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Paartherapeut verrät Meint er es ernst? So erkennst du es

Meint er es ernst? Liebespaar am Strand
© Jacob Lund / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Woran erkenne ich, ob es jemand mit der Liebe ernst meint?

Falls überhaupt: daran, dass sich derjenige diese Frage auch über mich stellt.

Nirgendwo sonst täuschen wir uns so leicht wie in der Liebe. Denn an nichts möchten wir so gern glauben wie daran, dass wir jemanden gefunden haben, den wir lieben und der uns liebt. Und sobald wir uns verlieben und unser Organismus seinen Hormoncocktail ausschüttet, idealisieren wir die Person, in die wir uns verliebt haben. Was auch bedeutet: Unsere Kritikfähigkeit sinkt. Versuchspersonen, die sich das Bindungshormon Oxytocin in die Nase sprühten, ließen sich beispielsweise zu riskanten Geldanlagen überreden, von denen sie unter normalen Bedingungen die Finger gelassen hätten.

Wir sind Süchtige

Als Liebeshungrige gehen wir leicht über unsere Gefühle hinweg. Wenn wir selbst unsicher mit unseren eigenen Bindungsängsten sind, kann das paradoxerweise dazu verführen, unsere Irritation über das Zögern und Ausweichen der neuen Liebe als unsere eigene Angst zu interpretieren – und sie zu ignorieren. Unsere Unsicherheit nutzen Love- Scammer, um sehnsüchtige Herzen per Social Media zu erobern und sich dann stattliche Summen für plötzlich erkrankte Mütter überweisen zu lassen. Oder sogenannten Loverboys, die in sie verliebte junge Frauen zur Prostitution bringen. Wenn Geld fließen oder Bürgschaften übernommen werden sollen, ist klar, dass es hier schon jemand ernst meint, aber nicht mit der Liebe. Es hilft, eine Freundin zu haben, mit der wir unsere Verliebtheit teilen und alles, wozu sie uns bringt. Jemand mit klarem Kopf, der uns beschützt, wenn die Gefühle mit uns durchgehen.

Ein neuer Partner, der selbst gerade erst frisch getrennt ist, macht uns zu Recht vorsichtig. Denn vermutlich ist er überhaupt noch nicht offen für eine neue Liebe, für das Wagnis einer Beziehung. Sondern sucht dringend Trost, Nähe und Ablenkung, um seiner Trauer nicht ausgeliefert zu sein. Auch wer zu schnell zu viel verspricht und bereits eine gemeinsame Wohnung aufteilt, wenn wir gerade ein paar Mal im Bett waren, ist ein*e Risiko-Kandidat*in. Wir sind eine Figur in ihrem Spiel, aber wer wir sonst sind, wird nicht gesehen. Wir sollten niemanden ernst nehmen, der sich schon für uns entschieden hat, bevor er uns kennt. Und gar nicht erst prüft, wie ernst wir es selber meinen.

Unbewusst sichern wir uns ab, indem wir einander unsere Leben erzählen und vorsichtig über die Zukunft sprechen. Wenn unsere neue Liebe bei allem, was nach fester Bindung riecht – Verbindlichkeit, Pläne, gemeinsames Wohnen – ängstlich zuckt, dann kann sie es trotzdem durchaus ernst mit uns meinen. Aber möglicherweise nicht halten können, was sie sich selbst verspricht. Bei Bindungsängsten werden Beziehungen gesucht und gleichzeitig gefürchtet. Deshalb bekommt mancher immer dann kalte Füße, wenn die Verbindlichkeit wächst. Ein Blick in seine oder ihre Geschichte hilft. Hatte er oder sie noch nie eine längere Beziehung oder scheiterten alle auf die gleiche Weise?

Doch letztlich müssen wir damit leben: wir können getäuscht werden. Gerade in der Liebe. Denn in ihr ist Gewissheit kein Anfang, sondern ein Prozess.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

"Paaradox" ist der neue Podcast mit Oskar Holzberg und seiner Frau Claudia. Sie sprechen offen über die Themen, die Beziehungen immer wieder herausfordern. Lustig, spannend und erkenntnisreich! U. a. auf AudioNow.

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BRIGITTE 03/2021

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