Neu in den Partner verlieben: Ist das möglich?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt: 

Aber unbedingt! Geschieht es nicht ohnehin ständig?

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Jetzt mal ausführlich: 

30 Jahre. So lange hatten sich Miriam und Rolf nicht gesehen. Damals, nach dem Abitur, endete ihre Liebe abrupt und unglücklich. Sie floh aus ihrem Elternhaus in eine andere Stadt, er fühlte sich von ihr verlassen. Sie waren zu jung und zu unerfahren, um es zu klären. Und nun stehen sie auf dem Jahrgangstreffen ihrer Schule voreinander - und verlieben sich auf der Stelle wieder. Die alte Vertrautheit gibt ihnen Mut, alle Bedenken zu vergessen und sich ihren Gefühlen hinzugeben.

Was wie eine außergewöhnliche Geschichte klingt, ist es bei genauerer Betrachtung nicht. Zum einen, weil Klassentreffen der Ort sind, wo alte Lieben gar nicht selten wieder aufleben: Schließlich holen uns dort die kostbaren, weil so intensiven Gefühle unserer Jugendzeit wieder ein. Aber es ist nicht nur das. Denn im Wieder-ineinander-Verlieben lange Getrennter zeigt sich, was auch in Beziehungen ständig geschieht: Dass wir uns immer wieder ineinander verlieben.

Liebe, so beschreibt es die US-amerikanische Psychologie-Professorin Barbara Fredrickson, sind Mikromomente positiver Resonanz. Ein Augenkontakt, eine Umarmung, ein Lob, ein ehrliches Gespräch, ein tiefes Gefühl von Gleichklang, Nähe, emotionaler und sexueller Anziehung. Wir werden ein Paar, wenn uns Liebesmomente intensiv und fortwährend verbinden. Daraus erwächst ein Band, das uns zusammenhält, sodass wir diese Momente immer wieder aufs Neue miteinander schaffen. Und diese Momente stärken wiederum das Band, das uns zusammenhält. Der Kreislauf der Liebe. 

Vom Dauerglück bis zur Wirklichkeit

In der ersten Verliebtheit erscheint es uns wie pures Dauerglück, doch das entpuppt sich schnell als Fata Morgana. Dann landen wir in der Wirklichkeit, wo wir uns lieben und nerven, bewundern und kritisieren, treffen und verfehlen, erfüllend und frustrierend füreinander sind. Wir geraten in Auseinandersetzungen. Bekommen wir diese Konflikte nicht gelöst, werden die Situationen, in denen wir uns erreichen, seltener und mit ihnen die Momente der positiven Resonanz. Zuneigung, Zärtlichkeit und Begehren verschwinden. Wir entfremden uns voneinander, und irgendwann trennen wir uns. 

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe“. (242 S., 20 Euro, Dumont)

Viele Paare erzählen mir, dass sie bereits ein- oder zweimal getrennt waren. Wegen ihrer Affäre, seines Auslandsaufenthalts, weil sie sich ungeliebt oder eingeengt fühlten. Trotzdem betrachten sie ihre Beziehung im Nachhinein als kontinuierlichen, nur kurzzeitig unterbrochenen Prozess. Das ist nachvollziehbar, denn Trennungen erschüttern uns. Wir denken über uns nach, und häufig wird uns erst dann bewusst, was wir aufgegeben haben. Der Dauerkonflikt hat die guten Seiten der Partnerschaft überdeckt, die wir nun wieder spüren - der destruktive Kreislauf zwischen uns existiert nicht mehr. Eine Geste oder Reaktion des anderen mag uns noch daran erinnern. Vielleicht bleiben wir dann vorsichtig, so wie wir vor einem Abgrund stehen bleiben. Oder wir lassen uns fallen und verlieben uns neu. Wie Miriam und Rolf. 

Wir können es aber auch anders sehen: So wie wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen können, so können wir ohnehin niemals zweimal denselben Partner küssen. Aber das ist noch einmal eine andere Geschichte.

Brigitte 12/2018

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