Nicht beziehungsfähig: Gibt es das wirklich?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Wissen wir nicht seit Einstein, dass alles relativ ist? Und: Es gibt da eine Gegenfrage.

Wichtig an einer Frage ist manchmal nicht nur die Antwort, sondern auch, wieso wir sie gerade jetzt stellen. Die Frage, ob jemand beziehungsunfähig ist, stellen wir oder guten Freunde uns vor allem, wenn wir an einer Beziehung zweifeln oder unglücklich sind. Wenn sich der Partner oder die Partnerin nicht einlässt. Wenn sie immer wieder verspricht, aber nie hält. Wenn er fremd geht. Wenn wir uns nicht beachtet oder nicht verstanden fühlen. Wenn sich eine endlos hinziehende Affäre nicht in eine wirkliche Beziehung wandelt. Spätestens wenn sich unsere vergebliche Liebesmühe vor uns auftürmt wie der Himalaja, fragen wir uns, ob wir uns nicht in unserem Lieblingsmenschen irren, und er/sie in Wahrheit liebesbindungs-beziehungsunfähig ist. Oder wir fragen uns, ob wir vielleicht selbst die wandelnde Beziehungskatastrophe sind, weil unsere Träume von Liebe und wahrer Partnerschaft gleich reihenweise geplatzt sind.

Beziehungsunfähigkeit ist angeboren

Aber Beziehungsfähigkeit ist uns angeboren. Babys kommunizieren vom ersten Atemzug an. Menschsein IST Beziehung. Allerdings gibt es Unterschiede, wie leicht es fällt, sich wirklich darauf einzulassen. Schmerzhafte Erfahrungen, verlassen, nicht angenommen oder völlig vereinnahmt worden zu sein, führen zu Bindungsängsten.

Wir fliehen, wenn es nah wird. Oder klammern, sobald die geringste Distanz entsteht. In tief traumatisierten Menschen können Beziehungen so starke Ängste auslösen, dass sie sich nur sehr eingeschränkt darauf einlassen können. Anderen fällt es schwer, sich einzufühlen, weil sie beispielsweise eine Form des Asperger-Syndroms haben. Sind sie deshalb beziehungsunfähig? Beziehungsunfähigkeit ist keine Eigenschaft, die uns eintätowiert ist. Wer einem Partner nicht genügt, kann durchaus für einen anderen anziehend sein. Klar: Es ist ziemlich unerträglich, mit einem Narzissten eine Beziehung zu führen. Und mit Psychopathen, die gefühlskalt und ohne jedes Mitgefühl sind, geht es im Grunde gar nicht – wobei gerade die uns überzeugend vormachen, ungewöhnlich einfühlsam zu sein.

Doch auch in diesem, sehr seltenen Fall sind wir sicher, wenn wir beherzigen, welche eigentliche Bedeutung unser Verdacht der "Beziehungsunfähigkeit" hat: Wir leben nicht in der Beziehung, die wir suchen, und all unsere Versuche, das zu verändern, sind gescheitert.

Leiden an der uns nicht erfüllenden Beziehung

Wir brauchen daher keine zweifelhafte Diagnose über den anderen, sondern über uns selbst. Wir leiden an der uns nicht erfüllenden Beziehung. Und wenn unser Liebster darauf nicht reagiert, dann erweist er sich tatsächlich als "beziehungsunfähig" – für uns.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe“. (242 S., 20 Euro, Dumont)

Und hier noch die Gegenfrage: Angenommen, die Göttin der Liebesbeziehungen könnte uns mit Sicherheit verraten, dass der langjährige Lebensmensch oder der, in den wir uns gerade verliebt haben, absolut beziehungsunfähig ist – was würden wir tun? Würden wir ihn oder sie augenblicklich aus allen Kontakten löschen und selbst verständlich nie wiedersehen? Oder würden wir nicht doch weiter das tun, was wir ohnehin tun: uns solange um unsere Liebesbeziehung bemühen, bis unsere Hoffnung keine Kraft mehr hat?





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BRIGITTE 09/2020

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