Vater-Kind-Beziehung: Was können Mütter tun?

Wenn die Familie zerbricht, bekommt oft auch die Vater-Kind-Beziehung Risse. Was können die Frauen tun, damit der Kontakt zwischen Vater und Kind nach der Trennung stabil bleibt? Eine ganze Menge, sagt die Erziehungsberaterin Anja Werner - auch wenn es manchmal schwerfällt.

BRIGITTE: Viele Mütter klagen über Ex-Partner, die zu wenig Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Vätervereine hingegen meinen, es seien in den meisten Fällen die Frauen, die es ihnen schwer machen, ein guter Vater zu sein. Spinnen die einen - oder die anderen?

Anja Werner: Weder noch. Klar, es gibt Männer, die sich nicht so um ihre Kinder kümmern, wie es wünschenswert wäre. Und es gibt Frauen, die den Kontakt zwischen Vater und Kind torpedieren. Vor allem aber gibt es sehr viele getrennte Eltern, die es schaffen, ihren Kindern zuliebe miteinander zu kooperieren. Wenn wir uns nun über Eltern unterhalten, denen das nicht so gut gelingt, dann würde ich das Thema gern wegführen von der "Mütter-Väter"-Ebene. Lieber rede ich über die, bei denen das Kind seinen Lebensmittelpunkt hat - meist, aber nicht immer die Mutter -, und die, bei denen das Kind keinen Alltag verbringt; das ist nicht immer, aber meist der Vater.

BRIGITTE: Sie meinen, die Konflikte, die Mütter mit Vätern ausfechten, sind nicht geschlechtsbedingt, sondern Konflikte zwischen verschiedenen Elternrollen?

Anja Werner: Genau. Der Elternteil, der viel mehr Zeit mit dem Kind verbringt, trägt automatisch die größere Erziehungsverantwortung. Das kann der, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, in dieser Form nicht leisten. Wer welche Aufgaben übernimmt, muss ausgehandelt werden. Das ist anstrengend. Auch wenn es selten vorkommt: Es gibt Fälle, in denen die Kinder nach der Trennung beim Vater bleiben - häufig dann, wenn er die Rolle des Hausmanns übernommen hat und die Mutter die Versorgerrolle. Wenn es bei diesen Eltern zu Konflikten kommt, sind es die gleichen wie bei Ex-Paaren mit traditioneller Rollenverteilung.

Seit zwölf Jahren arbeitet Anja Werner, 47, in der Erziehungsberatungsstelle Celle. Vor drei Jahren übernahm die Diplom-Psychologin und systemische Therapeutin die Leitung. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

BRIGITTE: 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen: Was kann die Mutter zur stabilen Vater-Kind-Beziehung beitragen?

Anja Werner: Zunächst: Auch wenn die Partnerschaft intakt ist, sollten Eltern darauf achten, dass sich zwischen Vater und Kind eine eigenständige Beziehung bilden kann. Verbringe ich als Vater genug Zeit allein mit meinem Kind? Schaffe ich es als Mutter zu akzeptieren, dass mein Mann mit dem Kind anders umgeht als ich? Halte ich es aus, dass die beiden sich streiten und versöhnen und nicht ich für Versöhnung sorge? Klar ist: Je enger die Vater-Kind-Beziehung, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auch nach einer Trennung tragfähig bleibt.

BRIGITTE: Und wenn die Trennung Realität wird?

Anja Werner: Dann wäre es gut, wenn die Eltern es schafften, dem Kind gemeinsam zu sagen, dass ihre Liebe füreinander verschwunden ist und dass daran, so traurig das ist, weder Vater noch Mutter und erst recht nicht das Kind Schuld trägt. Sicher hilft es, eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen, in der der Blick vom Paarkonflikt immer wieder zurück auf die Verantwortung für das Kind gelenkt wird. Das ohne Unterstützung hinzubekommen ist schwierig. Wenn mich eine Mutter in einer Trennungssituation um ein Gespräch bittet, sage ich als Erstes: "Kommen Sie zu zweit!" Kommt sie allein, empfindet der Vater schnell: Da verbünden sich zwei Frauen und besprechen Dinge, von denen ich nichts weiß. Ganz wichtig: Klären Sie finanzielle Angelegenheiten mit Hilfe von außen. Lassen Sie sich beide von einem Anwalt beraten, welche maximalen Rechte und Pflichten Sie haben, und gehen Sie dann in die Mediation - also in einen Prozess, der auf eine Einigung abzielt, bei der keiner sich als absoluter Verlierer fühlt.

