragte sich immer, warum sie keine erfüllte Sexualität mit Thomas haben konnte - diesem tollen Ehemann, um den sie ihre Freundinnen beneideten. "Wir waren immer ehrlich zueinander", sagt sie. Dass eine Lebenslüge zwischen ihnen stand, dass er ein anderer sein könnte, der in einem falschen Leben steckte und sie mit ihm, diese Überlegung ließ Gabriele nicht zu.

Sogar als ein guter Freund - selbst homosexuell - sagte: "Wenn Thomas nicht mit dir zusammen wäre, wüsste ich, dass er schwul ist", machte es nicht 'klick' bei ihr. Nur dass sie so nicht weiter leben konnte mit Thomas, wurde für Gabriele immer klarer.

2003 bekam das Paar noch eine Tochter. Thomas baute ein zweites Haus für die Familie, fast im Alleingang; er flüchtete sich in Arbeit und vor der Beziehung, blieb mehrere Wochen am Stück weg, kam für ein paar Tage nach Hause, war wieder länger unterwegs. Einige Monate ging das so, dann traf sich die Familie im Ausland zum Urlaub, auch um über alles zu reden. "Jeder Abend auf dieser Trauminsel war die Hölle", sagt Gabriele rückblickend, "Thomas hatte sich total entfremdet, war nicht mehr der, den ich kannte." Sie merkte, dass es ihrem Mann schlecht ging, dass er etwas mit sich herumtrug. Am ersten Geburtstag der Tochter wollte sie endlich wissen, was los ist. Thomas gestand: "Ich bin schwul." Gabriele lachte, war geschockt, dachte: Wie geht es jetzt weiter? Bisher ging es immer weiter, trotz der Zweifel, trotz des Gefühls, dass etwas nicht stimmte.

In dem langen Gespräch, das Gabriele und Thomas an jenem Abend führten, erzählte er ihr die Geschichte mit dem Priester. Als Jugendlicher hatte er eine katholische Jungsschule besucht, der Priester dort hatte ihm eingeschärft: "Homosexualität gibt es. Aber sie vergeht auch wieder." Schwulsein sei etwas, woran man nicht denken darf - eine Lektion, die Thomas verinnerlicht hatte.

Gabriele und Thomas entschlossen sich zur Trennung, er ging ins Ausland. Lernte dort seine große Liebe kennen, einen Asiaten, mit dem er inzwischen zusammenlebt. Gabriele ist froh, dass ihr Ex-Mann auf einem anderen Kontinent wohnt. Trotz der räumlichen Entfernung teilt sie sich mit Thomas die Elternschaft; in den Sommerferien sind die Kinder bei ihm, außerdem kommt er hin und wieder nach Gent, gemeinsam mit seinem Partner. "Wir haben uns beide sehr geändert", sagt Gabriele.

Auch bei ihr folgte auf den emotionalen Tiefflug schnell ein Höhenrausch. Wenige Monate nach der Trennung verliebte sie sich heftig. In einen Mann, der sie begehrte, und den sie begehren durfte, ohne mit Zurückweisung rechnen zu müssen. Gabriele genoss die Aufmerksamkeit, auch wenn die Affäre bald vorbei war. Einen festen Partner möchte sie im Moment noch nicht. Aber es tut ihr gut, zu flirten, Männer kennen zu lernen, ihre weiblichen Seiten wieder ausleben zu können.

Unter Gabrieles blondem Schopf, hinter ihrem sorgfältig geschminkten Gesicht rumoren derweil noch immer viele ungeklärte Fragen. Wie habe ich all die Jahre mit diesem Mann gelebt? Wer bin ich als Frau gewesen? Warum habe ich nicht eher gesagt: Hier stimmt etwas nicht zwischen uns? Sich diese Fragen ehrlich zu stellen und zu beantworten, findet Gabriele H. wichtig. "Wie eine solche Beziehung abläuft, liegt nicht nur am Mann. Wäre man selbst nicht die, die man ist, wäre man schließlich nicht mit diesem Mann zusammen gewesen", resümiert die 41-Jährige.

Das Forum von Gabriele H.

Gabriele ist überzeugt, dass es vielen Frauen geht wie ihr. Verzweifelt hatte sie in der Trennungsphase nach geeigneter Literatur gesucht, nach Tipps von betroffenen Frauen, nach der weiblichen Perspektive eines Themas, zu dem sich bisher vor allem betroffene Schwule äußern. Deswegen sucht Gabriele jetzt Gleichgesinnte, die ebenfalls mit einem schwulen Mann verheiratet waren. Sie möchte diesen Frauen eine anonyme Anlaufstelle bieten und hat ein Forum eröffnet, in dem sie sich austauschen können. Es ist nicht öffentlich, kein Außenstehender kann die eingehenden Geschichten lesen.

In Gesprächen mit anderen Ex-Frauen schwuler Männer hat Gabriele schon viele Gemeinsamkeiten festgestellt: "Ganz typisch: In den Augen der anderen ist man das perfekte Paar. Man hat einen Mann, der sich für alles interessiert, der beste Freund der Freundinnen und ein richtiger Frauenversteher ist - das finden andere Frauen toll." Kein Sex, oder sehr wenig Sex - auch das sei typisch für Beziehungen mit einem schwulen Mann, sagt Gabriele. Den seltenen Sex fänden viele Frauen aber gar nicht so schlimm. Sie nähmen es hin, versteckten sich dahinter - sonst läuft ja alles prima.

Nach der Trennung versuchten viele Frauen außerdem, die Freundschaft aufrechtzuerhalten, weil sie glaubten, sie seien noch immer einzigartig im Leben des Ex-Manns. Schließlich hat er jetzt nur einen Mann, keine neue Frau. Ein fundamentaler Irrtum: "Der Ex hat einen neuen Partner. Du bist nicht mehr da. Und zwar nicht nur im Bett und am Tisch, sondern auch als wichtigster Gesprächspartner. Das tut verdammt weh - viele Frauen unterschätzen, was da auf sie zukommt."

Haben Sie etwas Ähnliches erlebt und möchten sich austauschen? Das Forum von Gabriele H. finden Sie hier: www.autango.net

Text: Wiebke Peters
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