Jeder versteht, was wir wollen, nur unser Partner nicht - warum eigentlich?

Jeder versteht, was wir wollen, nur unser Partner nicht - klingt nach Beziehungskrise, ist aber ein weitverbreitetes psychologisches Phänomen. Mit einer einfachen Erklärung.

Die Party geht schon ganz schön lange, und manchmal, wenn sie ihren Mann aus dem Augenwinkel sieht, gähnt er herzhaft. Einmal, als sie nebeneinander am Buffet stehen, sagt sie: "Das ist eine echt tolle Party, oder?", und ihr Mann antwortet: "Ja, nur schade, dass ich so müde bin." Zwei Stunden später, auf dem Nachhauseweg, macht er ihr Vorwürfe: "Du hast doch gemerkt, dass ich gehen wollte, du weißt doch, wann ich morgen früh rausmuss!" Sie ist ein bisschen erstaunt, ja, verärgert. Warum hat er denn nichts gesagt? Er schüttelt ungeduldig den Kopf und sagt: "Wildfremde Leute, denen ich erzählt habe, was ich morgen für einen Tag vor mir habe, haben mich gefragt, ob sie mich mitnehmen sollen! Und meine eigene Frau versteht mich nicht." Dann schläft er im Wohnzimmer. Denn er muss ja früh raus.

Seltsamerweise passiert das oft, auch in Freundschaften oder in der Familie: Die Leute, die uns am besten kennen, scheinen uns am wenigsten zu verstehen. Mama, du kannst dir doch denken, dass ich nicht lange bleiben kann, warum kochst du denn drei Gänge und lädst Tante Gisela ein! Leute, ihr wisst doch, dass ich im Urlaub gern lange schlafe und faulenzen will, und ihr plant einen Ausflug nach dem anderen!

Was einen daran wütend macht, ist nicht nur der oft tatsächlich doch recht nichtige Anlass (zu spät nach Hause kommen, zu viel gekocht kriegen, am Faulenzen gehindert werden), sondern eine übergeordnete Verletzung: das Gefühl, nicht verstanden zu werden von den Menschen, denen man am nächsten ist. Umgekehrt bleibt bei diesen einem so nahen Menschen der überproportional unangenehme Eindruck, ungerecht behandelt worden zu sein, denn: Der oder die andere hat doch gar nichts gesagt! Sind wir denn Gedankenleser?

Dem Kellner erklären wir doch auch genau, was wir essen wollen

Boaz Kayser, Professor für Psychologie an der Universität von Chicago, fasst das in einem einfachen Satz zusammen: "Nähe führt dazu, dass Menschen überschätzen, wie gut sie kommunizieren." Seine Kolleginnen und er haben im "Journal of Experimental Psychology" eine Studie über dieses Phänomen veröffentlicht, in der sie zu dem Ergebnis kommen: Wir glauben, dass wir mit Menschen, die uns nahestehen, besser kommunizieren als mit völlig Fremden, aber das stimmt nicht. In einem ihrer Versuche zum Beispiel sollten 24 Frauen und Männer erst ihrem Ehepartner und dann jeweils einem Fremden einen schwierigen, missverständlichen Satz erklären. Alle dachten anschließend, sie hätten den Satz ihrem Partner gut erklärt, und ihr Partner hätte sie bestimmt besser verstanden als der Fremde, aber das absolute Gegenteil war leider der Fall: Alle hatten besser mit dem Fremden kommuniziert als mit ihrem Partner. Schuld daran ist der sogenannte "closeness-communication bias", zu Deutsch etwa: durch Nähe verzerrte Kommunikation. Was dabei abläuft, beschreiben die Wissenschaftler so: Jede Kommunikation zwischen zwei Menschen wird dadurch beeinträchtigt, dass wir von Hause aus erst mal egozentrisch sind. Oder anders gesagt: Wir wissen ja, was wir meinen. Aber da wir davon ausgehen, dass die anderen es nicht wissen, geben wir uns Mühe, es ihnen klarzumachen. Je näher uns nun aber unser Gesprächspartner ist, desto mehr nehmen wir an, er oder sie müsste unserer egozentrischen Perspektive näher sein, und desto weniger Mühe geben wir uns, klar mit ihm oder ihr zu kommunizieren.

Einfaches Beispiel: Wenn im Lokal der Kellner kommt, sage ich sehr genau, was ich essen möchte, unter Umständen zeige ich sogar instinktiv mit dem Finger auf die Zeile in der Karte, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn ich aber aufs Klo muss, bevor der Kellner mit der Karte kommt, sage ich zu meiner Begleitung: "Bestell schon mal, du weißt ja, was ich will." Weil ich vor einer Stunde gesagt habe, dass ich Appetit auf Pizza habe, und weil ich immer Pizza Funghi bestelle, wenn wir zusammen zum Italiener gehen. Vom Kellner würde ich nie erwarten, dass er das weiß, das wäre ja egozentrisch auf geradezu irre Weise. Aber bei meinem guten Freund oder meiner Frau erwarte ich unbewusst, dass sie sich das denken können.

Till Raether schreibt regelmäßig in BRIGITTE über psychologische Themen und somit auch über Partnerschaft. Seine jahrelangen "Feldforschungen" haben ihn zum Experten - nicht nur in Fragen der Kommunikation - gemacht.

Was man vielleicht noch mit einem kleinen Zank wegstecken kann, wenn einem der Partner statt Pizza Funghi die Scampi-Pfanne von der Tageskarte bestellt ("Die sollen so gut sein!" - "Ja, die müssen wahrscheinlich weg. Du weißt doch, dass ich ..." usw.). Aber das Problem, dass die Kommunikation schlechter wird, je größer die Nähe ist, führt natürlich zu sehr viel komplexeren und krisenhaften Sachlagen. Der Mann, der irgendwann eine Affäre gesteht und zu seiner Rechtfertigung sagt: "Ach komm, du hast doch genau gemerkt, wie unglücklich ich seit Jahren in unserer Beziehung bin." Die beste Freundin, die den Kontakt abbricht, weil ihre Freundin Sex mit einem Mann hatte, in den sie vor Jahren unglücklich verliebt war: "Du weißt doch genau, dass ich nie über Mirko hinweggekommen bin."

Klar, man könnte es merken, man könnte es wissen, aber diese Konflikte entstehen immer, wenn der andere eine ganze Menge voraussetzt, nämlich eine Vertrautheit und eine Intuition, die in einer Beziehung aber nicht die ganze Zeit über gleich stark ausgeprägt sind. Außerdem hat es was sehr Ernüchterndes: Fremden gegenüber erklären wir uns mühevoll, und unseren Liebsten gegenüber machen wir's uns kommunikationstechnisch so bequem wie möglich.

Und das Alarmsignal ist möglicherweise das Wort "doch", das immer fällt, wenn jemand einen doch verstehen, doch kennen, es doch besser wissen müsste. Doch? Nein. Es ist wieder das romantische Märchen von den zwei Herzen, die wie eines schlagen, und den Partnern, die einander ohne Worte verstehen. Positiver gesagt, kann man draus vielleicht was lernen: Rede mit denen, die du liebst, wie mit Fremden. Zumindest genauso sorgfältig und präzise.

Text: Till Raether Foto: ThomsonD/shutterstock
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