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BRIGITTE: Sie warnen davor, alles zu fordern, was einem laut Gesetz zusteht?

Anja Werner: Ja. Wie sollen Eltern auf der erzieherischen Ebene jemals vertrauensvoll zusammenarbeiten, wenn er oder sie das Gefühl hat, finanziell total über den Tisch gezogen worden zu sein? Außerdem: Gestehen Sie einander zu, dass eine Trennung ein hoch emotionaler Prozess ist, in dem man sich nicht immer klug verhält. Versuchen Sie, nicht jeder Eskalationseinladung zu folgen, auch wenn das schwer ist. Und sprechen Sie schwierige Themen nie im Beisein des Kindes an, etwa bei der Übergabe.

BRIGITTE: Die häufigste mütterliche Klage: Er absolviert mit den Kindern nur Spaßprogramme, während ich den lästigen Alltagskram wuppen muss.

Anja Werner: Wenn mein Kind bei mir lebt, dann schläft es abends bei mir ein und wird morgens von mir geweckt, ich treffe Alltagsentscheidungen, wie ich sie für richtig halte, bekomme die ersten Schritte mit und den ersten Liebeskummer. Es ist ein Geschenk, das erleben zu dürfen. Die Kehrseite heißt: Ich darf nicht nur, ich muss. Als Besuchsvater dagegen denke ich: Das alles habe ich nicht, ich habe unser Kind nur alle zwei Wochen von Freitag bis Sonntag - und in der wenigen Zeit soll ich Vokabeln mit ihm lernen, obwohl es das hasst? Lieber mache ich Dinge, auf die es Lust hat.

BRIGITTE: Aber zu einer Beziehung gehört doch auch, Unangenehmes durchzustehen.

Anja Werner: Natürlich, auch im Interesse des Vaters wäre es gut, wenn er solche Aufgaben übernehmen würde. Aber wenn die Mutter darüber ernsthaft ins Gespräch kommen will mit dem Vater, muss sie seine Gefühle verstehen, ihre Vorwurfshaltung ablegen und signalisieren: Es geht mir nicht darum, dir vorzuschreiben, was du in der wenigen Zeit mit dem Kind tun sollst, sondern darum, die Erziehungsverantwortung gemeinsam zu tragen.

BRIGITTE: Viele Mütter erzählen: Es klappte so lange einigermaßen, bis er eine Freundin hatte. Von da an interessierte er sich immer weniger für sein Kind.

Anja Werner: Eine neue Partnerschaft ist immer eine Belastung für die Beziehung zum Kind, egal, auf welcher Seite. Wenn Kinder den Neuen oder die Neue als Konkurrenz empfinden, können sie ganz schön schwierig werden. Manche Frauen beenden die Beziehung dann wieder - und verabschieden auch den nächsten Partner, sobald sie das Gefühl haben, er sei nicht kompatibel mit den Bedürfnissen der Kinder. Das ist aber auch nicht unbedingt klug, denn dieses Muster kann dazu führen, dass sich die Kinder vielleicht irgendwann verantwortlich fühlen, wenn Mama nicht glücklich wird. Manche Männer entscheiden sich tatsächlich dafür, die neue Partnerin dem Kind vorzuziehen. Sehr selten erlebe ich auch Mütter, die das tun.

BRIGITTE: Wie verhalte ich mich, wenn der Vater keinen Kontakt mehr sucht?

Anja Werner: Das ist extrem schwer. Ich muss nicht nur die Trauer und Enttäuschung des Kindes aushalten. Ich muss versuchen, meine Gefühle so zu beherrschen, dass ich den Vater in Gegenwart des Kindes nicht abwerte, selbst wenn ich allen Grund habe, ihn zu verfluchen: Aber aus Sicht des Kindes würde das bedeuten, dass ich einen Teil seines Selbsts ablehne - schließlich trägt es zur Hälfte die Gene dieses Mannes. Großartig wäre, wenn es der Mutter gelänge zu sagen: "Papa kann nicht so für dich da sein, wie du es dir wünschst, das hat nichts mit dir zu tun." Um das hinzubekommen, muss sie sich klarmachen: Ich tue das nicht für den Vater, ich tue das für mein Kind.

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Anja Werner
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